1849_Gotthelf_150_60.txt

schnellen Eindruck, der Demütige findet erst in die Länge Gnade.

Zehntes Kapitel

Wie bei einer Taufe Weltliches und Geistliches sich

mischen

Noch ehe der zweite Lehnzins gegeben werden sollte, er, hielt Vreneli das zweite Kind, und diesmal einen munteren Buben. An diesem hatte Uli sehr grosse Freude, er rechnete schon, wie schnell er ihn brauchen könne, was er ihm ersparen werde, nur war er noch ungewiss, ob er ihm als Karrer oder Melker erspriesslichere Dienste leisten werde. Die Gevatterschaft gab auch diesmal viel Redens, Uli und Vreneli wurden lange nicht einig; endlich musste Vreneli nachgeben, Uli hielt ihm den Hagelhans vor. Es handelte sich absonderlich um die beiden Paten; die Gotte ward einhellig erwählt in der Schmiedin, welche Vreneli noch weitläufig verwandt war. Die Paten waren Wirt und Müller, mit welchen Uli im Verkehr stand, aber nicht zu Vrenelis Freude; es war ihm immer, als könnten die Uli verderblich sein, als suchten sie ihn in ihre Gewalt zu erhalten, um ihn auszubeuten. Ihre zärtlichen Worte schienen ihm eben falsche Münze zu sein. Der Wirt war ein dicker, schwerer Mann, jeder Zoll an ihm ein Zentner Holdseligkeit, mit welcher man eine grosse Stadt voll saurer Engländer hätte süss machen können. Die Freundlichkeit ist die freundlichste aller Tugenden, hat unter allen das lieblichste Gesicht, sie ist der Schlüssel zu allen Herzen, sie ist eine erquickende Essenz, erscheine sie am Krankenlager oder im Gesellschaftszimmer, bei der Magd im Schweinestall oder bei dem Regenten auf dem Trone; sie wird viel zu wenig beachtet, viel zu wenig bei den Kindern darauf gesehen, tausendmal des Tages sollte man daran erinnern. Gott gibt sie den begabtern Menschen umsonst, aber desto wüster ist es, wenn sie auf Gewinn ausgelegt wird, benutzt, wie man den Honig braucht, wenn man Fliegen fangen will, mit ihr auf Menschen spekuliert, mit durch sie gewonnenem Zutrauen Wucher treibt, Gewinn und Gewerbe, dem Anderen ablockt, was er hat, mit der grössten Gewissenlosigkeit, unbekümmert darum, hängen die Betrogenen sich, springen sie ins wasser oder gehen sie einfach und simpel zu grund.

Eine person der Art war unser Wirt; mit schlauem Verstand, kaltem Herzen und holdseligem Wesen hatte er ein schönes Stück Geld verdient. Wer mit ihm handeln wollte, dem tat es im Herzen wohl, und seine Worte schienen viel besser zu sein als anderer Leute bares Geld. Er hatte eine grossherzige Weise, die Leute glücklich zu machen. "Sieh, weil du es bist, gebe ich dir einen Gulden mehr. Die Sache ist mir recht, da braucht man nicht Kummer zu haben, man kriege seine Sache nicht oder schlecht; ja, wenn alle wären wie du, dann könnte man handeln. Sieh, du bist mir zu hoch im Preise, aber weisst du was? Versuche, was du lösen kannst, halte die Sache feil, wem du willst; sieh, was dir geboten wird, und einen Gulden mehr als der Höchstbietende will ich dir geben; es kann Keiner geben was ich, ich habe den Absatz und Leute an der Hand, welche zahlen, welche um eines Kreuzers willen nicht reden, bis sie Löcher in die Zunge kriegen, reiche Leute, und wenn sie schon nicht auf den Tag zahlen, von wegen sie sind in gar vielen Dingen, so kommt es dann zusammen, da gibt es Haufen Geld; du magst mir es glauben oder nicht, mein Rösslein hat mich manchmal übel erbarmet, wenn es heimziehen musste." Nebenbei war er auch den meisten Weibern lieb. Er kannte das Handwerk des Flattierens aus dem grund und wusste ihnen so zärtlich in die Augen zu gucken, dass sie die fuss nicht mehr stillehalten konnten unterm Tische. Ihn vorzüglich hasste Vreneli. "Du wirst dich mit ihm abgeben, bis du einen Schuh voll herausnimmst," sagte es oft zu Uli.

Den Müller hasste Vreneli etwas weniger, doch immer noch genug, um ihn nicht zum Götti zu wollen. Er hing sich auch an Uli, war alle Augenblicke da, war nicht ganz mit Honig bestrichen, doch wusste er sich auch zu rühmen und zu ködern, dass Uli ihn für einen trefflichen Freund hielt. Bald holte ihn der Müller, um ein Pferd zu besehen, bald sollte er ihm eine Kuh kaufen helfen: das kenne niemand wie Uli, bald holte er einige Malter Getreide und sagte, er müsse es haben, er solle für diesen oder jenen Bäcker besonders schönes Mehl haben, und Korn wie bei Uli fände er nirgends, er wolle es ihm dann aber auch darnach bezahlen, sobald sie mit einander rechneten. Das wusste er immer ganz vortrefflich zu karten, dass sie mit einander in Rechnung blieben, von welcher Rechnung er beständig auch sprach, sehr selten aber sie zum Abschluss machte, sondern immer so, dass etwas auf neue Rechnung blieb. Es ist wirklich auch nichts Bequemeres im Handel, als wenn man immer sagen kann: "Ich zahle dir das jetzt nicht, es geht zum Andern; behalte alles gut in Rechnung, die Sache wird sich dann schon finden."

Wenn Vreneli Seufzer über solche Rechnungen ausstiess, so sagte Uli: "Sieh, dies verstehst du nicht, die Sache findet sich, und was brauche ich einstweilen Geld Es ist mir sicherer dort, als wenn ich es daheim hätte, ich begreife gar nicht, was du wider die Männer hast, und weisst doch, wie