angerichtet, und je mehr, je besser. So sollte es allen gehen, welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch fromm." "Ich sehe dich doch noch?" fragte das Fraueli weichmütig Vreneli. "Gewiss," sagte Vreneli, "aber jetzt ist es Zeit! Gebt mir das Kind in Gottes Namen, und gehen wollen wir in Gottes Namen, und dass des Kindes Eingänge und Ausgänge sein ganz Leben lang alle geschehen in Gottes Namen, das wolle Gott." Wie nötig das arme Würmlein das hätte, musste Vreneli denken den ganzen Weg entlang, während die andere Gotte alle möglichen Manövers machte, damit die Leute nicht meinten, sie gehöre zum kind; sie dachte nicht daran, wie wenig ihr alle Künste hülfen, da sie in der Kirche vor aller Leute Augen doch zum kind stehen musste.
Man kann allerdings nicht genug daran denken, wenn man ein arm Kind zur Kirche trägt, wie nötig dasselbe Gott habe, wenn das Elend der Sünde es nicht verschlingen soll.
Der Taufschmaus oder, wie man merkwürdigerweise sagt, die Kindbetti (wahrscheinlich, weil der Mann die Kosten dazu mit Weh und Schmerzen aufbringt) wurde im wirtshaus ausgerichtet. Die eigentliche Kindbetterin blieb zu haus, wohin auch das Kind getragen wurde. Vreneli verarbeitete grausam viel Langeweile, ehe die Mahlzeit aufgetragen wurde. Mit seiner Mitgevatterin stunde es auf gespanntem fuss, mit den Andern war nicht viel zu reden, die Wirtin war nicht redselig und der Wirt handelte mit Juden um Kühe. Der Wirt gehörte nämlich unter die Wirte, welche weder Sonntag noch Sabbat kennen, um alles handeln und die eigne Seele verschachern würden, wenn man sie an einen vierkreuzerigen Strick binden und weiterführen könnte. Wahrscheinlich um solcher Wirte willen wird der liebe Gott die Seele unsichtbar gemacht oder keinen Strick geschaffen haben, an dem man sie halftern kann. Der kleine Bauernsohn war ein Dorfrenommist. Ungeheure Heldentaten hatte er vollbracht, aber alle waren mit Schmutz angemacht oder nahmen ein schmutziges Ende. Vreneli kriegte grossen Ekel darüber. Sobald es das Nötigste gegessen und getrunken hatte, verschwand es ganz in grossem Stile. Der Wirtin trug es auf, später seine Entschuldigungen zu machen, nahm noch Wein und Fleisch mit sich, versteht sich für sein Geld, und machte dem verlassenen Fraueli sich zu.
Über den so frühen Besuch war dieses fast erschrocken, denn so früh verlässt sonst selten eine Gotte den Patenschmaus; es fürchtete, der Mann könnte es an ihm zürnen, dass Vreneli so frühe fortgelaufen. Indessen verlor sich dieser Schreck in der Freude, die alte Gespielin vor sich zu haben. Das Herz ging ihm auf, es erzählte Vreneli seine geschichte. Diese war nicht viel anders als die geschichte von Tausenden, aber sie ging Vreneli doch zu Herzen, als sei sie ihm neu von Anfang bis zu Ende. Leichtsinnig hatte sie sich mit einem Nebenknechtlein eingelassen, musste ihn heiraten, hatten nichts erspart, bekamen ein Kind nach dem andern; sie konnte nichts verdienen, er war von den Mittelmässigen einer, welche nur geringen Lohn erhalten. Er war wohl fleissig, aber er war kein Meister in irgend einer Arbeit, konnte nur taglöhnern oder als Nebenknecht in einem Dienste stehen, wo er keinen besonderen Zweig der Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte; er war von denen einer, welche einen Tag nach dem andern hinnehmen, wie er kommt, ohne Streben und Anspannung, durch Ausbildung seiner Kräfte oder tüchtigere Anwendung derselben seine Lage zu verbessern. So erzählte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein, wie kümmerlich sie sich durchbringen müssten, wie Kreuzer um Kreuzer abgezählt werden müsste, welche Angst und Sorgen es verursache, wenn unerwartet Schuhe geflickt werden müssten, und welche Freude, wenn unerwartet ein Stück Brot ins Haus käme oder ein altes Kleidungsstück.
Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut, aber so ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt, die ängstliche tägliche Pein nie so anschaulich vor Augen gehabt, als sie ihm jetzt durch seine Freundin dargestellt ward, so dass es ihm wurde, als sei es selbst mitten drin und müsste sie mitmachen Tag für Tag. Es hatte unsägliches Erbarmen mit dem armen weib, es fühlte, wie es in solchem Zustande, in welchem man zu wenig hat, um zu leben, und zu viel, um zu sterben, wo man keine Aussicht hat, ihn zu verbessern, die höchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen, höchstens bis an ein Huhn, namenlos unglücklich wäre, ihn nicht ertragen könnte. In einem solchen Zustande, gleichsam mit gebundenen Händen und Füssen, jahrelang bis ans Lebensende zu zappeln, in täglicher endloser Not zu verkümmern, die Brosamen zählen zu müssen und immer zu wenig zu haben, den eigenen und der Kinder Hunger zu stillen, das ist das Schrecklichste unter der Sonne. Es schauderte zusammen bei dem Gedanken, wenn es doch das erleben müsste, es konnte nicht begreifen, wie die arme Frau das so erzählen konnte ohne Jammer und Weinen. Es konnte nicht begreifen, wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzählen konnte, wie sie ihre Armütigkeit verwalte, es dachte nicht daran, wie der Mensch nach und nach an alles sich gewöhnt und auch daran, im engsten raum sich zu bewegen und seine Tätigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen. Wer an weite Aussichten gewohnt ist, an grossen Geschäftsverkehr und weitin reichendes Wirken, dem scheint ein so eng beschränktes Dasein die