, du armes Tröpfli, dir werden wohl noch ganz andere Punkte warten. Da dachte ich, es möchte ein Gotteslohn dabei zu verdienen sein, wenn ich dich an den wahren Tröster weisen würde. Aber hörst: was ich dir sagte, behalt für dich."
"Base," sagte Vreneli, "ganz habe ich nicht vergessen, was Ihr mir sagtet, als ich zum erstenmal zum Nachtmahl ging. Der liebe Gott wolle es Euch vergelten, dass Ihr mich daran mahnet zu rechter Zeit, ich will es nicht mehr vergessen. Aber die Welt will immer obenauf, und je weniger man von der Welt hat, desto mehr will sie einem den Kopffüllen und stellt sich vor die Augen, dass man gar nicht darüber weg mehr sehen kann. Was man sinnen sollte, sinnet man nicht, und was man nicht sinnen sollte, das liegt einem Tag und Nacht im Sinn, lässt nicht einmal den Schlaf kommen, damit man es nicht etwa vergesse oder seiner los werde. Man kanns nicht erwehren, und dann kommt die natur, versündigt sich an Gott und Menschen und will Meister sein und bleiben. Wäret Ihr abermal nicht wie ein guter Engel gekommen, so wäre ich wohl unwirsch geworden und finster in meinem Gemüte. Aber Base, ist es nicht seltsam, dass der liebe Gott mir und Uli so gleichsam zwei Engel zum Geleit gegeben, einen guten und einen bösen, mir den guten und ihm den bösen? Und warum hat er Euch Beide zusammengetan und Euch eine solche Qual geordnet, dass Ihr mit so einem zusammengebunden gehen müsst durchs Leben? Ich habe einmal gehört, dass man auf den Galeeren immer Zwei und Zwei zusammenschmiedet, dass sie Tag und Nacht nicht von einander können; da geschehe es oft, dass man unschuldig Verurteilte mit den grössten Bösewichtern zusammenschmiede, und das sei das Schrecklichste für die Besten oder gar Unschuldigen, denn die Andern quälten sie teuflisch und hätten noch grosse Freude dran. Gerade daran mahnt Ihr mich, und was der liebe Gott damit gewollt, begreife ich nicht."
"Kind, schweige, versündige dich nicht an Joggeli und am lieben Gott; du bist noch gar zu rasch mit dem Urteilen und Verdammen und weisst doch, dass ein Einziger ist, der das kann und will. Begreifst du nicht, dass wenn ich schon schrecklich ungeduldig werde und bitterlich mich auslasse, wenn er seine Art an Andern auslässt, ich ihn doch eigentlich als einen guten Engel betrachten und Gott für seine Sendung danken muss? Er hat mich zum wahren Tröster geführt, denn wenn ich ein so gutes Mannetoggeli gehabt hätte oder einen währschaften Bauer, so wäre es mir kaum je in Sinn gekommen. Hätte ja gemeint, keinen Trost nötig zu haben. Darum wird es gewesen sein, dass ich den Joggeli vorzog und haben wollte. Der liebe Gott schickt keine bösen Engel, lauter gute, denn wer ihn liebt, dem ist jeder Mensch ein guter Engel, der ihn zum Guten führt, es kommt eben nur auf das Herz an. Der arme Joggeli ist nicht halb so bös; er kann mich oft von Herzen dauern, dass er es nicht anders nehmen kann, dass er so misstrauisch ist, er lebt selbst am übelsten dabei. Wenn er mich am bösten gemacht hat, dass es mich dünkt, es sei mir nicht mehr zu helfen, so muss ich doch sagen, sobald ich wieder bei mir selbst bin, ich hätte den bessern teil und gegen ihn eine ganz leichte Bürde. Von wegen er hat ein gar grosses Leiden, nie zufrieden zu sein und immer misstreun; warum ihm das Gott auferlegt habe, sinnete ich schon oft und mag es doch nicht ergründen. Helfen kann ich ihm nicht, und das plaget mich. Wollte ihm schon drauf deuten, wo es fehle, aber er spottet mich aus, und mit Johannes und Elisi ist es noch ärger, und das ist das grosse Leiden, welches ich habe. Ich habe die Hoffnung, dass Gott gnädig ist, ihm tue ich sie anbefehlen, und ansehen wird er mich wohl."
"Ja, Base, ich stünde es bei Joggeli nicht aus, ich wunderte mich oft, wie Ihr es könnet. Aber Ulis böser Engel ist er doch, er gibt ihm das Gift ein, welches alles verderben wird." "Das weisst du nicht," sagte die Base, "so darfst nicht urteilen, den Ausgang kennst nicht; Joggeli kann auch Ulis guter Engel sein, das kommt auf Uli an, und wenn er sein böser Engel bleibt, ist Uli selbst schuld; wehr du auch, was du magst, dass er es nicht bleibt." "Ach Mutter," sagte Vreneli, "es ist mir so bange. Es ist mir, es stehe ein schwer, gross Unglück vor, und bald ist es mir, wenn ich nur sterben könnte, und bald muss ich weinen, wenn ich denke, ich müsste sterben, denn gerne stürbe ich doch nicht." "Du hast es wie die Andern auch, das bessert von selbst; wollte Gott, jeder Plage würde man ein so bestimmtes Ende sehen. Doch potz, wie habe ich mich verschwatzt, schon läutet es zu Kuhwyl Mittag. Es gibt noch nicht ander Wetter, wenn man es dort läuten hört." Vreneli sah der rasch dahin sich schiebenden Base nach und sagte für sich: O Base, du hast recht, das böse Wetter