aber die schlechteste doch nicht, aber wenn ich den sehe, wäre es mir immer, der Leibhaftige wäre da und wolle mich nehmen." Vreneli hatte Mühe, die gute Frau zu beruhigen und sie zu bewegen, das Anerbieten anzunehmen. Wer weiss, wenn ihr die Behausung nicht so anständig gewesen, die Bedingungen nicht so eingeleuchtet hätten und Vreneli nicht so lieb, ob sie sich hätte bewegen lassen, so hatte der Alte ihr das Herz wackeln gemacht. Sie freute sich endlich doch der Sache, ging reich beschenkt weg. Aber sobald sie Vreneli nicht mehr sah, kam ihr die Angst wieder, sie lief, als ob der Leibhaftige ihr auf der Ferse sei.
Vreneli war äusserst dankbar für des Vetters zuvorkommende Güte. Einer vertrauten person bedurfte es. Eine solche person bildet die brücke, welche die Meisterfrau mit der ihr untergeordneten oder sie umgebenden Welt verbindet, so wie der König mit sämtlichem Gesindel in Zusammenhang steht durch seinen Justizund Polizeiminister. Nun kommt es immer darauf an, dass der König genau die Beschaffenheit der brücke kenne. Zwischen einer faulen und einer soliden ist bekanntlich ein bedenklicher Unterschied. Mit Bedauern bemerkte es freilich, wie weit, wenn auch die Herzen eins bleiben, die Wogen des Lebens die Menschen in ihren Anschauungen des Lebens auseinandertragen können. Die Einen werden in Niederungen abgesetzt, wo sie keinen freien blick haben, sondern nur anschauen und auf Lassen, was die Fluten an ihnen vorüberführen, während Andere auf Hügel getragen werden, wo sie weite Umschau haben, schauen können, was sie wollen, und ein sicher Urteil sich bilden in dem Vergleichen des Vielerlei über jedes Einzelne. Oft geschieht es, dass dabei die Herzen auseinandergerissen werden, oft bleiben sie in Liebe eins, wenn die Treue über dem Dünkel steht das Gefühl über der Meinung. Vreneli fühlte mit Schmerz diese Verschiedenheit des Standpunktes, doch tröstete ihn es das Bewusstsein der Überlegenheit, welche es von je auf die Freundin geübt. Die wolle es anders machen, dachte es, die müsse es lernen, wie es gute Leute gebe, welche das Gute wollten und das Rechte übten, weil sie es liebten und nicht aus Hinterlist und als Deckmantel der Sünde.
Zum Vetter ging es hinüber, um ihm zu danken für seine Güte. Dieser fragte nach Uli, er habe ihn heute nicht gesehen und möchte mit ihm reden. Er sei fort, sagte Vreneli, wahrscheinlich komme er heute wieder, doch wisse es es nicht bestimmt. "Wo ist er hin?" fragte Hagelhans, "ist doch heute kein Markt hier herum?" "Darf es Euch, Vetter, fast nicht sagen," antwortete Vreneli. "So lass es bleiben," sagte der Vetter, "werde gleichwohl schlafen können."
"Vetter, es ist nichts Böses," sagte Vreneli. "Damit Ihr nicht böse werdet, kann ich es Euch wohl sagen jetzt, da die Sache abgetan sein wird. Vorher wollten wir nichts davon sagen, dieweil, je mehr man von solchen Dingen redet, man um so weniger sie tut von wegen all den Wenn und Aber, welche dazwischengesprochen werden. Schon lange drückte uns was und besonders Uli. Ihr wisst, wie er einen Prozess gewonnen, der im Gründe ungerecht war, und was das Mannli ihm gesagt. Wir durften nie nach ihm fragen, wie es ihm ging, und Uli ging immer mit Angst auf einen Markt hierherum und nur, wenn es sein musste; er musste immer fürchten, dem mann zu begegnen. Er sagte oft, er wollte fast lieber einen Stich in den Leib als das Mannli vors Gesicht. Was hätte es uns geholfen, wenn wir seine Armut vernommen, während wir nicht helfen konnten? Wir fürchteten nur noch unglücklicher zu werden. Jetzt geht es uns Gottlob wieder gut, wir haben Geld mehr als wir brauchen, aber keine rechte Freude daran gehabt. Es drückte uns immer das Gefühl, es sei ungerechtes Geld, und zwar so lange, als jemand unschuldig durch uns um seine Sache gebracht worden. Nun wisst Ihr, wie letztin Uli so viel Geld aus dem Lewat gelöst. Als er es versorge, sagte er mir: Was meinst, wenn ich es probierte und ab, machte mit dem Mannli? Das war ein Wort wie aus dem Himmel; was ich sagte, könnt Ihr denken. Aber wir wurden rätig, es im Stillen zu machen, niemanden davon zu reden. Vor der Welt sind wir es nicht schuldig, darum hätten die Einen uns ausgelacht, Andere abgeraten, und die Dritten wären böse darüber geworden."
"Meinst mich?" meinte der Alte und machte Vreneli die bekannten Augen. "Werdet nicht böse, Vetter," sagte Vreneli, "heute, wo Ihr mir eine so grosse Freude gemacht, möchte ich das nicht auf mein Gewissen laden. Aber wenn Ihr mich fragt, so muss ich Ja dazu sagen: ja, an Euch haben wir gedacht. Nicht dass wir glaubten, Ihr seiet unter allen der Wüsteste, wir haben das Gegenteil erfahren, aber Euch sind wir noch Geld schuldig; freilich ist es nicht fällig, aber Schuld ist Schuld. Wir meinten, es müsste Euch ärgern, wenn wir unser Geld brauchten für etwas, was wir nicht gesetzlich schuldig sind, und unbezahlt liessen rechtmässige Schulden. Ihr hattet das Recht zu sagen, wir sollten zuerst bezahlen, was wir von Gottes und Rechtes wegen schuldig seien; dann, wenn dies