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das Bohnenlied. Da könne man wieder sehen, wie schlecht die Welt werde und dass gar keine Religion mehr sei; ehedem hätte sich der schlechteste Hund geschämt, so was zu machen.

Als man nun gar sah, wie Hagelhans oft auf die Glungge kam und wie da eine Einigkeit war, die Kinder dem Alten nachliefen, der Alte kein Geld sparte zu allerlei dem hof vorteilhaften arbeiten, Uli Geld hatte und seinen Viehstand ordnete, wie er ihm am vorteilhaftesten war, da ward es den Leuten gar zu kraus. Sie rührten im Moder der Vergangenheit, rührten halbverweste Bruchstücke herauf aus der Vergangenheit, setzten daraus grausame Geschichten zusammen, dass einem die Haare zu Berge stunden, und flochten daraus Verhältnisse, alte und neue, zwischen Hagelhans und Vreneli, an denen niemand hätte Freude haben sollen als höchstens der Teufel. Und doch hatten gar viele Leute Freude daran und unter andern auch die, welche so bitter klagten, wie die Welt immer schlimmer werde.

Am bittersten missgönnten begreiflich Elisi und Trinette Vreneli ihr sogenanntes Glück, das heisst dass sie die Pach: wieder hatten und da im Schweisse ihres Angesichts ihr Brot essen durften. Hätten sie gearbeitet und geschwitzt wie Uli und seine Frau, sie besässen den Hof noch eigentümlich und nicht bloss das Recht, ihn zu bearbeiten; aber so weit denken solche Weiber nicht. Je weniger sie taugen, je tiefer sie in selbstverschuldetes Elend sinken, desto giftiger nagen in ihren Herzen Neid und Rache, Hass und Zorn; das sind die Schlangen, welche schon hienieden die Herzen zu Höllen machen, während sie Tempel des Friedens Gottes, der über allen Verstand geht, sein könnten.

Sobald Elisi das Gebräu der Leute zu Ohren bekommen, machte es sich auf die Füsse, um Vreneli alles, was es wusste, in die Nase zu reiben. Elisi hatte begreiflich den Verstand nicht, zu begreifen, dass durch Hagelhanses Dazwischenkunft ihm einige tausend Gulden zugut kamen, sondern bloss den Sinn, Vreneli so weh als möglich zu tun, weil Vreneli auf der Glungge bleiben konnte und Elisi nicht.

Doch, wie es geht in der Welt, die Sache ging ganz umgekehrt, als Elisi gedacht. Vreneli war von früh an gewohnt, Elisi zu ertragen, alle seine Tücken und Bosheiten mit Gelassenheit geschehen zu lassen, ohne sich viel darum zu kümmern. Freilich hatte es Vreneli viel gekostet, ehe es zu dieser Gelassenheit gekommen war. Solange Elisi im Glück war, musste Vreneli von Zeit zu Zeit neu ansetzen, dieselbe sich zu bewahren; nun, da Elisi im Unglück war, ward es Vreneli leicht, in Geduld anzunehmen, was Elisi tat und sagte, und je ärger es es trieb, desto grösser war sein Erbarmen mit der unglücklichen person. Wer drinnen sei wie Elisi, der Mann mit dem Schelmen davon, der grösste teil des Vermögens drauf, einen Rudel Kinder ohne Zucht und Hoffnung, sei geschlagen genug, sagte es. Wenn man Verstand habe und Gottvertrauen und den Leuten lieb sei, so mache sich alles; man habe Trost in Gott, hülfe von guten Leuten und Hoffnung auf die Zukunft. Aber wo weder Verstand noch Liebe, weder Religion noch Kraft sei, da sei der Mensch geschlagen und ohne Hoffnung weder für die Erde noch für den Himmel. Und wenn der Mensch noch so boshaft, neidisch, zänkisch sei, dann mache er sich zu allem andern noch ein schwer Leiden selbst, dazu alle Leute bös, dass er das Schlimmste gewärtigen müsse von ihnen.

Das ist eben die Weise der edlern Naturen, dass das Unglück ihnen die Personen heiliget, wie widerwärtig sie an sich auch sein mögen, so wie den Muhammedanern die Wahnsinnigen heilig sind. Umgekehrt haben es die gemeinen Naturen, für das Edle haben sie keinen Sinn; ist es im Glanze, kriechen sie vor ihm im Staube und lecken ihm die Füsse, ist es im Unglanz, werfen sie es mit Kot, treten sie es mit Füssen. Vide Weltgeschichte bis auf die allerneuste Zeit! Vreneli dachte bei Elisi immer: Vater, vergib ihm, es weiss nicht, was es tut.

Was Vreneli schmerzte, war das Benehmen der Leute überhaupt. Missgunst trat überall zutage, und diese erzeugte das heilloseste Streben, für edles Handeln schlechte Gründe zu er grübeln. Das ist eine heillose Weise, die, wenn sie dem Tun nichts anhaben kann, demselben einen schlechten Sinn unterschiebt. Diese Weise vergiftet das Leben der edelsten Menschen, zerstört Erfolge, lähmt alle, welche über das Urteil der Menge sich nicht erheben können. Vreneli war sich so klar bewusst, jedermann das Glück zu gönnen, mit beiden Händen und ganzem Gemüte bereit zu sein, Anderer Glück zu fördern und ihr Unglück zu wenden, und hatte davon so manchen Beweis geleistet, dass es ihm wirklich wehe tat, diesen Sinn der Welt in all seiner Bitterkeit erfahren zu müssen. Indessen will es Gott so und es ist gut so; das sind die kühlen, frostigen Frühlingswinde, welche den zu raschen und zu üppigen Aufwuchs der Pflanzen, welcher denselben so gefährlich ist, hemmen. Dieses Sumsen und Reden soll den Christen demütig bewahren, dass er sein Glück nicht als ein verdientes betrachtet, sondern als einen Segen Gottes. Um Gottes willen soll er nach seinen Fehlern und Flecken spähen, sie ausreissen und ausreiben mit schonungsloser Hand, und gälte es das rechte Auge und wäre es die rechte Hand, an welcher das Ärgernis klebte, damit die Menge nicht sage, Gott