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Tod für ihn ein grosses Unglück. Jetzt kam die Vermögensmasse in unparteiische hände, ihr Bestand musste ausgemittelt werden so wie Schuldner und Gläubiger. Er war nicht gerührt, aber tobte gewaltiglich, dass das hätte geschehen müssen; es sei gerade, als ob das ihm absichtlich zuleid getan sei, um ihn zugrunde zu richten. Noch acht Tage, so hätte der Vater geflucht gehabt; dann hätte er seinetalben gehen können, wohin er gewollt, die Sache wäre gewonnen gewesen.

Über solche Reden schalt Vreneli den Johannes fürchterlich. Er solle doch an die Mutter im grab denken, wenn er auch den Vater nicht achte. Es nehme ihn es doch auch wunder, wo er so gottlos und frevelhaft geworden sei, als Junge sei er anders gewesen. Wäre er Bauer geblieben auf der Glungge, so wäre es nicht so gegangen, er wäre ein Anderer inwendig und auswendig. Jetzt sei es froh, dass es bald von ihm komme und hoffentlich ihn nicht mehr sehen werde. Es sei ihm immer angst in seiner Nähe, vom Himmel komme ein Blitz und schlage ein in sein gottlos Maul. "So wäre es für mich," sagte Johannes, "und dich ginge es nichts an. Vielleicht dass es gut wäre, wenn es so ginge, dann wäre ich draus und weg und allem los. Jetzt schweige mir aber mit dem Gestürm und mache, was zur Sache gehört. Ich mag viel von dir ertragen, aber genug ist genug; ich will meinen Zorn auslassen, wie ich will, magst es nicht hören, so geh weiter!"

Vreneli ging und fiel Elisi und Trinette in die hände, die gar jämmerlich hintereinander waren. Beide wollten geschwind von des Vaters Sachen nun erben, was da war, dann zum Krämer, dann zu Schneider und Näherinnen und sich neu kleiden lassen für das Leichenbegleit. Da tat Pressieren not, innerhalb drei Tagen musste alles geschehen sein und in der Nähe wohnten keine Pariser Künstler, weder Schneider noch Näherin (ein geschöpf, welches auf dem land auch die Putzmacherin vorstellt). Trinette wollte jetzt alleine erben, wie Elisi bei der Mutter auch alleine geerbt, was in ihrem Sinne so dumm nicht war. Aber Elisi begehrte schrecklich auf, dieweil Vater und Mutter ganz verschiedene Kreaturen seien. Es wäre so was für Lumpenhunde von Söhnen und deren Schleipfen, wenn sie den Vater, welcher das Vermögen in Händen hätte, alleine beerben könnten. Potz Schiess, wie spitzte Trinette die Nägel, akkurat wie ein Kater, dem ein anderer in sein Revier kommt. So kamen die Gerichtspersonen und teilten den Kuchen, sie versiegelten alles. Bekanntlich hatte Achilles eine Ferse, welche verwundbar war, bekanntlich war sogar der hörnerne Siegfried zwischen den Achselbeinen so empfindlich, dass der wilde Hagen ihn von dorter erstechen konnte; die beiden Gerichtspersonen aber, welche kamen, waren mehr als Achill, mehr als der hörnerne Siegfried, sie hatten keine verwundbare Stelle, sie waren ledern, hörnern, eisern über und über. Die Weiber mochten lieblich oder grimmig tun, Johannes blitzen oder donnern, sie versiegelten kaltblütig alles gut und währschaft; es waren nicht bloss Halbgötter wie Achill zum Beispiel, es schienen wirklich ganze Götter. Es waren nämlich Männer, welche Nasen hatten, die den Braten rochen, kaltblütig ihre Pflicht taten, die Weiber auslachten, den Johannes kurz abfertigten. Wo die Mehrzahl der Erben zahm sind und nicht viel verstehen oder jung, daher blind wie Katzen vor dem neunten Tag, oder alles unter einer Decke liegt, ja da lässt sich schon was machen, da können Gerichtspersonen human, liberal, halb oder ganz blind sein, das lässt sich schon machen und ist manchmal noch was zu verdienen dabei. Aber wo es heisst "Feinde ringsum", das Erbe mit Luchsaugen bewacht, gleichsam umstellt ist wie der Bau eines eingejagten Fuchses, da lässt es sich aufpassen, wenn man nicht Schmutz an Ärmel kriegen will statt Geld in die tasche. Ja, felsenfest und unerbittlich wird man, hat nicht einmal an der Ferse einen blessierlichen Fleck, wenn in solchen Fällen nicht eine Hand die andere waschen muss, das heisst wenn der Versucher nicht zum Andern sagen kann: "Weisst nicht mehr, was dort und dort gegangen? Jetzt mach was du willst, aber machst es nicht, wie ich will, so rede ich."

Unglücklicherweise für Johannes und die Weiber hatten sie eine solche Handhabe an diesen Männern nicht; Johannes hatte seit langem nicht hier gewohnt, war hier nie in Geschäften gewesen, die Männer kamen daher nicht in Verlegenheit, und scharf ward nach Pflicht und Vorschrift gehandelt. Heulend legte sich Trinette auf ein Bett, da stellte sich Elisi lachend davor und schabte Rübchen, bis Johannes dem armen Tropf eine Ohrfeige gab, dass es blutend und schreiend zu Vreneli lief, welches ihnen vergeblich vorstellte, welch eine Schande es für alle sei, so zu tun, während ein Toter im haus liege. Selbst die geringsten Leute täten leise während dieser Zeit, als ob sie die Ruhe nicht stören wollten, und hätten Respekt vor der Leiche, und sie, die vornehm und gebildet sein wollten, täten wie betrunkene Menschen! Aber es half nichts. Es ist gar wunderlich mit der sogenannten Bildung, sie ist gar oft nichts als ein simpler Kleister über eine rohe natur. Bekanntlich aber mag der Kleister das Wetter nicht ertragen, die Sonne nicht, den Regen nicht, den Frost nicht, so dass, wie man auch