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Wirbel, und dieser Zwang herrscht nicht bloss in der Mitte der Strömung, wo die hohen Häupter schwimmen, die sogenannten Lichter des Jahrhunderts. Ach nein, und dieses ist eben das Erbärmliche und Demütigende: ins gleiche Loch werden gewirbelt die grössten, die Kuhjungen, die Irländer, die Waadtländer und Hausväter, welchen die Weiber nicht Gix nachsagen wollen, wenn sie Gax vorgesagt, und Hausweiber, welche Zeter schreien, wenn der Mann nicht alle anspuckt, welche ihn es angrännen.

Um Politik bekümmerte sich nun Uli nichts, aber der Wirbel hatte ihn doch erfasst, der Wirt hatte die Verbindung vermittelt. Darum war er diesmal um so teilnehmender und meinte: ", ja lueg, es ist mir auch schon lange bange und es freut mich, dass es dir auch kommt." Nun musste Vreneli freilich sich erläutern, und das ist nicht leicht bei solchen Umständen und bedarf einer zarten Hand. Indessen diese hatte Vreneli, und indem es Ulis Bangen nicht schnöde und radikal zurückwies, sondern in seinem Werte gelten liess, fand es auch mehr oder weniger Geltung für das seine, fand ein schönes Neujahrkindlein, fand eine freundliche Verständigung, hatte einen milden Tag, und doch wollte die Beklommenheit nicht von ihm weichen, das Weinen war ihm immer zuvorderst. Es war ihm, als sollte es von jemand Abschied nehmen, und wusste nicht von wem. Hatte es das kleine Vreneli auf dem Schosse, so meinte es, es gelte dem, und küsste es, bis auch ihm das Weinen kam. Hatte es den Johannes, so war es ihm ebenso und es machte es ihm gleich. Es ging ihm mit der Base so, liess sie aber nicht, bis Beide die hellen Tränen weinten und die Base endlich sagte: "Nimm dich zusammen und tue es aus dem Kopf! Du machst mir sonst Angst, solches bedeutet manchmal etwas und manchmal nichts, aber was nützt es, wenn man vorher so ängstet und sich grämt? An der Sache macht man doch nichts. Am besten ist es immer, man sei zweg auf alles und nehme unterdessen, was kommt, mit Dank. Komm, ich habe ein Kaffee zweg, nimm ein Kacheli, es bessert dir dann ums Herz." Es ist wohl nichts auf der Welt und von der Welt, was einem Weibsbilde so wohl macht und so guten Trost gibt, als ein Kacheli guten Kaffee.

Vierzehntes Kapitel

Von Verträgen und allerlei Künsten und Kniffen

drei Jahre waren bald verflossen, seit Uli die Pacht angetreten hatte. Der Akkord war ziemlich vorsichtig geschlossen, dank dem Bodenbauer, welcher in solchen Dingen Erfahrung hatte. Es ist wohl nichts schwerer, als solche Akkorde so abzufassen, dass nicht jeder Artikel ein Tor zu Misshelligkeiten oder zu einem Prozesse wird. Es gibt Spitzbuben von Lehenherren, hohe und niedere, welche eine eigene Kunstfertigkeit im Abschliessen solcher Verträge haben, eine Kunstfertigkeit ähnlich der, welche Katzenhändler haben sollen. Es soll nämlich solche geben, welche so geschickt eine gekaufte Katze zu entäuten wissen, dass dieselbe lebendig davonläuft und unversehens ihren frühern Eigentümern vor der tür sitzt. Also Pachterren gibt es, welche regelmässig alle ihre Pächter entäuten, so dass diese sich noch glücklich preisen, wenn sie endlich mit dem nackten Leben entrinnen können. Solche Pachterren hat man nicht bloss in Irland, sondern auch in der Schweiz, und zwar Liberale von Farbe! Kurios! Oder aber der Akkord wird in holdseliger Stimmung geschlossen. Man ist gut Freund oder verwandt oder hat sich endlich gegenseitig gefunden in süsser Liebe. Der Pächter sagt dem Lehnsherrn, er sei ein Engel, der Lehnsherr sagt dem Pächter, er sei ein halber Engel, sie reden vom ewigen Frieden; und nicht selten ist es, dass sie wirklich zu singen anfangen, und wenn sie auch nicht singen wie die Engel im Himmel, so meinen sie es doch. In einer solchen Stimmung findet man hundert Dinge nicht nötig auf das Papier zu bringen. Bald sagt der: "Das versteht sich von selbst, ich müsste mich ja schämen," bald sagt es der Andere. Ja es würde nichts zu Papier gebracht, wenn es nicht wäre wegen dem allgemeinen Gebrauch oder wegen Leben und Sterben, was aber Beide nicht zu erleben hoffen, wie sie sagen. Ja, aber Stimmungen sind veränderlich, besonders wo Weiber dabei sind und eine Pacht im Spiel, wenn allerlei Produkte zu entrichten sind und allerlei Vettern und Basen ab- und zugehn. Stimmungen sind gar wunderlich; was uns lieblich dünket in einer Stimmung, kommt in einer andern uns schauerlich vor, der Mensch, mit dem wir sangen in himmlischer Harmonie als wie die Engel, kann uns später als das bockfüssigste Untier erscheinen, mit Lastern gespickt ärger als der alte Hiob mit Eiterbeulen. Dann geht erst das Jammern an. "Ei nein aber, dem hätte ich es doch nicht angesehen, wie man sich doch täuschen, wie ein Mensch sich verstellen kann! Ei nein aber, das hätte ich doch niemand geglaubt!" Nach dem Jammern kommt das Zanken und endlich das Prozedieren. Wo liegt der Fehler gewöhnlich auf beiden Seiten, wie man zu sagen pflegt. In ihrer holdseligen Stimmung hatte jeder dem Andern das Beste verheissen, im grund aber jeder auf des Andern Gutmütigkeit spekuliert, von ihr viel grösseren Vorteil erwartet als von geschriebenen Bedingungen; der ganzen schönen geschichte lag also eigentlich Eigennutz zugrunde, freilich Vielen unbewusst, und wenn Eigennutz an Eigennutz wächst, so gibt es Reibungen, Zank