1850_Gutzkow_030_100.txt

es, wie Timon der Menschenhasser, so wollten sie im Spiegel nur ihren Verfall, ihr Elend erblicken. Der Ort da oben kommt mir wie ein Spiegel vor, in dem eine Büsserin beschaut, wie sie bei aller Reue sich doch noch immer schön ausnimmt ....

Die Bewohnerin des Schlosses, sagte Dankmar, war die Fürstin Amanda von Hohenberg.

Ich weiss es, bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmteit.

Sie wurde fromm, fuhr Dankmar fort, als sie sich unglücklich fühlte und keine irdische Rettung mehr kannte. Ihr Gatte trug einen berühmten Namen ohne Würde. Er verschleuderte sein Vermögen. Die arme liess nichts zurück, als ein gesegnetes Andenken und einen Sohn, der, wenn ich nicht sehr irre, gelernt hat, irdische Auszeichnungen entbehren.

Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter stimme. Er hatte eine so tiefe achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen, dass er glaubte, hier für ihn einstehen zu müssen, wo seiner unglücklichen Mutter vorgeworfen wurde, sie hätte mit ihrer Frömmigkeit es doch wohl nur auf die hergebrachte weibliche Eitelkeit, wenn auch in andrer Form, abgesehen gehabt und es wäre ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen.

Ackermann wandte sich auf diese Worte plötzlich, blieb einen Augenblick stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an.

kennen Sie den Prinzen Egon? sagte er, hochrot erglühend.

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar mit einer Erregung, die ihm gleichfalls in die Wangen stieg. Ich verbürge mich für ihn; setzte er entschieden hinzu.

Es kennt ihn hier Niemand, sagte Ackermann, es kannte ihn in der Residenz Niemand, er lebte in Paris; und Sie ... kennen ihn?

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen abzubrechen und umzukehren.

Ackermann schwieg, betroffen, wie es schien und seine Anklage bereuend. Er wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen, zu dem jungen Zeck, der mit schwerem plumpem gang voranschritt und einmal über das Andere für sich über das Glück seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte. Die für die Letztere bestimmten Goldstücke musste Ackermann in der weiten Brusttasche tragen, denn mit stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle schien der Taube sagen zu wollen: Nicht wahr, da steckt das Geld für die Tante? Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und betrachtete ihn noch ängstlicher als gestern schon, wo er sich als Eigentümer des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte ...

Selmar blieb bei Dankmarn zurück.

Es scheint, sagte Dankmar, als wenn ihr Beide, du und dein strenger Vater, im Streite wäret, wo ihr künftig leben solltet, hier oder wieder drüben, jenseit des Meeres .....

Das eben ist es! sagte der Knabe.

Der Vater muss eine üble Meinung von Europa haben. Ich hörte es an der heftigen Anklage gegen die frömmelnde Fürstin Amanda ...

Er war gestern anders .... sonderbar..

Kannte er sie?

Die Fürstin Amanda? sagte der Knabe erstaunend. Ich glaube: nein!

Ist der Vater reich, so sollte er diese Besitzung kaufen ...... Sie ist zu haben.

Ja zu haben! rief der Knabe lachend und schüttelte den Kopf, als glaubte er, dazu gehörten Millionen.

Dann fuhr er fort:

Nein, nein! Der Vater kämpft mit sich, was er mehr lieben soll, die alte oder die neue Welt. Erst zog es ihn mit so grosser Gewalt nach Europa zurück, er traf alle Einrichtungen, nie wieder zu kommen, liess Haus und Hof in getreuen Händen, die, im Fall er nicht wiederkäme, ihm dafür den baaren Betrag einer ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefällt ihm ja das alte Heimatland nicht mehr! Jede Gegend, die er von früher sieht, erweckt ihm traurige Erinnerungen und während er so rüstig, so gesund und sonst so heiter ist, ruft er hier überall aus: Ich bin alt geworden, alt! ... und blickt dabei so wehmütig gegen Himmel, ... dass ich weinen möchte!

Selmar weinte ...

Armes Kind! sagte Dankmar, den Knaben tröstend. Und dir geht es umgekehrt? Dir gefällt die Heimat deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen. Dich reizt das Gewühl unserer Städte, die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, die Verschiedenheit der Sprachen, der Luxus, die Pracht der Lebensweise, die schönen Krieger in glänzenden Uniformennicht so?

Selmar wurde über und über rot und lachte plötzlich.

Ei bewahre! sagte er endlich ganz verschämt.

Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das ist's, was dich fesselt! Für ein so schönes Schauspiel, wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmückten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klängen, giebst du noch Amerika's ganze Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Fessel ist, die den Vater an Amerika kettet; denn aus seinen Äusserungen über das Schloss dort oben sehe' ich, dass er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt.

O gewiss, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! sagte Selmar mit leuchtenden Augen. Dann fuhr er fort:

Glaubt nur nicht, dass ich kein Herz für die Grösse der Union habe und die freie Staatsform, in der wir leben, geringschätze. Indessen

Warum