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fast vor dem Mann und seiner gewaltigen Gliedermasse. Wenn in einem wald er ihm begegnet wäre, hätte es ihn für einen übergebliebenen Riesen gehalten und die Flucht genommen. Auch sein Hund erhob sich, dehnte sich, stunde auf die hintern Beine, legte seine vordern Tatzen auf Vrenelis Achseln und leckte ihm das Gesicht. Ein kleiner Schrei entfuhr Vreneli, als das Untier ihm so nahe kam, doch fiel es nicht in Ohnmacht.

"So," sagte der Alte, "das ist seltsam, das hat er noch keinem Menschen gemacht als mir. Niemanden wollte ich raten, ihn nur von ferne anzurühren. Kurios!" "Ich gab ihm zu fressen," sagte Vreneli, "und manchmal sind die Hunde dankbarer als die Menschen." "Er frisst alle Tage dreimal, aber deswegen ist er noch nie an jemanden aufgestanden, es mag ihm das Fressen geben, wer will." Kopfschüttelnd suchte der Alte sein Lager, nachdem ihm Vreneli gute Nacht gewünscht und ihn ermahnt, recht auszuruhen und am Morgen nicht zu früh aufzustehen.

Als Vreneli sich niederlegte, schlief Uli fest, und Vreneli weckte ihn nicht. Als es erwachte, war Uli fort, ohne dass er um den Gast im haus wusste. Er hatte die Kehr, das heisst die Reihe war an ihm, das wasser auf seine Matte zu lassen; die versäumt kein Bauer und wacht, bis das wasser aufgelaufen, um zu sehen, wie es überall seine Pflicht tue, und damit nicht etwa ein guter Freund und Nachbar in Versuchung gerate, an ihm zum Schelme zu werden und das wasser zu stehlen. An der Sonne sah Vreneli, dass es sich verspätet, hantierte nun um so rascher, trieb mit kundiger Hand das Räderwerk des grossen Haushalts. Es glaubte den Gast noch im Bette, sorgte für Stille, um so lange als möglich nicht von ihm gestört zu werden. Am Herde hantierend, fühlte es plötzlich was Kaltes in der Hand; erschrocken und mit einem kleinen Gix drehte es sich um, da war der mächtige Hund, der liebkosend seine kalte Schnauze Vreneli in die Hand gestossen hatte, und unter der tür, dieselbe fast ausfüllend, stunde des neuen Bauern gewaltige Gestalt.

Eben willkommen war sie nicht, doch Vreneli besass die Freundlichkeit, welche Missliebiges überwindet, dasselbe nicht tagelang ablagern lässt, bot freundlich einen guten Tag, hiess ihn zum Frühstück kommen, fragte, wie es ihm gefalle hier usw. Neugierig streckten die Kinder eins ums andere ihre Gesichtchen durch die tür, welche ins Nebenstübchen, wo sie schliefen, führte, fuhren dann mit Schreien und lachen zurück, wenn sie den fremden Mann und den grossen Hund sahen, der sie noch mehr interessierte als der Mann. Der Mann war ernst, doch nicht unfreundlich, gab gut Lob ihrer Wirtschaft, fragte nach Uli, und als endlich die Kinder sich dem Hund zulieb in die stube wagten, war er freundlich mit ihnen, besonders mit dem kleinen Vreneli. Der Hund liess mit ruhiger Ehrenhaftigkeit der Kinder Streicheln sich gefallen, nahm ihnen das Brot ab, welches sie der Mutter für ihn abgebettelt hatten. Vreneli musste von den Kindern erzählen, musste abwehren, dass sie nicht zutäppisch wurden.

Da ging die tür auf. "Vater, Vater, sieh, was das für ein Hund ist, hast du auch schon so einen gesehen?" schrien die Kinder. Uli stand da wie Lots Weib, als es Sodom und Gomorrha brennen sah, und glotzte den Mann an mit offenem mund. "Das ist der neue Bauer," sagte Vreneli, "er war hier über Nacht. Als er kam, schliefest schon, und heute warst fort, ehe ich es dir sagen konnte."

Uli glotzte noch immer, so dass Vreneli es recht ungern hatte, dass Uli so unmanierlich tat. Der neue Bauer sah Uli auch an, und seltsam zwitzerte es ihm um den Mund und in den Augen. Endlich fragte er: "Dünkt es dich etwa, du hättest mich schon gesehen, und weisst nicht wo?" "So ist es," sagte endlich Uli, "aber es wird nicht sein." "Wen meinst?" sagte der Mann. "Es wird nicht sein," sagte Uli. "Wir haben einen, der noch unser Vetter sein soll von der Frau her, der wohnt weit weg; bei dem war ich einmal, es ist schon lange her. An den mahntet Ihr mich im ersten Augenblick, aber der ist ein wüster und struber Mann und es ist besser, man rede nicht viel von ihm." "Wirst doch nicht den Hagelhans im Blitzloch meinen?" fragte der Bauer. "Wohl, gerade den," sagte Uli, "meine ich, kennt Ihr ihn?" "Allweg, den kenne ich," sagte der Mann, "von wegen gerade der bin ich, der Hagelhans im Blitzloch und jetzt der neue Glunggenbauer."

Ja, jetzt gab es Gesichter, man kann sichs denken, und lange gings, bis Vreneli sich fasste und sagte: "Seid Gottwillche, Vetter, und zürnet nicht! Böse gemeint war es nicht, und dass ein Mensch, absonderlich ein Mann, wenn er nicht gebartet hat, daheim strüber und wüster aussieht, als wenn er gsunntiget ist, selb versteht sich und ist nichts Böses. Es wäre uns grausam leid, wenn Ihr es uns nachtrüget und entgelten liesset, was