teile seinen Segen blindlings aus, sei darin den Grossen der Erde gleich, welche sehr oft ihre Gnaden an die Unwürdigsten verschwenden. Um Gottes willen soll er sich als einen Verwalter der Gaben Gottes betrachten und treu sein, soll durch Güte und Milde versöhnen, soll feurige Kohlen sammeln auf der Feinde Häupter, soll zeigen, wie der Christ das Sprüchwort "Es gibt keine Schere, die schärfer schiert, als wenn der Bettler zum Bauern wird" Lügen strafet. Der Christ wird nie hochmütig, schämt sich nie derer, welche früher seinesgleichen waren, verleugnet sie nicht um so greller, je mehr er fürchtet, man möchte seiner Herkunft gedenken und die frühern Genossen ihm vorwerfen; im Gegenteil, um so mehr Erbarmen hat er mit denen, deren Schmerzen er aus eigener Erfahrung kennt, und um so brüderlicher hält er Herz und Hand offen, je tiefer er fühlt, dass Gott ihn zu einem Werkzeuge erwählet und den wahren Lohn ihm nach der Treue zumisst, in welcher er in seinem amt steht.
Wären nun die Emporkömmlinge Christen auf diese Weise, demütig statt hochmütig, milde statt hart, dann würden sie nicht bloss die Menschen versöhnen mit sich, sondern es würde auch Mancher denken: An dem habe ich mich versündigt, habe Schlechtes von ihm geredet, ihn nicht bloss verurteilet, sondern leichtfertig und unverhört ihn verdammt, und mit welchem Masse ihr messet, mit diesem soll euch wie, der gemessen werden, heisst es ja. Ein andermal werde ich anders sein, mich nicht ärgern an Gottes Güte, die er über Andere ausgiesst, dem Kain gleich, mich nicht versündigen an Andern durch ein lieblos Verdammen, um nicht selbst verdammt zu werden.
Vreneli suchte diese Versöhnung, und zwar nachhaltig und standhaft. Es meinte nicht, dass wenn es einmal einer armen Frau ihr Säcklein gefüllt, mit einer andern freundlich gesprochen habe, nun alles gut sein solle, alle Mäuler umgewandelt, nun nichts mehr als Lob und Preis allentalben. Für Schlechte schlägt die öffentliche Meinung plötzlich um von einer Stunde zur andern, macht Purzelbäume, die schrecklich sind; ins Gute aber wandelt sie sich langsam um, und wenn man meint, jetzt sei alles wieder gut, so reibt einer die alten Flecken wieder auf, macht neu den Verdacht, und lange geht es wieder, bis achtung und Vertrauen sich wiederum eingestellt.
Was Vreneli seine Langmut erleichterte, war der Friede und das Behagen, welche sich bei ihnen eingestellt. Uli war ein Anderer geworden. Den alten heitern Sinn und die emsige Rührigkeit hatte er wieder, verband sie aber mit Ruhe und Besonnenheit. Da war keine Ängstlichkeit mehr, kein Zappeln und Hasten; er meinte nicht, dass heute alles gemacht sein müsse, als ob morgen kein Tag mehr sei, zog dem Himmel keine schiefen Gesichter mehr, wenn es nicht regnen wollte, wenn Regen Uli passend dünkte. Er hatte in sich die Ergebung gewonnen, welche es nimmt, wie Gott es gibt, welche macht, was sie kann, aber nie meint, dieses oder jenes müsse so und nicht anders gehen, müsse erzwungen sein. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass wo der Herr nicht das Haus behütet, umsonst die Bauleute arbeiten, wie wenig früh Aufstehn und spat Niedergehen und sein Brot mit Sorgen Essen helfen, wenn der Herr nicht dabei ist mit seinem Segen. Zum inneren kam dann auch das Äussere, welches alleine aber nie die Ruhe gibt ohne inneren Grund. Er konnte sich wieder helfen mit dem Gelde. Flut und Ebbe wechselten nicht so, dass alles, was eingegangen, wieder abfloss, es blieb wieder etwas zurück, setzte sich so gleichsam festes Land an, auf welches er mit immer grösserer Sicherheit seinen Fuss stellen konnte. Es schien, als ob der Hof ersetzen wolle, was Uli eingebüsst, als ob er vergelten wolle, was Uli an ihm tat.
Zudem half Hagelhans, der immer öfter da war, mit gar manchem nach, fast unvermerkt. Es tut einem Hof bald dies, bald jenes not oder täte ihm wohl, aber niemand will es machen. Der Pächter scheut die Ausgabe oder denkt, wenn er von der Pacht müsse, entschädige ihn niemand. Der Besitzer denkt: ich kriege gleich viel Pachtzins, sei das gemacht oder nicht gemacht, schiebt die Arbeit auf von einem Jahr zum andern Jahr oder schlägt gar sie ab. Es gibt keine Form des Pachtakkordes in der ganzen Welt, wo solche Nachteile, die erst der Pächter leidet, welche aber später auf den Besitzer zurückfallen, vermieden werden können. Von Joggeli hatte Uli gar nichts mehr erhalten können, er selbst hatte es je länger je weniger vermocht; jetzt griff Hagelhans mit beiden Händen zu, dass es Uli manchmal graute und er sagte: Es dünke ihn, mit dem könne man noch warten bis das andere Jahr, es sei schon so viel geschehen, und zu viel möchte er ihm doch nicht zumuten. "Wenn ich es zahle, was geht es dich an?" fragte Hagelhans. "Warum aufs Jahr versparen, wozu jetzt Geld und Wille da sind?" Das waren zwei schlagende Gründe, gegen welche nicht viel zu sagen war.
Nur am haus selbst wollte er nicht reparieren, nur das Nötigste in den Ställen und an den Bschüttilöchern. Was man an die alte Hütte wende, sei verloren, sagte er. Er hatte immer fester einen Neubau im Kopf; hier aber stiess er auf Vrenelis Willen, welches nichts weniger