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darnach. Vor ihm stunde in nächster Nähe der Tag, wo er, wie man heutzutage zu sagen pflegt, ein Geschäft übernehmen sollte, welches weit, weit über sein Vermögen, das er so schwer und langsam erworben, ging, ihn in Jahresfrist ohne Wunder und absonderliche Greuel zugrunde richten konnte. Nun, Vielen hätte dieses nichts gemacht. Hunderte springen, wenn sie nur irgend, wie ein Geschäft erblicken, mit beiden Beinen hinein, Tausende gar mit dem Kopf voran, ohne sich zu kümmern, mögen die Beine nach oder nicht. Uli gehörte nicht zu dieser Rasse. Uli hatte eine der bedächtigen Berner Naturen und war nicht demoralisiert durch den Zeitgeist, das heisst durch den Schwindelgeist der Zeit. Er besass tausend Gulden, zirka sechshundert Taler. Vermögen legt der Berner gerne auf solides Unterpfand an, ehedem bloss auf dreifaches, jetzt nimmt man schon mit nur doppeltem vorlieb. Uli aber setzte das seine aufregen und Sturm, auf Hagel und Dürre, auf Blitz und Seuche. Nicht bloss konnte ihm alles verloren gehen, sondern namentlich wenn Unglück in die Ställe brach, konnte er zwei-, dreimal mehr verlieren, als er besass. Dann war nicht bloss der beste teil seines Lebens scheinbar verloren, sondern der Rest desselben schien kaum hinreichend, sich dürftig von dem Schlage zu erholen. So ist es wohl erlaubt, dass es einem bange wird ums Herz, dass Vertrauen und Sorgen mit einander ringen. Wem es nicht so geht, der müsste wirklich sehr leichtfertig, neumodisch genaturt sein.

Die Vorbereitungen zur Übernahme wurden allmählich getroffen. Joggeli und seine Frau liessen nach und nach in den Stock schleppen, was sie behalten wollten, und Vreneli half treulich der Base einhausen, war ihr Kind nach wie vor, und wenn es auch das Eigene darob versäumen musste, verzog es doch keine Miene. Es fanden sich eine Unmasse von Dingen vor, welche Uli nicht brauchte und Joggeli nicht. Diese wurden sämtlich in eine grosse kammer zusammengetragen und aufgestapelt. An einer Steigerung hätte man daraus eine Summe gelöst, welche eine herrliche Erquickung für den Baumwollenhändler gewesen wäre. Aber auf der Glungge sollte keine Steigerung abgehalten werden. Überhaupt in allen soliden Häusern liebt man das Alte mehr als das Neue, Kleider verkauft man nicht. An jedes Stück knüpfen sich Erinnerungen, und an diese Erinnerungen knüpfen sich Lehren und Erfahrungen, und gar mancher Bauer zieht aus seiner Rumpelkammer und allen Winkeln seines Hauses weit mehr Weisheit ein als englische Lords und deutsche Gelehrte aus den kostbarsten und grössten Biblioteken, angefüllt mit Büchern, gebunden in Schweinsleder oder halb oder gar ganz Franzband.

Das Inventar von dem Geräte und dem Viehstand war gross, und die Schatzung, obgleich alles äusserst billig, machte Uli die Haare zu Berge stehen, Man denke sich zum Beispiel nur acht Kühe und jede durchschnittlich zu sechzig Talern. Dieses Inventar überstieg mehr als um das Vierfache Ulis Vermögen, musste zu vier Prozent verzinset und später allfälliger Abgang ersetzt werden. Uli hatte grossen Vorteil dabei, aber bedenklich war es doch in alle Wege.

Endlich kam der verhängnisvolle fünfzehnte März, an welchem, wie man zu sagen pflegt, Uli Nutzen und Schaden angingen. Es war ein schöner, heller Märztag, und doch kam er allen trüb und unheimlich vor. Es tat allen weh, die Alten ausziehen zu sehen. Als man ihr Hinterstübchen ausräumte und namentlich das grosse Bett hinüberschleppte, war es fast, als trage man ihnen einen grossen doppelten Sarg voran. Die Base hatte den ganzen Tag das wasser in den Augen, aber lauter heitere, aufmunternde Worte im mund, sie hatte eine Gewalt über sich, welche allen Gebildeten zu wünschen wäre. Man sah es ihr an, sie betrachtete dieses Überziehen aus dem grossen haus in das kleine als eine Vorübung auf das Beziehen des allerkleinsten Häuschens, welches Armen und Reichen aus wenig Brettern zusammengeschlagen wird. In diesem kleinen Häuschen schläft man auch, doch wie wohl oder wie übel, das weiss Gott.

Als aber das alte Ehepaar zum erstenmal in ihrem grossen Bette im Stocke schlafen wollte, da wollte der Schlaf nicht kommen; er war nicht gewohnt, sie hier in diesem Stübchen zu suchen. Ob Joggeli es zürnete, wissen wir nicht, es schien fast, als sei die Nacht ohne Schlaf ihm willkommen, um seiner Alten alle ihre Sünden bis weit in die Urwelt hinauf vorzuhalten und sie für alle Folgen derselben verantwortlich zu machen, nicht bloss bis auf Kinder und Kindeskinder, sondern bis drei Tage nach dem Jüngsten.

Die gute Alte schwieg lange, endlich lief es ihr doch über. "Ich hoffte," sagte sie, "wenn dir die Last abgenommen werde, so werdest du einmal mit Gott, dir selbst und der Welt zufrieden. Aber wie ich leider sehen muss, bleibst du immer der gleiche Stürmi. Du hättest eigentlich zu einem armen Mannli, einem Korbmacher oder Besenbinder geraten und dreizehn oder neunzehn lebendige Kinder haben sollen, dann hättest du klagen können, vielleicht dass Gott es gehört hätte. Aber jetzt ist es nur ein böser Geist, der dich immer klagen lässt, und der ist mit mir hinübergekommen und wird bei uns bleiben sollen. Ich muss mich versündigt haben, dass ich mich damit muss plagen lassen. In Gottes Namen, ich muss es so annehmen. Unser Herrgott wird doch hoffentlich bald finden, jetzt sei es Zeit. Warum ich nicht von dir lief, als ich noch junge Beine hatte, die laufen konnten, und so weit weg,