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, nicht im Hoffärtigsein, da ist ein Unterschied, den musst du noch lernen, er hat viel auf sich. Doch behüte dich Gott und lebe wohl, muss pressieren, es ist ohnehin wohl spät." Als Uli dem Weibchen nachsah, musste er sich gestehen, dass heute, trotz der einfachen Kleidung, wohl kaum ein schmuckeres Weibchen auf Berner Wegen gehen werde, als eins eben von seinem haus ablief.

Es war das erstemal seit seiner Heirat, dass Vreneli so weit von haus sich entfernte, mehr als drei Stunden weit. Es war ein klarer, aber rauher Frühlingsmorgen, ein starker Reif lag auf den Feldern, Schnee bedeckte die niederen Höhen. Noch sah man bedeutendere Sterne am Himmel, die minderen hatte der beginnende Tag verschlungen, das heisst für Vrenelis Augen. Andere Augen, nur einige Stunden weiter, sahen es anders und Gottes Augen noch ganz anders. So geht es mit den Augen und der Sterne Bedeutung, und noch ganz anders mit den Menschen, welche man sinnbildlich Sterne nennt. Sterne hier könnte man zwanzig Stunden weiter nicht für Stallaternen brauchen, und noch zehn Stunden weiter wären sie nichts als schmutzige Öltöpfe oder winzige Talgstümpfchen.

So einmal aus dem Gesurre des täglichen Getriebes herauszukommen, ist äusserst wohltätig. Es ist, als ob die Sinne freier würden, als steige man auf ein Berglein und übersehe nun den Wald, den man sonst vor lauter Bäumen nicht gesehen. So ging es Vreneli. Ihre ganze Lage rollte sich vor ihm auf wie eine Landkarte. Es sah die schönen Punkte, die steilen Höhen, die gefährlichen Pässe, es sah, wie mit Gottes hülfe keine Gefahr für sie wäre, wenn die gehörige Vorsicht gebraucht würde, eine weise Sparsamkeit am rechten und nicht am unrechten Orte, kein närrisches Vertrauen in unbewährte Menschen. Wenn schon das letzte Jahr nicht das beste gewesen, so war es mit ihnen doch vorwärtsgegangen, nur hatten sie leider das Geld nicht beisammen, das machte Vreneli seufzen. Hätten wir es doch nur, dachte es. Was hilft viel lösen, wenn man nichts kriegt? Viel versprechen kostet ja nichts, zahlen ist die Hauptsache. Mit Behagen dagegen überschlug es, wie sich ihr Hausrat gemehrt und ihre Vorräte, mehr als Uli dachte. Wenn es sein müsste, ein paar hundert Gulden liessen sich lösen aus Entbehrlichem, meinte es. Mit Behagen dachte es an seine Kindlein, deren es bereits drei hatte, die so lustig blühten, als wären sie drei Röselein im Garten, zählte sich die kleinen Handbietungen auf, welche Vreneli bereits leistete. Es freute sich, wie sie mehren würden, fast Tag um Tag, und dachte an die Zeit, wo das Mädchen sein rechter Arm sein werde, seine wahre Meisterjungfrau. Wenn nur die Pässe nicht gewesen wären mit ihren Grün, den und Schlünden. Es hätte Vreneli keinen Kummer gemacht, sie zu durchfahren, wenn es die Peitsche geführt, das Fahren in seiner Hand gelegen wäre; es glaubte zu sehen, wo man mehr hüst und wo mehr hott fahren müsse, wenn man sicher durchkommen wolle. Aber das ist das Peinliche auf Fahrten und gar auf der Lebensfahrt, wenn man sich fuhr, werken lassen muss, sieht sich bald rechts am Abgrunde, bald links in den Lüften, kann nichts dran machen als höchstens hüst oder hott schreien. Der, welcher fährt, sieht Abgründe und Wände nicht, hört das Schreien nicht, fährt zu, immer blinder und toller, je mehr man wehrt und schreit, express hüst, wenn er hott fahren sollte, und hott, wenn hüst ihn retten könnte, er fährt, bis es aus ist mit dem Fuhrwerk, dann fängt er mörderlich zu brüllen an, wie man mit dem Wehren und Geschrei schuld sei am Unglück, hätte man ihn alleine machen lassen, es wäre ganz anders gegangen. Ach wie viele solche Fuhrwerke holpern wohl nicht auf dem Lebenswege, es wakkeln die Räder, taumeln an den Rändern der Ab, gründe, Eins fährt, das Andere schreit, sie wackeln, sie taumeln, bis endlich das Fahren aus, das Fuhrwerk geborsten ist. Wie peinlich und angstvoll ein solches Fahren ist, ist so begreiflich, aber am wenigsten begreifts, wer die Zügel führt und die Peitsche; kann er, so haut er, wer schreit und Pein zeigt. Wenn Staatswagen so karren und taumeln, ist es noch schauerlicher und graulicher als bei Familienwagen! Daran dachte Vreneli und wie das Ding wohl anzufangen sei, dass Uli so recht auf ihn es höre, sich nicht umgarnen lasse von falschen Freunden, nicht umstricken von den Netzen des Geizes. Es fehlte ja nirgends als da, aber das war doch so gefährlich, dass ihm angst und bange ward bei dem Sinnen und Denken, der Weg ihm unter den Füssen schwand, ohne dass es es merkte, es am Häuschen stand, wo das Patekind lag, ehe es daran dachte.

Im Häuschen sah es armütig aus und wehmütig das Hausgeräte und die Hausbewohner. Vreneli hätte seine Gespielin nicht wieder erkannt, hatte Mühe, sich zu überzeugen, dass sie es wirklich sei. Zu einem alten weib war das lustige Mädchen zusammengealtert, die blanke Haut war gelb geworden, und matt, sehr matt waren Gebärden, Schritte, ja selbst das Gangwerk ihrer Rede. Die Kinder glichen Zwetschgen, über welche ein früher Reif gegangen, der Kaffee war so dünn, die Milch so blau, dass sie, als beide zusammengegossen waren,