1849_Gotthelf_150_150.txt

."

Trotz ihrer Fassung und des Bodenbauers Anerbieten erschreckte sie die Lage der Dinge doch, so arg hatten sie dieselbe nicht gedacht, so nahe den Wendepunkt nicht geglaubt. Ein oder zwei günstige Jahre noch, und sie hätten sich erholt gehabt. Uli hätte gerne die Richtigkeit von Bodenbauers Ansicht in Zweifel gezogen. Aber Vreneli sagte: Je mehr es darüber nachdenke, desto überzeugter werde es von derselben. Die Schlingel seien nicht umsonst so oft dagewesen und sicher nicht bloss wegen der Kurzweil. Die Beiden hätten was gebraucht. Bei einem einfachen Bauernwesen habe man keinen Begriff, was zwei solche Bursche in einer Wirtschaft oder im Handel durchzubringen vermöchten. Das gehe zweispännig oder vierspännig, wenn die Weiber helfen und nichts nutz seien, wie an beiden Orten der Fall sei. Uli meinte, wenn man nie viel gehabt, so könne man sich noch drein schicken, nichts mehr zu haben, und es liege die Hoffnung nahe, wieder zu gewinnen, was man verloren. Wenn aber so grosse Vermögen, mit denen man es nicht hätte machen können, dahingingen, so komme ihm das Totgrämen sehr begreiflich vor. "Da ist keine Hoffnung, wieder zu Vermögen zu kommen, und das Leben mit Nichts, wo man an so viel gewöhnt war, muss eine wahre Hölle sein. Es muss einem zumute sein, als sei man eingenäht in einen Gallensack. Die Hauptsache für uns ist nun die, dass wir mit Ehren davonkommen, wenn schon mit sonst nichts als vielleicht noch mit Schulden." Sie wollten machen, was möglich, und daneben das Beste hoffen, bis hieher hätten Gott und gute Leute sie nicht verlassen und würden es wohl auch ferner nicht. Und wenn es sein, die Prüfung bis dahin gehen sollte, dass sie in Pfändung fielen, so müssten sie sich auch darein schicken, sie hätten dabei doch den Trost, dass es weder mutwillig noch verschuldet sei, sondern hervorgebracht durch Unglück von höherer Hand, dachten sie.

Ihr Schicksal lag allerdings in der Schwebe, hing von Gottes Segen und des Bodenbauers gutem Willen hauptsächlich ab. Diesem waren sie dreihundert Taler schuldig, ihr Geld, welches sie auf Zins gehabt, war eingezogen. Dagegen hatten sie freilich eine Schrift vom Wirt von fast vierhundert Talern auf dem Papier. Aber ob sie nicht mehr wert sei als etwa österreichisches Papier oder gar nichts, das wussten sie noch nicht. Ein ganzer Zins von achtundert Talern war nächstens fällig, dazu noch der Zins für die Effekten. Nun hatten sie freilich etwas Geld vorrätig, etwas konnten sie noch machen, aber achtundert Taler sind eine Summe. Bis zur Ernte mussten sie auch leben, und ob ihnen am Zins etwas geschenkt werde, das war unter obwaltenden Umständen mehr als zweifelhaft. Freigebig war Joggeli sein Lebtag nie gewesen, dazu besass er eine zu kleinliche natur. Eine solche natur kann bei grossem Vermögen und einer guten Frau noch so quasi mit Ehren durchkommen, ohne als ein Geizhals verschrieen zu werden.

Genau genommen ist es eigentlich gar keine grosse Kunst, bei grossem Vermögen nicht schmutzig und ungerecht zu sein. Aber wenn das Vermögen geschwunden oder sonst klein ist, das Geld nirgends reicht, immer neue Forderungen kommen und dazu immer neue Verluste: da nicht zu machen, was man kann, die Schere ins Fleisch gehen zu lassen, wo man was zu scheren hat, nicht den letzten Tropfen auszupressen, wo man das Recht zum Pressen zu haben glaubt, das ist schwer. Darüber können so Viele sich nicht erheben, sondern halten sich an dem Spruche: Mache jeder, was er kann. Sie mussten dieses auch von Joggeli erwarten, der dazu alle Tage kindischer, fast ganz regiert wurde von dem Sohne, der ganz erwildet war und im land herumfuhr wie der Teufel im buch Hiob. Dazu kam noch die Abschatzung der Effekten, welche Uli zur Nutzung hatte. Beim Abtreten des Gutes mussten die wieder geschätzt werden. Den Minderwert musste er ersetzen, etwaiger Mehrwert ward ihm vergütet. Hier konnte es einige hundert Gulden auf- oder niedergehen ohne eigentliche Ungerechtigkeit, aber doch je nachdem man ihm wohl oder übel wollte. Dann kam es wie gesagt hauptsächlich darauf an, ob er die Pacht ausmachen oder früher davongestossen werde, was bei Verkauf des Gutes oder Tod des Besitzers gegen eine billige Entschädnis freilich der Fall sein konnte, und ob die Jahre gesegnet oder ungesegnet seien.

Er überzeugte sich immer mehr, dass der Bodenbauer richtig gesehen und richtig geraten hatte. So wie der Fall mit dem Tochtermann bekannt war, schneite es von allen Seiten Forderungen und Abkündigungen, wie es geht in solchen Fällen. Es hatten gar Viele Ursache zur Angst, wenn der Glunggenbauer noch mehr solche Stücklein gemacht hätte, so könnte es ihnen fehlen. Joggeli stand noch mancher Schuld als Bürge zu Gevatter und ganz besonders bei seinem Sohne. Diesem wurden nun alle Schulden, welche ablöslich waren und von den unablöslichen die ausstehenden Zinse eingefordert; das lief zu grossen Summen auf, den Forderungen konnte auf keine Weise begegnet werden. Da machte es Johannes wie Viele, er wehrte sich mit Prozessen; das ist aber akkurat, wie wenn man, um dem Fegfeuer zu entrinnen, in die Hölle springt. Er verflocht auch seinen Vater in diese Prozesse, und namentlich verführte er ihn, wegen den fünfzehntausend Talern einen Rechtshandel zu beginnen. Das war ein Geflecht von Prozessen, Forderungen aller Art, dass es einem vernünftigen Menschen die Haare zu Berge gestellt hätte.

Dies ward bekannt. Allgemein