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es zu dunkel. Der Mann war ihm überhaupt ein Rätsel, er war sehr geneigt, ihn für einen Räuberhauptmann zu halten, welche ja ebenso erscheinen und verschwinden, Gutes und Böses tun nach ihren Launen. Er wurde misstrauisch und spintisierte, was wohl hinter dem Vorschlag, beim Wildenmann einzukehren, stecken möge? Vielleicht dass dort der Wirt mit dem Unbekannten im Bunde sei und, während er Suppe esse, die Kühe aus dem Stalle stehlen lasse. Er hatte gute Lust, den Wildenmann zu lassen und direkt auf den Markt zu fahren. Die Kühe hatte er wohl gefesselt und die Stricke gut um die Hand gewickelt. Er konnte nicht klug werden aus der ganzen Sache und namentlich daraus nicht, dass er des Mannes Nachbar zehn Taler mehr abfordern solle und der Mann doch keinen Vorteil wolle, weder Schmaus noch Mittagessen. Solche Uneigennützigkeit wird sonst sehr selten gefunden in Israel. Er konnte bloss denken, der Mann hasse seinen Nach, bar und möge ihm es wohl gönnen, wenn er zehn Taler mehr zahlen müsse als ein Anderer, wenn nämlich überhaupt an der geschichte mit dem Nachbar was Wahres sei.

Der im Reden so offenherzige Uli wurde, als es zum Handeln ging, plötzlich misstrauisch, wozu die so selten vorkommende Uneigennützigkeit des Mannes nicht wenig beitrug. Es ist wirklich eigen, dass man bei gewissen Klassen von Menschen sich mit nichts mehr verdächtigt als mit Uneigennützigkeit. Wer ungestraft gemeinnützig oder uneigennützig sein will, muss wenigstens (wer es über sich bringen kann) der person oder der Gemeinde, welcher er Gutes tut, wakker den Balg streichen, sagen, ihr und keiner andern täte er das, denn sie sei eine, wie keine mehr gefunden werde zwischen Himmel und Erde. Das ist aber dann auch ein gültiger Grund, der zwischen Himmel und Erde allentalben begriffen und hie und da selbst dankbar beinahe anerkannt wird.

Die Nacht verschwand allmählich, es zeigten sich Schweinhändler, ja Menschen auf den Strassen. Da man auf Markt, wegen gespräche beginnen darf, wenn man sich schon nicht gegenseitig vorgestellt ist, so war Uli alsbald wieder in vollen Mitteilungen. Er wollte sich verblümt nach dem Wildenmann erkundigen und lief, um unverdächtig bis zu diesem zu kommen, erst das Register aller wilden Tiere durch bis zum Ochsen herab, von welchem der Sprung bis zum Wildenmann ziemlich unverdächtig konnte unternommen werden. Der Wildenmann wurde sehr gerühmt, der Wirt sei Ratsherr, hiess es. Das wolle heutzutage nicht viel sagen, meinte Uli. Nur wer nicht arbeiten möge, nicht mehr mit Ehren durchkommen könne und dem man nichts nehmen könne, wenn der Schuss hintenaus gehe, sehe auf solche Pöstlein. Es komme noch dazu, dass wenn man einem Ratsherr sage, der vermahne, weil er es für eine grobe Scheltung nehme. Potz Himmeltürk, jetzt hätte Uli, der in letzter Zeit bloss seinem haus vorgestanden war, den Geist der Zeit in den Wirtshäusern nicht eingeschlürft hatte, also auch nicht auf der Höhe der Zeit stunde, bald erfahren, was es heisst, mit unbekannten Menschen politisieren auf der Strasse. Der Schweinhändler, mit dem Uli sprach, war eben neugebackener Ratsherr, kehrte den Geisselstecken um und wollte Uli einen Begriff von neugebackener Würde beibringen. Uli dagegen war kein ABC-Kind mehr, verstund bloss noch etwas vom gegenseitigen Unterricht und versuchte nun seinerseits, dem Ratsherrn den Begriff von Freiheit im allgemeinen und den Begriff von der Redefreiheit insbesondere so recht vaterländisch einzuölen. Offenbar hatte Uli mehr Lehrtalent und grössere Eindringlichkeit im Vortrag, wahrscheinlich waren auch seine Lehrmittel bündiger und kürzer gefasst, kurz der Schweinhändler schrie: "Willst aufhören, du Vieh, weisst wen du vor dir hast? Ich bin Ratsherr." "Meinetalben Ratsherr, Schweinhändler oder Schinder" (ein solcher sitzt wirklich jetzt im Grossen Rate des Kantons Bern, männiglich zur Erbauung und zum Nachdenken), "wir sind ja alle gleich vor dem Gesetz", sagte Uli, dem das Blut heiss war und dem daher mehr einfiel, als wenn es kalt war. "Hol der Henker das Gesetz," sagte der Ratsherr, "und schweigst nicht und gehst deiner Wege, so kömmst ins Gefängnis, bis du vergessen hast, wie Sonne und Mond eine Nase haben." "Mach, was kannst," sagte Uli, "Streit hast du angefangen, und wir haben Pressfreiheit, auf der Strasse kann jeder machen, was er will. Komm verbinde mir das Maul, wenn du darfst." "Mach, was du willst, schreibe, was du willst, aber dsRede, das will ich dir, du verfluchter Aristokrat und Jesuit, zeigen, was das zu bedeuten hat", schrie der Schweinhändler. Da, von der stillschweigenden Pressfreiheit Gebrauch machend, mass ihm Uli noch einen zweieinhalb Fuss langen Artikel auf, stillschweigend, versteht sich, und trieb darauf seine Kühe zum Wildenmann, obgleich derselbe Ratsherr war.

Es war aber wirklich ein braves Haus, ein ererbtes, mit altem Schilde und alten, wohlanständigen Sitten. Es war ein bedeutender Verkehr da und ein starkes Zutrauen. Gar manchen Gurt voll Geld sah Uli dem Wirte übergeben zur Aufbewahrung. Kauften sie was, so kämen sie mit den Leuten hieher, sie wollten lieber hier bezahlen als draussen auf dem Markte, sagten die Händler. Nun begriff Uli wohl, dass er bei keinem Mitglied einer Räuberbande sei, und doch war es ihm nicht so recht behaglich hinter seinem guten Kaffee, denn es kam ihm immer wahrscheinlicher vor