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würde es für eine eigentliche Schmach halten, wenn es länger bliebe als die Andern, und was es während der kurzen Zeit der Madame zu schlucken gibt und für Ärger macht, wer spricht es aus, wer schreibt es nach! Und dies alles rühmt es als Heldentaten beim Brunnen, beim Bäcker, beim Fleischer, und wenn es beten täte würde es dasselbe sagen, es Gott rühmen, so verdienstlich kommt es ihm vor. Dass endlich dabei das Gemüt eines Meisters oder einer Meisterfrau versauert und verbittert, wen will das wundern, Was ist dies für ein Dabeisein; Wir fragen. Aber kann es anders kommen, wenn man mit solchen Vorurteilen in ein Haus kommt, oder wer will von ungebildeten, rohen Menschen erwarten, dass sie alsbald Misstrauen und Vorurteile ablegen, die Verhältnisse sehen, wie sie sind? Wer will das Aufgeklärten zumuten? Jeder neue Dienstbote erneuert also den alten Ruf, ob mit Recht oder Unrecht, das untersucht niemand mehr, man nimmt es als einmal gegeben an, als ein fait accompli, frischt also damit das alte Elend neu auf, und fast unmöglich wird es beim besten Willen, diesem Ruf bei Lebzeiten noch ein Ende zu machen.

Daran hatte eben Uli nicht gedacht und musste es erfahren, hatte nur eines im Auge gehabt; musste erfahren, wie es einem geht, der nur nach den Sternen am Himmel guckt und nicht auch auf die Steine im Wege. Uli hatte den Karrer fortgejagt, den Melker einmal geprügelt, er hatte die Ruhe eines altaristokratischen, gewiegten Bauern noch lange nicht. Kaum ein Bauer verstund die Arbeit besser als er, war befähigter zu befehlen, und das machte ihn am zornigsten, dass sein Gesindel dieses nicht einsehen wollte, sondern ihn immer betrachtete als seinesgleichen, dass wenn er was befahl, mit groben Zügen auf ihren Gesichtern zu lesen war: Du bist nicht mehr als wir, warum solltest du das besser wissen?, dass sie so gar keinen Respekt vor ihm hatten, mit seiner Sache umgingen, als wäre sie die ihre, als hätte er gar nichts darnach zu fragen. Er erfuhr, was es heisst, Knechte und Mägde dressieren; der Faden seiner Geduld riss, und nach jedem Riss war es schwerer, ihn zusammenzuknüpfen. Immer weniger Komplimente machte er mit seinem Gesindel, wie er es nannte. Es seien deren wie Sand am Meere, welche froh seien über solchen Dienst und gerne was lernten; er wolle besser auslesen, da habe er gefehlt, sagte er. Aber der fortgejagte Karrer, der geprügelte Melker, Andere, welche fort sollten, Tagelöhner, welche es mit den Dienstboten gehalten und die Uli entlassen, alle kriegten Mäuler wie Trompeten und verschrien Uli zehn Stunden in der Runde, als ob er Hörner hätte auf dem kopf, Krallen an den Fingern und Klauen an den Füssen, und logen nebenbei noch klafterhoch, dass man eigentlich darüber hätte stolpern können. Aber es glaubten dieses die Bauern gerne, denn Uli gehörte nicht zu ihnen, hätte aber gerne werden mögen, was sie; es glaubten es die Dienstboten gerne, weil er einer war, der sich über sie er, heben wollte, und weil es alle gerne glaubten, so glaubten sie es um so fester.

So war der Zudrang zu Ulis Dienst nicht halb so gross, als er gedacht. Die Besten kamen nicht, weil er nur Pächter war. Man sage, was man will, im grund des Herzens sind alle Menschen Aristokraten, denn so hat sie unser Herrgott geschaffen. Bei einem Bauer dient der Knecht, der sich für einen Pächter zu gut glaubt, bei einer herrschaft eine Magd, welche für ihr Leben nicht eine Bauernmagd gewesen wäre, und wenn ein Dienstbote sich was Gutes zu Gemüte führen oder sich recht rühmen will, so sagt er: Er habe in lauter vor, nehmen Häusern gedient, nur so zu gemeinen Bürgersleuten hätte man ihn mit keiner Gewalt gebracht. Die Zweitbesten schreckte der böse Ruf ab. Man sage, ein Jahr sei bald um, meinten sie, aber wenn man es in der Hölle zubringen müsse, so strecke es sich, dass man verzweifeln müsse, das Ende zu erleben; einmal hätten sie es schon erfahren, probierten es ferner nicht.

Bloss unter den Drittbesten hatte Uli auszulesen. Ja, da ist es schwer auslesen und was Gutes treffen! Diese Drittbesten zerfallen zumeist in zwei Abteilungen: die erste besteht aus angehendem volk, undisziplinierter Miliz; zu vergessen ist dabei nicht, dass die besten Angehenden nicht unter diese Klasse gehören. Die besten machen ungefähr den Kurs durch, den Uli machte. Die zweite Abteilung der dritten Klasse wird aus denen geschaffen, welche was Unrichtiges haben, daher in nächster Nähe nicht Dienst finden, sondern ihr Heil weiter suchen müssen. Sie kennen mehr oder weniger den Dienst, wissen sich als Gediente darzustellen, haben aber was an sich, welches nicht jedermann liebt: die Einen haben zu lange Finger, Andere zu weiten Schluck, zu langen Durst, Andere zu langsame Beine, Andere ein zu geläufig Maul, Andere zu heissen Zorn, Andere zu heisse Liebe, kurz was, welches nicht passt und namentlich für einen Meister sehr unbequem ist. Das Ding, welches nicht jedermanns Sache ist, ist in der Nähe bekannt geworden, sie müssen daher ihre platz in der Ferne suchen, wohin ihr Ruf noch nicht gedrungen ist, müssen vorlieb nehmen mit allem, was sie finden. Solche unbeliebige Eigentümlichkeiten sollten von Rechtswegen