wegen der Pacht, was meinst?" "Ach Gott," sagte Vreneli, "was soll ich meinen? Mein Lebtag war ich hier; wie mir es ums Herz sein muss, hier fort zu müssen, kann man denken. Aber hier zu sein zwischen Leben und Sterben und in beständiger Angst, die Leute müssten an uns verlieren, das ist ein ängstlich Leben, welches ich in die Länge nicht aushielte und Uli es nicht zumuten möchte, um am Ende doch auf die Gasse zu kommen."
"So, hast ein schönes Zutrauen zu mir," sagte der Alte. "Indessen man nimmt es, wie es ist, bis es besser kommt. Einstweilen habe ich nicht im Sinn, euch auf die Gasse zu bringen, und wie man es macht, so hat mans. Nach dem, was ich gesehen habe, wirtschaftet ihr Beide nicht übel jedes an seinem Orte, habt ziemlich Ordnung und könnt es vielleicht noch besser lernen, denn im Blitzloch siehts besser aus. Das geht mir einstweilen über den Zins, besonders wenn es mich noch ankäme, selbst Glunggenbauer zu werden. Ich könnte dich zum Hausknecht machen, mag aber nicht. Hausknechte erfaulen gerne, verlassen sich auf des Herrn Geldseckel, und scharf gibt die Frau nicht acht, wieviel Mehl und Butter sie zu einer Suppe braucht, geht es doch über des Herrn Buckel aus; es gibt selten etwas Gescheutes aus solchen Leuten, besonders wenn ihr Dienst lange währt, und Lust zum Sterben habe ich einstweilen noch nicht."
"Ihr habt ein schlecht Zutrauen zu uns, dass Ihr glaubt, wir können zu fremder Sache nicht so gut sehen als zu der eigenen" sagte Vreneli. "Mensch ist Mensch," sagte der Alte. "Aber warum sagst du nicht Vetter?" Vreneli wurde rot und sagte: Kinder, wie es eins sei, wüssten eigentlich nie recht, ob sie Verwandte hätten oder nicht. "Wie sagtest du der Bäurin hier?" fragte barsch Blitzhans. "Base und manchmal Mutter, wie sie auch eine an mir war," sagte Vreneli.
"Ho," sagte Hagelhans, "so ist es dir einstweilen erlaubt, mir Vetter zu sagen; vielleicht, wenn du siehst, wie ich es meine, sagst du mir einmal auch noch Vater. Also in den Schulden bist, dem Bodenbauer bists? Du weisst, ich habe den Hof sehr teuer samt Schiff und Gschirr und aller Bsatzung. Wie ich mir habe sagen lassen, hat man dich hart gehalten, und doch habest du den Hof verbessert, was mir zugut kommt. Das musst dem Alten und dem Jungen nicht für übel nehmen; wer ertrinken will, hält sich an jedem Rohr, denkt nicht, dass es ihm nichts hilft, als dass er das Rohr ausreisst. Wer es aber hat und so es macht, der ist ein Hund und ist zu achten als ein Hund. Willst es mit mir probieren, so wollen wir zusammen hinauf zum Bodenbauer, die Sache richtig machen mit ihm, denn er hat seine Arbeit und ich habe besser Zeit, ihm nachzulaufen, als er mir. Ich heisse nicht umsonst Hagelhans, aber schlechter ist doch Mancher am kleinen Finger als ich am ganzen leib. Nicht dass ich mich rühmen will, aber wenn mich schon alles fürchtet, so hat doch niemand Ursache, mich zu hassen, als vielleicht – –. Doch redet mit einander. ist es euch anständig, so gehen du und ich diesen Nachmittag zum Bodenbauer, bleiben dort über Nacht und machen die Sache. Wenn Hagelhans was anfängt, so fährt er gerne gleich aus bis zhinterst. Jetzt will ich in die Schreiberei, mach dass wir was essen können, wenn ich zurückkomme, halte nicht viel auf Warten. Bhüt euch Gott unterdes."
Da sassen sie nun, Uli und Vreneli, sahen einander an, wussten nicht, hatten sie ein Gespenst gesehen oder einen guten Engel. Unerwartet wie ein Hagel vom Himmel war der grauliche Mann in ihr Leben hineingeplumpst, aber nicht zerstörend, sondern Gaben verheissend. Er war wie eine Gestalt in der Finsternis, von der man nicht weiss, ist sie Freund oder Feind, die wohl ein Losungswort gibt, von dem man aber nicht weiss, hat man es richtig gehört, ist es das rechte oder nicht.
"Was sagst dazu?" fragte endlich Uli. "Weiss nicht," sagte Vreneli. "Glauben tue ich, er meint es jetzt gut, aber wie lange das Gutmeinen währt, das weiss ich nicht. Es ist mir gar wunderlich um ihn herum, bald wohl, bald angst, bald graut mir vor ihm, bald dünkt mich, ich müsse ein grosses Erbarmen haben mit ihm. Die Base selig redete immer mit Schrecken von ihm als wie von einem halben Ungeheuer und doch glaube ich fast, die letzten Worte, welche wir nicht verstehen konnten, haben ihm gegolten, er lag ihr doch im Sinn." "Aber glaubst, es sei ihm Ernst, er stelle uns nicht etwa Fallen?" fragte Uli. "Glaube es nicht," sagte Vreneli, "dass er an so was denkt. Es möchte mir fast scheinen, als sei er so ein alter Menschenfeind, der wieder das Verlangen nach Menschen bekömmt. Daneben aber schadet in acht Nehmen nicht, und dass er zum Bodenbauer begehrt, gefällt mir, es ist ein Zeichen, dass er uns nicht so