1849_Gotthelf_150_99.txt

Seltenheit, dass eine Frau noch schlauer ist als der schlimmste Rechtsagent, welcher dem Teufel von dem Karren gefallen ist, aber für so eine wirst du dich nicht ausgeben wollen?"

"Nein, das nicht," sagte Vreneli, "aber du willst nicht verstehen, was ich meine, und das geht mir zu Herzen. Ich will nichts mehr sagen als: prozediere nicht, das ist des Teufels ärgster Lockvogel, wer mal anbeisst, den fasst er beim Ohr." "Und lieb wäre es mir auch," sagte Uli, "du würdest mir keine Stündelerin, sonst gut Nacht Friede und Hausen. Uha, Kohli! Sollte was füttern, unterdessen können wir eine Flasche trinken, dir wirds auch recht sein, da du so frühe vom Mahl gegangen," sagte Uli. "Wie du willst," sagte Vreneli, um nicht zu widersprechen. Es verlangte ihn es nach seinen Kindern, schon mehr als zwölf Stunden hatte es sie nicht gesehen und dies noch nie erlebt.

Es war sogenannter Tanzsonntag, das heisst ein Sonntag, wo so gleichsam von Obrigkeits wegen getanzt werden muss. Es besteht nämlich im Kanton Bern ein Gesetz, welches im Jahr sechs Sonntage bestimmt, an welchen allentalben getanzt werden darf. Das junge Volk legt dies nun oft so aus, als ob wirklich getanzt werden müsse. Diese Auslegung haben schon viele Wirte und noch mehr Väter erfahren. Die Auslegungskunst ist eine ganz eigentümliche. Nun gibt es viele Jungens und Mädchen, welche in Kritik und Auslegungskunst noch viel stärker sind als Strauss und es noch weiter treiben, so dass selbst die Allerstraussigsten (um einen allgemein gewordenen Ausdruck zu brauchen) in ihrer Schule noch entschiedene Fortschritte machen könnten.

Das Wirtshaus war sehr angefüllt, das stampfte und trampelte, als ob da eine Trittmühle für viele hundert Personen angelegt sei. Es war das Wirtshaus, in welchem Ulis Freund wirtschaftete; dies war Vreneli noch unangenehmer als das Stampfen und Trampeln, welches alle Augenblicke das Zusammenbrechen des hölzernen Hauses befürchten liess. Sie konnten sich kaum durchdrängen, doch sobald der Wirt sie bemerkte, machte er ihnen mit seinem kolossalen Buckel stattlich Raum und verhalf ihnen zu gutem Platz. Es war schade, dass er nicht ein päpslicher Schweizer geworden, er hätte zu nichts besser getaugt, als an grossen Kirchenfesten in Rom Platz zu machen für die rotgestrümpften Herrn Kardinäle. Vreneli war lange nie an einem solchen Sonntage in einem wirtshaus gewesen, um so schärfer liess es in dem ihm neu gewordenen Gewimmel seine Augen schweifen. Es kam ihm erst vor, als sei es entweder selbst verrückt oder es sei in ein Tollhaus geraten. Es sah da halbbatzige Knechtlein, noch wohlfeilere Mägde, Lehrbuben, sogenannte Bauernsöhne, deren Väter mehr schuldig waren, als der Hofwert war, die seit Jahren unbezahlten Zinse nicht gerechnet, Handwerksbursche, an denen es durch die Woche keinen ganzen Schuh gesehen, ja Bettelpack, welches es oft vor seiner tür gehabt, durcheinanderwimmeln, in glitzerndem staat, aufgeschwollen von Hochmut, Trotz und tierischer Lust, vollgefressen und -gesoffen zum Verspritzen, tun, als wäre nicht bloss die ganze Welt die ihre, sondern als hätten sie, wenn sie diese Welt verklopft oder verkegelt hätten, noch sieben siebenmal grössere Welten zum Verklopfen und Verkegeln. Es war ihm wie einem, der einen Trupp Flöhe betrachtet durch ein Vergrösserungsglas und sie ihm vorkommen wie langhärige Elefanten. Es waren ganz ungeheuer andere Leute, als es in der Woche gesehen, ein einzig Stück schien die stube zu füllen. Es duckte und drückte sich bestmöglichst in einer Ecke, und doch fürchtete es, gequetscht und erdrückt, ja durch den Luftzug der aufgerissenen Mäuler durch einen der aufgesperrten Schlünde in einen unterirdischen Schlauch gewirbelt zu wer, den, so trampelten und himmelsappermenteten sie im ganzen haus herum. Als es sich ein bisschen gefasst, da rief es das Bild, welches es heute ins Gemüt gefasst, hervor, und es war ihm, als hätte es eines Rätsels Lösung, als stelle das Bild sich in den Hintergrund dieser Herrlichkeit, und was im Vordergrund so gross und himmelsappermenterlich sei, werde nach und nach dem Hintergrunde zugedrängt, werde kleiner, dürftiger, erbärmlicher, jämmerlicher, zu einem Stübchen voll halbnackter, gramselnder, hungriger Kinder, zu einem Stübchen voll Elend und Not, ohne Kleider, ohne Brot.

Diese Wandlung der Gegenwart in die Zukunft, dieses Zusammenschrumpfen einiger Jahre in einen Augenblick, diese Art von Vision oder Gesicht, lebendig in der Phantasie, hatte Vreneli selbst der Gegenwart entrückt, so dass ihm entging, wie Uli mit dem Wirte, welcher der vielen Leute ungeachtet Zeit machte, um neben Uli abzusitzen, in ein Gespräch geriet und ihm den Kuhhandel vortrug. Erst als der Wirt mit seiner mächtigen stimme sagte: "Sei nur ruhig, lass den anlaufen, zeige ihm den Meister, du kannst nicht verlieren; du hast recht, ja, wenn dies nicht erlaubt wäre, wer wollte handeln, das käme mir sauber heraus" usw. Vreneli erschrak sehr, es hätte, weiss kein Mensch was, gegeben, sie wären nicht hier eingekehrt. Es sagte: "Ich habe immer gehört, ein magerer Vergleich sei besser als ein fetter Prozess, die Sache wirft nicht viel ab, und was ein Prozess kosten kann, weiss man nicht. Mich dünkt, wenn du es gut mit Uli meintest, so würdest du zu Uli sagen: Vergleicht euch, wenn du auch viel oder wenig leiden musst, so