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sollte es allen gehen, welche es so machen und damit ihre ehrlichen Nebendiensten in Verdacht bringen. Daneben dünkt es mich doch, der Pfarrer habe es wohl stark gemacht. Nicht, dass ich mich mit dem Melker zusammenzähle, bewahre mich davor, aber wir sind alle arme Sünder und der Pfarrer wird nicht besser sein als Andere." In diesen Tagen liess Uli manchen Zuspruch fahren, worin er auf den deutete, der an die Sonne bringe, was im Verborgenen geschehe, und den rechten Meisterleuten beistehe, wenn, sie mit schlechten Dienstboten nicht auskommen könnten. "Was fängt er dann mit schlechten Meisterleuten an, wenn es einen gerechten Gott gibt, denn er wird doch nicht bloss für Dienstboten da sein wie Käsmilch und Mehlsuppen ohne Mehl, sondern auch für schlechte Meisterleute?" fragte ein naseweises Bürschchen, welches eine Zeitlang in einer Schenke gedient hatte und nichts glaubte. Das sei ein leer Gerede, dass Gott dem Melker das Bein gebrochen. Sei er gerecht, so müssten alle Diebe die Beine brechen, da hätte er wohl viel zu tun, und er mochte wissen, wieviele auf ganzen Beinen herumliefen. Am übelsten ginge es dabei den Geigern, denn das Tanzen liessen wohl die Meisten sein. Das habe niemand anders getan als Mädi, das habe dem Melker leise die Leiter weggestellt, und als der darauf treten wollte, sei er hinuntergestürzt, das sei der ganze Handel. Mädi verdiente Kettenstrafe, wenn nicht den Galgen, denn auf diese Weise könne ein Mensch den Hals brechen, nicht bloss ein Bein, und Mörder solle man hängen, heisse es. Wenigstens müsste es ihm den Melker heiraten und ihn ernähren, und billiger als dieses sei nichts und besser könne es selbst Gott nicht machen, wenn einer sei nämlich.

Mädi begehrte schrecklich auf über diese Zumutung, aber nicht weil es sich ein Gewissen daraus gemacht hätte, die Tat zu tun, sondern weil es sie nicht getan und doch jetzt schuld sein sollte. Es sei nur da, um Sündenbock zu sein, und das sei ihm erleidet, und jetzt sollte es noch den Melker erhalten. Je böser Mädi wurde, desto mehr hatten die Andern Freude daran; da half alles Zureden nichts, nichts bei Mädi, nichts bei den Andern, ein täglicher Krieg war los, so dass wenn der Melker schon fort war, das Leben um nichts freundlicher wurde.

Dreizehntes Kapitel

Von Haushaltungsnöten und daherigen Stimmungen Vreneli ward das Leben wirklich schwer. Sie hatten zu allem Verdruss im Inwendigen auch nach aussen nicht Glück gehabt. Es war nicht eigentlich Misswachs, aber ein mager Jahr, wo es wenig zu verkaufen gab. Das sogenannte Beiwerk fiel grösstenteils weg; der Lewat geriet nicht, der Flachs war nicht gut, Obst gab es keins, hinter den Kartoffeln waren die Käfer, das Gras war nicht melchig, das heisst die Kühe gaben wenig Milch dabei, es hatte zu viel geregnet, das Korn war gefallen, brandig, gab wenig aus in der Tenne; das Geld im Schranke wollte sich nicht mehren, die Kasten im Speicher sich nicht füllen, es füllte sich nichts als Ulis Seele mit Ungeduld und Missmut und Vrenelis Seele mit Wehmut.

Vreneli hatte, wie wir wissen, aristokratisches Blut in seinen Adern und einen nobeln Sinn, wie er einer wahren Bäuerin so wohl ansteht und ihr eine Bedeutung im Volksleben gibt, welche selten ein Mann erringt. drei Dinge hat so eine Bäuerin: einen verständigen Sinn, einen goldenen Mund und eine offene Hand. Ein gut, mild Wort tut einem armen weib, welches nur an Schelten und harte Worte gewöhnt ist, viel besser als eine schöne Gabe, und ein verständiger Rat ist oft weit nötiger als ein reiches Almosen. So ein "Chumm mr zHülf" in aller Not ist ein Posten, der weder erschlichen noch ererbt werden kann, er wird aus freier Wahl nach Verdienst vergeben. So war es auch Vreneli allmählich gegangen. Die Weiber der Tagelöhner, anderer Arbeiter usw. hatten sich ihm allmählich zugewandt, da es häufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter, auch rüstiger Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nöten war. Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes, wenn man zum Beispiel im Küchenschrank einer Wöchnerin nicht so viel fand, um eine stockblinde Suppe zu machen, und im ganzen Häuschen kein Hüdelchen gross genug, den kleinen Staatsbürger darein zu wikkeln.

Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt. Vreneli nahm sich in acht, tat verständig, das heisst nicht reicher, als sie waren, schonte Uli bestmöglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen. Es gibt nicht leicht was Schlimmeres, als wenn die Weiber sich gewöhnen, des Mannes rücken lieber zu sehen als sein Gesicht, als ihren besten Freund, der ihnen nichts ausplaudert. Nun aber, da das Jahr ein mageres war, wenn auch kein eigentlich Fehljahr, die Brünnlein alle versiegt schienen oder spärlich flossen, ward Uli ängstlich. Wird einer aber ängstlich, spitzt er Augen und Ohren, und was er fürchtet, sieht und hört er all, überall. Fürchtet einer das Feuer, so riecht er allentalben Rauch, hört Flammengeknister, träumt vom Verbrennen. Fürchtet einer Gespenster, so kriechen ihm solche aus allen Gräbern nach, gucken durch alle Zäune, reissen ihm regelmässig alle Nächte das Deckbett vom leib. Wird einer mit der Eifersucht behaftet, fürchtet, seine Frau kriege die Untreue, so