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sagte Uli, "wenn wir nur wüssten, wo nehmen und nicht stehlen." Ja, sagte Vreneli, stehlen sei eine wüste Sache, das helfe es auch nicht. Aber als das letztemal der Bodenbauer dagewesen sei, habe er gesagt, sie wüssten, wo er wohne. Ja, sagte Uli, das sei alles gut, aber immer und immer wieder Bettlerwege laufen zu sollen, sei er doch endlich satt. Vreneli verstand den Ton besser als die Worte, und in seinem lebendigen Gerechtigkeitsgefühle war es ihm klar, dass Uli allerdings Mehreres habe austreten müssen, was es angegeben, dass ihm das wiederholte Hülfesuchen bei dem Bodenbauer sehr zuwider sein müsste.

Vreneli hatte Vernunft und hielt seinen Mann nicht für einen dummen Schweizermann, zu nichts nutz, als deutschen Jungen und Allerweltsbuben, bankerotten Italienern und herrschsüchtigen Weibern Kastanien aus dem Feuer zu holen, kurz es hielt ihn nicht für einen Neidgauer. "Weisst du was," sagte Vreneli, "unser jüngstes Kind ist noch nicht eingeschrieben; das älteste bittet schon lange, einmal zur Gotte zu fahren, sie habe ihn es eingeladen; nächsten Sonntag nehme ich den Fuchs, er ist ein guter alter Trappi, mit dem darf ich fahren und will suchen, was da zu machen ist. Es ist jedenfalls am anständigsten, man verrichte solche Sachen selbst." Uli begann keinen edlen Wettstreit, er sagte bloss: "He ja, wenn du meinst."

Vreneli fuhr wirklich am nächsten Sonntage mit dem alten Fuchs und seinen jungen Kindern. Es war ihm wie einer Henne, wenn sie zum ersten Male ihre Brut zu feld führt, voll Stolz und Angst. Es waren aber auch drei allerliebste Kinder, mit welchen es ausfuhr. Sie hatten eine ganz absonderliche Freude, und je mehr sie sich freuten, desto wehmütiger ward Vreneli. "Ihr armen Tröpflein," musste es immer denken, "ja, freuet euch nur, es ist das erste Mal und wahrscheinlich auch das letzte, dass ihr mit einem Pferde fahren könnt; dann, ihr armen Tröpflein, könnt ihr einander selbst ziehen, wenn ihr fahren wollt." Seit seiner Hochzeit war es nie da oben gewesen, eine rechte Hausfrau kommt selten weit vom haus auf dem land, besonders wenn Gott sie alle Jahre mit einem kind segnet, in den Schaltjahren mit zweien. Da gab es wohl Vergleichungen zwischen den frühern Reisen zu Bodenbauers und der jetzigen. Es wäre zu wünschen, solche Vergleichungen würde kein Gemüt peinlicher fassen. Die erste Reise war die, auf welcher Uli Vreneli eroberte, die zweite zur Hochzeit, die dritte also die mit drei Kindern, das jüngste war daheim geblieben. Es lag in den äussern Umständen wohl eine Demütigung. Pläne, Hoffnungen sind zu wasser geworden, verhagelt, fremde Leute müssen um Geld angesprochen werden. Aber ist es wiederum doch nicht was Schönes, eine eroberte Würde darin, dass eine Frau mit solchem Vorhaben ausfahren darf, mit unbeschwertem Gewissen und in heiterm Vertrauen, die Bitte werde nicht abgeschlagen? Sackerlot, ihr Weiber im Oberland und Seeland, in Baselland und Waadtland, wie Manche unter euch darf sich zu Wagen setzen, mit keinem Vermögen als einem Häuflein Kinder zu einem alten Gläubiger fahren und ihn ersuchen, aufs neue einzustehen, und zwar nicht etwa insgeheim, dass es unser Herrgott selbst nicht einmal vernehmen soll, sondern offen vor Weib und Kindern? Ja, das ist doch etwas Grosses, darin liegt ein schönes erobertes Vermögen.

Ja, wie Manche aus aller Herren Ländern könnte mit Titeln vornen und Titeln hinten, zu Fuss, zu Wagen, zu Ross, mit oder ohne Kinder in allen fünf Weltteilen herumfahren, sie kriegte vielleicht mit Betteln einige Kreuzer zusammen, aber anvertrauen, anvertrauen auf ihr ehrlich Gesicht oder ihren ehrlichen Namen würde kein vernünftiger Christenmensch ihr drei Kreuzer! Ja, Mesdames zu Stadt und Land, so schlecht ist es mit Tausenden unter euch bestellt: nicht drei Kreuzer auf euer ehrlich Gesicht oder euern ehrlichen Namen! Das ist verdammt wenig, von wegen es sind beide darnach bestellt. Doch tröstet euch, Mesdames, es ist mit den Herren oder Männern, wie man will, noch schlechter bestellt. Wie viele und hochgestellte und hochberühmte schiessen im land herum wie eingeschlossene Fledermäuse an den Fenstern, suchen Vertrauen und finden keins; ja, nicht einen einzigen Kreuzer kriegen sie auf Gesicht oder Namen, sie mögen schiessen, surren, stürmen, so viel und so lange sie wollen. Höchstens vertraut man ihnen das Vaterland an, ein Zeichen, wie hoch man dasselbe achtet! Ja, wenn man alle die sammeln und zusammenstellen würde, Weibervolk und Männervolk, welche Geld borgen möchten und gar keines oder höchstens drei Kreuzer kriegen, man könnte mit ihnen ganz Hinterasien bevölkern und Vorderasien wenigstens halb. Nun, wenn diese Völkerwanderung mal stattfinden sollte, was für die Bequemlichkeit und Ruhe Europas nicht so unpassend wäre (man denke, wie viel Stellen ledig würden in Königstümern, in Republiken, an Höfen, in Wasch- und Ratshäusern), so kann Vreneli daheim bleiben, es bekäm Geld und notabene gern. Das gern ist noch seltener als Geld.

Des Bodenbauers Frau war aber auch eine, wie man sie nicht hinter jeder Haustüre findet. Sie dachte nicht bei sich: Gibt wohl der alte Narr der Jungen da Geld? Wohl, dem wollte ich! Sie rief ihn auch nicht beiseite und sagte ihm: "Probier und gib dieser! Machsts, beim –, ich lasse