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tief mir das ins Herz ging."

Gegen Abend bekam er doch grosse Neugierde und ward sehr ungeduldig. Es ist allerdings ein Eigenes, einsam und in aller Stille zu verharren, wenn man weiss, es geht in der Nähe Wichtiges und Entscheidendes vor. Man wird von einem eigenen Bangen ergriffen und fast unwillkürlich dem Orte der Entscheidung zu gezogen. Uli widerstand dem Zug, das Grauen vor dem, was er hätte hören müssen, war stärker als der Zug; aber als es dunkel ward, sagte er zu seiner Frau: "Was meinst, wenn wir den Hans schicken würden, zu hören, wie es geht, und uns Bericht zu bringen?" "Machs," sagte Vreneli, "wenn du nicht selbst gehen magst. Aber er solle wiederkommen zur Zeit und nicht meinen, er müsse warten, bis alles aus sei und der Letzte fort. Nimmts uns dann noch mehr wunder, so kann er ja wieder gehen."

So lautete die Ordre. Hans schwoll die Brust, als er sie empfing samt zehn Kreuzern zu einem Schoppen. Er wusch sich tapfer, und stolz marschierte er ab, stellte er doch mal einen Abgeordneten oder so gleichsam einen Repräsentanten vor. Zudem war sein Vater ein St. Galler gewesen, seine Mutter eine Waadtländerin, und in einem Keller im Aargau ward er weiland geboren; man kann sich das Gefühl nun denken und die Beine, welche er zu machen sich anstrengte auf diesem wichtigen Gange.

Es verliefen zwei lange Stunden, es zeigte sich kein Hans.

Vreneli schickte den Benz nach, denn Uli war sehr ungeduldig aus den Ställen, wo er sich herumgetrieben hatte, in die stube gekommen und hatte gedroht, Hans noch diese Nacht fortzujagen, möge es seinetalben wohl oder übel gehen im St. Gallerlande. Benz war einstweilen noch ein ehrlich Emmentalerblut, freilich sehr ungebildet, aber pünktlich tat er, was man ihm auftrug. Ist auch was wert! Benz lief ab wie ein Pudelhund und gar nicht so stolz gebeinelt wie Hans, der früher lange um Zürich herum gedient hatte, drängte sich nicht vor wie Hans, der an einem Tische sass mit breiten Ellbogen und vom Schlaraffenland erzählte, wo sein Grossvater, der ein Appenzeller sei, ein grosses Gut hätte, nebenbei grosse Geschäfte mache im Lehrfache, grosses Geld verdiene, neben ihm Keiner aufkommen könne, von wegen weil er dieses Fach verstehe. Benz stunde in eine Ecke, wo niemand seiner sich achtete, horchte gut, blickte scharf, und nach einer halben Stunde lief er wieder ab. Viel Leute seien da, berichtete er, doch die Meisten mehr um zu saufen als um zu bieten. Johannes brülle die stube voll, aber man achte sich seiner nicht viel; einer mit einem Bocksbart und Bollaugen sei da und schiebe zuweilen ein Gebot ein, aber es scheine ihm nicht recht Ernst zu sein. Ein alter Bauer sitze in einer Ecke, er habe nichts gesehen als seinen Kopf, der sehe aus fast wie ein hundertjähriger Weidenstock, aus diesem komme hie und da ein Gebot wie aus einer verrosteten Kanone. Allem an werde der Meister, er benehme sich, wie es einer mache, wenn er es zwingen wolle. Gefallen tue der ihm nicht, er mache eine Miene, dass er glaube, der fresse Kinder, wenn er nicht Kalbfleisch bekommen könne. Allweg könne es nicht lange mehr gehen, eine Unsumme sei bereits geboten; es werde zuletzt darauf ankommen, wer das nötige Geld zeigen könne.

"Und Hans, wo ist denn der?" fragte Vreneli. "Oh, der sitzt hinter einem Tische," sagte Benz, "und berichtet den Leuten vom Zuchtaus in St. Gallen und wie Viele dort Platz bekommen könnten, man hätte ihm auch einen angeboten, aber einstweilen hätte er doch noch keinen begehrt, und vom Grossvater im Schlaraffenland, wie der ein Gut hätte, auf welchem der Mistaufen so gross sei als das ganze Glunggengut und wo der Grossvater bloss für Besen Jahr für Jahr so viel ausgebe, als die Turgauer in einem Jahre verprozedierten und die Rechtsgelehrten mit Leugnen und Lügen verdienten, was sie so wohl könnten, dass es ihnen ihr Lebtag nach, gehe, sie möchten zu Ehren kommen, wie sie wollten, und kämen sie in die Tagsatzung."

Dieser Bericht ging Uli ins Herz. Er hatte immer noch gehofft, aber was sollte er so von einem hundertjährigen struben Weidstock erwarten? "He nun so dann, so wissen wir jetzt, wie es ist. Das Beste ist, wir gehen ins Bett, so wachen wir morgen auf," sagte er und ging. Vreneli sah noch nach Feuer und Licht, und als es ebenfalls nieder wollte, begann das jüngste Kind Spektakel. Dessen ist man in einer Haushaltung gewohnt, und wenn die Mutter treu ist, schläft der Vater um nichts weniger ruhig, wenn er nämlich sonst ruhig schlafen kann, wenn schon ein Kind schreit. Wie müde auch die Mutter ist, sie nimmt das Kind und pflegt es nach seinen Umständen; sie beklagt sich darüber nicht, ihr ist es ganz ordinäre Pflicht, welcher sie mit Liebe obliegt. Uli hatte in frühern Nächten wachend viel geträumt, seine Träume hatten jetzt ein Ende; er konnte schlafen und das Kind störte ihn im Schlafen nicht.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der neue Bauer in der Glungge erscheint

Endlich war das Kleine wieder entschlummert. Vreneli hatte es abgelegt, zugedeckt, wollte eben auch die Ruhe suchen,