da pochte es draussen. Der Lümmel, dachte Vreneli, wäre der doch jetzt im wirtshaus geblieben oder drüben in sein Bett gekrochen, was braucht der jetzt so spät mit seinem Gestürm uns unruhig zu machen! unwillig öffnete es die obere Tür, aber draussen stand nicht Hans, sondern ein alter Mann mit einem Kopf, der wirklich einem hundertjährigen Weidenstock glich. "Möchte hier über Nacht sein," sagte rauh der rauhe Kopf. Erschrocken sagte Vreneli: "Es ist wohl spät, mein Mann ist nieder und schläft." "Selb ist mir eben recht", sagte der Mann, "deswegen brauchst du nicht zu erschrecken. Bin kein Vagabund, sondern der neue Glunggenbauer. Im Wirtshaus ist mir zu viel Lärm, will probieren, wie hier ein Schlafen ist." Da blieb Vreneli nichts übrig, als Platz zu machen vor der tür dem grossen Mann, hinter dem ein Hund dreinkam wie ein grosses Kalb. Um Uli nicht zu wecken, führte es ihn in die jenseitige stube und fragte, ob es ihm mit etwas aufwarten könne. "Ein Kaffee wäre mir recht," sagte der Mann, "wenn es dir nicht zu viel ist," und dazu betrachtete er Vreneli mit zwei so scharfen Augen, dass Vreneli nicht wusste, was das bedeuten sollte.
Doch Vreneli war keine erschrockene Frau bekanntlich, war eine Frau von dem Selbstgefühl, welches Frauen eigen ist, dass ihnen nichts Unanständiges begegnen werde und dass, je ungestörter sie mit einem Menschen eine halbe oder eine ganze Stunde zubringen könnten, sie um so besser wüssten wie sie mit ihm dran seien. Wichtig schien es wirklich Vreneli zu wissen, woran man mit dem neuen Bauer sei, und manierlich mit ihm zu sein, damit er nicht Ursache zum Gegenteil hätte. In diesem Punkte traute es Uli wirklich nicht ganz, denn auch ihn es kostete es Mühe, freundlich mit ihm zu sein. Es zwang sich, hiess ihn, sichs bequem zu machen, fragte ihn, wie er den Kaffee liebe, stark oder schwach, legte buchene Scheiter ans Feuer, damit tannerne durch ihr Sprätzeln niemanden wecken möchten, fragte, ob es dem Hund auch was reichen solle und was derselbe liebe? Der Alte gab ganz kurzen Bescheid. Er sprach fast, als ob er seine Sprache aus einem Exerzierreglement gelernt hätte. Rasch war das Kaffee fertig, sauber, appetitlich, wackeres Hausbrot samt einer schönen Schnitte Käs stunden dabei. Oder ob er Butter liebe, fragte Vreneli, dieselbe sei aber nicht mehr recht frisch. Mit der Milch seien sie gegenwärtig nicht am besten bestellt. Zucker hätten sie keinen im haus, entschuldigte es sich, dergleichen brauche ein Pächter nicht.
Als alles da war, der Alte es sich behaglich gemacht, zog es einen Korb mit dürren Bohnen an sich, hülsete sie, um die Finger nicht müssig zu lassen. Ob sie schon lange da seien? fragte der Alte. "Ihr werdet euch da gewärmt haben?" "Wäre gut," meinte Vreneli, erzählte dann ruhig, welch Unglück sie gehabt und wie sie jetzt davon müssten, ehe sie sich erholt. Wenn es ihm nass ward in den Augen, so trocknete es sie so unvermerkt als möglich.
"So gehts," sagte der Alte, "wüste Leute tun wüst, drum gehts ihnen bös." Wen er damit meine? fragte Vreneli. "Den Glunggenbauer und seine Frau, wen sonst? Hätten die bräver getan, so wäre der Hof schwerlich verkauft worden," entgegnete der Alte. Da wurde Vreneli warm, stunde ein für Ba, se und Vetter, absonderlich für die erste, und liess die Tränen laufen ohne Scheu. "So, warst noch dazu verwandt," sagte der Mann, "und machten es euch so?" "Ja," sagte Vreneli, "und dass ich unehlich war, liess mich die Base nie entgelten, sie war mir eine Mutter und ich ihr Kind und oft werter als das eigene Kind." "So, und wo warst du daheim?" sagte der Alte. Vreneli nannte kurz den Ort. "So," sagte der Alte, "deine Mutter wird geheiratet haben?" "Sie starb bei meiner Geburt, und wäre die Base nicht gewesen, die Grosseltern hätten mich vielleicht nicht taufen lassen. Aber Bericht, warum und wie, wollte mir die Base nie geben, kann also auch nicht Auskunft geben. Doch Ihr werdet müde sein und Ruhe Euch anständig; Euer Bett ist gemacht, ich will es Euch zeigen."
"Also seiter warst hier?" fragte der Alte. "So so, und jetzt, wohin," dafür sei gesorgt, sagte Vreneli kurz, sie hätten sich noch guter Leute zu trösten, welche sie nicht im Stiche liessen, wenn sonst auch alles fehle. "So," sagte der Alte, "das ist allweg kommod. Sie sind rar, diese Leute, aber noch rarer sind die, welche die guten Leute, wenn sie sie auch finden, auch gut behalten können." Das käme immer auf den Verstand an und wie man tue, sagte Vreneli. "Mit Schein weisst du was davon, weil du deiner Base nicht davonliefest, als sie dich erzogen hatte, wie es die Meisten machen. He nun so dann, so will ich ins Bett, so kannst du auch hinein."
Somit stunde er auf, Vreneli erschrak