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kleistert und frisiert, alle Augenblicke die Nase der alten natur wieder hervorguckt.

So schied der alte Mann von der Welt, wie er in der Welt gelebt hatte, in Missvergnügen und Uneinigkeit. Es war ein grosser Leichenzug, man sah wohl, dass man einen grossen Bauer zu grab trug; den Gesichtern dagegen sah man an, dass im Sarge weder ein bedeutender noch geliebter Mann lag, denn nicht nur weinte niemand als Vreneli und wahrscheinlich dieses auch mehr der Base zu Lieb und Ehr als dem Vetter, sondern es war ein Geschnatter, selbst ein lachen oft im langen zug, wie man es sonst hinter einem Sarge her nicht für anständig hält.

Die Hinterlassenen konnten sich kaum des Streites unter einander entalten; sobald sie ein geneigtes Ohr fanden, schimpften sie über einander, und Johannes, sobald er ein Glas Wein im kopf hatte, pülverte dem Vater seinen Missmut noch ins Grab nach. Der Vater sollte jetzt an allem schuld sein, er, der Johannes, hatte keinen Fehler. Die Andern, welche ausserhalb der Hörweite der sogenannten Erben sassen, ergingen sich in Mutmassungen, ob wohl etwas Vermögen übrig bleiben werde; dass das Gut verkauft werden müsse, darüber waren sie einig.

Sie hatten aber auch recht, die Umstände waren noch viel schlechter, als man es sich vorgestellt hatte. Auch hier wollen wir die Formen, in welchen eine solche Erbschaft ermittelt, gesichtet, so gleichsam bis zu ihren reinen Bestandteilen abgeklärt wird, nicht näher bezeichnen. Jedermann in aller Herren Ländern wird daran hauptsächlich das begreifen, dass bei einem solchen Läuterungs- oder Aufklärungsprozess ein grosser Abgang sein muss. Ja manchmal ist die Masse so konfus und seltsam, dass wenn man sie aus den chemischen Apotekertiegeln herausnehmen will, man ein Erkleckliches weniger als nichts darin findet. Die Destillation musste um so genauer vor sich gehen, da über die eine Hälfte der Erbschaft der Konkurs verhängt, jeder Gläubiger ein natürlicher und berechtigter Wächter war.

Joggeli hatte keine Art von Verfügung hinterlassen. Im Gewirre der Prozesse hatte man weder daran noch an Joggelis Tod gedacht. Es fiel Manchem auf, dass Johannes sich den Hof nicht um halb nichts vom Vater habe abtreten lassen. Wir wissen nicht, warum es nicht geschah. Wollte Joggeli nicht, weil er misstrauisch geworden auch gegen den Sohn, oder wollte Johannes nicht, weil er dachte, einstweilen sei der Hof sicherer in des Vaters Händen als in den seinen, und wenn des Schwagers Angelegenheiten beseitigt seien, lasse dies sich besser und sicherer machen als jetzt?

Als die Angelegenheit vom Gericht zu Handen genommen wurde, tat Johannes anfangs wie ein angeschossener Eber. Aber da der Gemeinde in solchen Fällen eine gewisse Verantwortlichkeit aufgelegt ist, da sie zunächst die damit beauftragten Personen erwählt, so hatte sie Männer erwählt, von denen sie sagen konnte: "Die werden das Bürschli schon ebha, da haben wir keinen Kummer." Es fanden sich so wenige Zinsschriften und Geld vor und so viele Anforderungen häuften sich, dass es sich bald herausstellte, das Gut müsse verkauft werden. Begreiflich wollte Johannes nicht und sagte, er sei der Sohn und tue es nicht. "An eine Steigerung es bringen ist gesetzlich, da kannst du bieten wie ein Anderer. Oder wenn du einen Preis zahlst, mit welchem man kann zufrieden sein, und Geld schaffest, so viel man nötig hat, so kann man beraten, was zu machen," sagte ihm ein Vorgesetzter. Aber da eben lag der Haken, wo er möglicherweise noch an andern Orten liegen mag: wo Geld nehmen und nicht stehlen?

Johannes hatte also ein Wirtshaus mit bedeutender Landwirtschaft. Je grösser das Geschäft ist, welchem Menschen wie Johannes vorstehen, desto rascher geht es dem Kuckuck zu. Es ist bekanntlich wegen Wasserverbrauch ein Unterschied, ob man an eine Feuerspritze ein oder zwei oder ein halb Dutzend Röhren schraubt. Die Landwirtschaft will von allen Wirtschaften den nachhaltendsten Fleiss und eine stetige Behandlung, sonst verzehrt sie nicht bloss mehr, als sie gibt, sondern das Kapital wird alle Tage geringer, das heisst das Land schlechter. Die Gastwirtschaft von Johannes wurde alle Tage schlechter in dem Masse, als der Wirt und die Wirtin die besten Gäste wurden, wenn das nämlich die besten Gäste sind, welche am meisten brauchen und nichts zahlen. Je schlechter ihre Wirtschaft wurde, desto mehr neue Wirtschaften entstanden um sie herum, desto weniger trug die ihre also ein, desto mehr verringerte sie sich in ihrem Werte. Des Johannes Besitzung war also eigentlich eine fressende, nicht eine nährende, keine einträgliche, sondern eine austrägliche. Doch konnte Johannes nicht von ihr lassen; das Leben eines Wirtes, der alle Tage frisches Brot, Fische und Fleisch von allen Sorten haben kann, war seiner natur zu zuträglich, um es lassen zu können, auch hätte er für unsittlich gehalten, es zu lassen, denn auf der heutigen Kulturhöhe hält man für die höchste Sittlichkeit ein Leben der natur gemäss. Er sagte, wenn er sie jetzt verkaufen wollte, so würde er fast die Hälfte daran verlieren. Beide Besitzungen vermochte er nicht zu behalten, besonders da sein Schwiegervater ihm nicht helfen wollte, sondern grobe Worte gab statt Geld, er hatte sie wahrscheinlich auch besser. Den Vater hätte er gemolken, gab derselbe zum Bescheid, jetzt werde er auch den Schwäher melken wollen, aber ohä, das sei ein anderer Knebel. Wenn noch was da sei, wenn er sterbe, so komme es allweg den Kindern kommod,