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nicht Kummer. Doch die nächste Woche schickt es sich mir nicht." Der eine musste um Korn aus oder um Hafer oder um Vieh oder um Bauholz oder hatte sonst was, aber in vierzehn Tagen, drei Wochen oder gar den oder den Tag sollte er mit seinem buch kommen, da wollten sie sehen, wie sie stünden. "Aber da habe keinen Kummer, keinen Kreuzer wird es fehlen, einmal wenn du recht aufgemacht hast, was allweg sein wird." Aber vor jenem abgeredeten Tage kam Bescheid, der Müller habe ungsinnet Bescheid bekommen und könne an jenem Tage nicht daheim sein. Oder Uli kam zum Wirte, da hiess es, es sei ein Herr gekommen, ein Weinkäufer, und er habe mit ihm müssen trinken, er habe mögen wollen oder nicht. Es sei ein gar grausam guter Herr, den er nicht habe böse machen dürfen. Nun ging es wieder lange, bis neue Termine bestimmt waren, und als die wieder kamen, gings mit allerlei Variationen wieder so und Uli kam nicht zur Rechnung.

Als er endlich ungeduldig ward und sagte, er müsse auch zu sich sehen, sein Zins sei verfallen und wenn er ihn nicht auf den Tag gebe, so wisse kein Mensch, wie es ihm gehe, lachten sie ihn aus und sprachen ihm gar herzlich zu, er solle doch nicht so dumm sein und meinen, er müsse exakt zahlen. Dem alten Geizhals tue es nur wohl, wenn er ein Jahr oder zwei auf den Zins warten müsse, und kein vernünftiger Mensch meine mehr, dass er alles auf den Tag zahlen müsse, was er schuldig sei. Seit Mannsdenken sei das nicht mehr der Gebrauch, und wer es tue, werde nur ausgelacht. Ja, sagte Uli, hier sei eine Sache so, dort anders; Joggeli sei misstrauisch, zahle er nicht, so werde er geplagt. "Dem wollte ich das Plagen vertreiben, der müsste mir lernen, was Brauch ist" usw., hiess es von allen Seite; man machte Uli den Kopf so gross, dass er kaum zur Stubentür aus kam. Indessen so ganz z'leerem abspeisen wollte Uli sich doch nicht lassen. "Ja," hiess es, "Geld kann ich dir wohl geben, Geld, bewahre, habe ich immer im haus, wenn ein guter Schick einem zuhanden kommt, dass man ihn machen kann. Aber meine Meinung ist eben die, dass man das Geld nutzen soll, so gut man kann. So einem alten Geizhals schuldig bleiben, kostet nichts; je mehr man auf diese Weise schuldig bleibt, desto mehr Geld kann man im Handel abträglich anlegen. Hat einmal so ein Batzenklemmer das Geld zwischen seinen fünf Fingern, so ist nichts mehr damit zu machen. Das musst du lernen, Uli, dein Schade soll es nicht sein, von einem wie du möchten wir den Profit nicht nehmen, bewahre, du sollst deinen teil dar, an auch haben. Aber was man so einer hundshärigen Bauernseele ausdrehen kann, das ist sicherlich Gott und Menschen wohlgefällig." Uli erhielt Geld auf Abschlag, doch ohne zu rechnen, und als er von Rechnen sprach, sagte man ihm: "Du hast nun für einmal Geld, deine Sache ist all aufgemacht, und sobald es sich mir schickt, will ich dir Bescheid machen; dann bring deinen Kalender, die Sache wird bald fertig sein, und viel fehlen wird es kaum zwischen uns."

In solchem Aufschieben des Rechnens liegt allerdings Spekulation, aber ebenso sehr eine grosse Schlaffheit der Seele, ein Widerwille, zu irgend einem bestimmten Resultat zu kommen. Ach, und das ist so begreiflich! So eine gemästete Menschenseele, gehöre sie nun einem Wirte, einem Müller oder sonst einem zweibeinigen geschöpf, welch Schlussresultat soll sie ziehen, und soll es ihr nicht grauen vor demselben, muss sie nicht den Gedanken daran zu entfernen suchen so lange als möglich? Unwillkürlich muss immer als Resultat der Spruch sich vor Augen stellen: Wer auf das Fleisch säet, wird vom Fleisch das ewige Verderben ernten. Und weil es ihnen vor der allerletzten Rechnung graut, graut es ihnen vor allen übrigen; sie mögen nicht, ehrlich können sie nicht bestehen, müssen alle betrügerisch stellen, und am Ende hilft doch alles nicht. Der Krug geht zum wasser, bis er bricht. Ach es ist so merkwürdig, einen zwei bis drei Zentner schweren Wirt tanzen zu sehen auf allen Ästen herum, dem aller, besten Eichhörnchen zum Trotz! Verwegener werden nach jedem Sprünge die spätern Sprünge; pauz, glaubt man ihn am Boden, auf dem dicken Rükken, aber husch ist er wieder auf den Beinen, tanzt lustiger als nie, bis es doch endlich sein muss und patsch er auf dem rücken liegt; denn geht der Krug so lange zum wasser, bis er bricht, so tanzt auch ein Wirt nicht länger, als bis er liegt.

Uli brachte nicht den ganzen Zins auf, wenn er auch alle Schubfächer ausräumte, aber weil Joggeli getan hatte, als sei ihm dies mehr als halb recht, brachte er getrost, was er hatte. Diesmal war die Stimmung bei Joggeli aber anders, er machte ein sauer Gesicht und sprach von nicht warten können, das Geld nutzen zu wollen, denn ihm trage es auch Zins, wenn er es anlegen täte usw. Uli merkte, Joggeli meine, er ziehe Zins von seinen Ausständen, wie es allerdings Manche treiben, tapfer schuldig