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als sie mich tragen mochten, das begreife ich noch auf die heutige Stunde nicht. Jetzt trüge Fortlaufen nicht viel mehr ab, und meine alten Beine trügen mich kaum so weit, dass mir dein Stöhnen und Klagen um nichts oder wieder nichts nicht noch zu Ohren käme, besonders wenn der Wind ein wenig ginge." Das wollte Joggeli doch fast gemühen. "Wer laufen will, kann," sagte er, "ich will niemand dawider sein, und mit Nachlaufen werde ich niemand plagen. Wenn ich schon wollte, täten es meine Beine nicht; wenn andere ausgestanden hätten, was sie, sie wären auch froh, an die Ruhe zu kommen." Ihm wäre es je eher je lieber. Gutes hätte er nie viel gehabt, und was ihm noch warte, könne denken, wer Verstand habe. Jetzt vermöchte er doch noch seinen Sarg schwarz anstreichen zu lassen, gehe es länger so, sei es wohl möglich, dass man froh sei, wenn man noch so viel bei ihm finde, um die ersten besten rohen Bretter zu bezahlen. "Du bist doch immer der Wüsteste, wirst dich versündigen wollen, dass es keine Art hat", sagte seine Frau. "Schweigen wird am besten sein, es weiss sonst kein Mensch, was du noch stürmst." Darauf drehte die Mutter sich gegen die Wand und blieb stumm. Joggeli mochte gifteln und klönen, so stark und so lange er wollte.

Drüben im grossen haus ging es anders zu. Die Bauart des Hauses brachte es mit sich, dass die Meisterleute im Hinterstübchen wohnen mussten. Dasselbe war gleichsam des Hauses Ohr, jeder Schall aus Kammern und Ställen, von vornen und hinten, schien dort landen zu müssen; das ist kommod für einen rechten Hausmeister!

Uli und Vreneli mussten dieses Stübchen auch beziehen, aber sie taten es ungern, sie schämten sich fast, als Knecht und Magd nun zu schlafen, wo früher der Meister und die Meisterfrau. Sie kamen sich wirklich im Stübchen als so gar nichts vor, und auch bei ihnen wollte der Schlaf nicht einbrechen.

"Ja, ja," stöhnte Uli, "es wäre schön hier und im Winter bsonderbar warm, da liesse sich sein. Wenn es nur immer währte, aber das Ändern tut weh. Wenn man am Ende doch wieder in eine kalte kammer muss, so wäre es hundertmal besser, man hätte sich nie an ein warmes Stübchen gewöhnt." Aber zwängt sei zwängt, und jetzt müsse man es nehmen, wie es sei. So jammerte Uli ähnlich wie Joggeli, der Unterschied war bloss der, dass sein Jammer nicht aus einem zähen, verhärteten Herzen kam, sondern aus einem jungen, warmblütigen, demütigen, welches sich in seine höhere Stellung nicht finden konnte. In einem solchen finden gute Worte noch gute Stätte. An solchen liess es auch Vreneli nicht fehlen, tröstete, so gut es konnte, sprach vom Werte des Hofes, von seinem guten Willen, von dem Vertrauen zu Gott, der alles wohl machen werde, dass Uli die Ruhe kam und er andächtig mit Vreneli beten konnte; darauf kam leise der Schlaf gezogen, hüllte die Beiden in seinen dicksten Schleier, und als die Sonne kam, schlummerten Beide noch süss und fest darin, und lange ging es, bis ihre Strahlen die Schläfer zu wecken vermochten.

Hui, wie Beide auf die Füsse fuhren, als vor ihren langsam sich öffnenden Augen plötzlich der helle Tag stunde in vollem, sonnigem Gewande! Draussen polterte das Gesinde, prasselte das Feuer, gackelten bereits die Hennen, und Meister und Meisterfrau hatten sich noch nicht gerührt. Wohl, da schämten sie sich und durften fast nicht aus dem Stübchen. Sie hatten sich wohl schon mehr als einmal verschlafen, aber so ungern es wirklich doch nie gehabt als heute. Wie die Leute das auslegen würden, dachten sie.

Der Frühling ist eine herrliche Zeit, eine ahnungsreiche, wonnevolle. Darüber werden doch wohl die Parteien von allen Farben einig sein, wie weit sie sonst auseinandergehen mögen! Wie prosaisch und trocken ein Bauer auch sein mag, im Frühling wird ihm doch das Herz grösser und er denket weiter als die Nase lang. Er hat es seinen Äckern. Wiesen und Gärten gegenüber wie ein Vater, der mitten in einem Dutzend blühender Kinder steht. Was wird aus ihnen werden, was werden sie für Früchte tragen? muss er unwillkürlich denken. Wie der Kinder Gesichter blühen, Gesundheit ihre Glieder schwellt, blühen und schwellen Freude und Hoffnung in seiner Seele. So hat es auch der Landmann, besonders der junge, welcher noch nicht manchen Frühling auf eigene Rechnung erlebt hat. Jede Pflanzung wird ihm zum kind, und je üppiger sie grünt und blüht, desto üppiger grünen und blühen seine Hoffnungen.

Der Frühling, von welchem wir sprechen, war ein ganz eigen von Gott gespendeter, als wollte er die probe machen, ob die Menschen so weit in der Aufklärung gekommen, dass sie zu begreifen imstande seien, sie selbst könnten keinen solchen machen, auch sei es unmöglich, dass er von ungefähr käme, sondern dass er von Gottes väterlicher Hand müsse gegeben sein.

Mit Fleiss und Kunst bestellte Uli Saat und Acker, und Vreneli machte nicht bloss fast alleine seine schwere Haushaltung, sondern half doch noch draussen, dass männiglich sich wunderte, sorgte für den Garten, dass Kraut darin wuchs und Salat nebst allerlei Kräutlein, welche einer vernünftigen Suppe wohl anstehen und sonst in