Futter knapp zugemessen war, weil das zweite Gras ganz oder doch ziemlich gefehlt, so ward angemessen gefunden, den Viehstand zu beschränken, Schafe und Kühe, welche eben nicht besondere Nutzung gaben, zu veräussern. Uli tat es ungern, er hatte auserlesenes Vieh im Stalle, wusste wohl, dass zu wenig Vieh dem Hof schade und was die Leute dazu sagen würden. Indessen muss man sich eben nach der Decke strecken, und dem hof glaubte er so wohl getan zu haben, dass der jetzt um eines bösen Jahres willen ihm auch dankbar sein könne. Landmann und Land müssen gegenseitig sich aushelfen, und ist der Landmann treu, lässt das Land sich nie beschämen, lässt seinen Meister nie im Stich.
Indessen scheute Uli sich doch, trotz seines guten Rechtes, mit seiner Ware auf einen benachbarten Markt zu fahren. Er dachte, die lieben Nachbaren würden allentalben sagen: "Klemme den recht, der bedarf Geld, er muss verkaufen. Wären wir Pachterr, wir wollten dem das Verkaufen vertreiben! Wenn alles fort ist und das Geld vertan ist, dann hat dieser das Nachsehen." Auch fürchtete er das Mannli anzutreffen und übles Nachreden. Er wählte sich daher einen entfernten Markt aus, nahm zwei junge schöne Kühe, welche aber eben nicht viel Milch gaben, und fuhr mit ihnen nach eingebrochener Nacht fort. Er liess sie trappen nach Bequemlichkeit, friedlich zottelten sie ihm nach; der Mond stunde im ersten Viertel, nach Mitternacht ward es finster. So konnte er seinen Kühen alle Musse lassen und war doch am Morgen früh auf dem platz, selbst wenn er sie einige Stunden in einem wirtshaus fütterte und ruhen liess. Ganz einsam war es auf der Strasse, und mit aller Musse konnte Uli seinen Gedanken Gehör geben. Diesmal waren sie weltlich, doch ohne Bitterkeit. Er dachte über Joggeli nach und seine Stellung zu ihm. Der Mann schitterte, Sohn und Tochtermann waren häufig bei ihm, was Uli sehr verdächtig vorkam. Joggeli wollte Uli wegen Vergütung beim Hagelschaden oder Zinsnachlass kein bestimmtes Wort geben. Das werde sich schon machen, sagte er, "sieh nur gut zum Hof und lass mir ihn nicht ermagern." Ja, so von sich aus Dünger kaufen, wenn man auch Brot kaufen muss, ist für einen armen Pächter eine strenge Sache.
allmählich ging der Mond zur Neige, schien zu wachsen, ehe er versank. Er glich einem mütterlichen Auge, welches noch einmal, ehe es sich schliesst, mit besonderer Innigkeit über die Kinder strahlt, welche weinend stehen um sie her, oder einer väterlichen Seele, welche im letzten Augenblicke noch mit erhöhter Weisheit über die Kinder leuchtet. Wenn vor dem einsamen Wanderer Gestirne untergehen und verschwinden, wird er selten einer gewissen Wehmut ganz fern bleiben, es müsste denn sein Gefühl versteinert oder seine Gedanken anderswo gefangen sein. So wie beim Untergang der Sonne der Tau fällt auf die Erde, so kommt es über das Gemüt des Menschen. So wanderte Uli auch, achtete sich nicht der zunehmenden Finsternis, es war ihm, als sei er alleine auf der Welt.
Plötzlich schlug tief und wild dicht neben ihm ein Hund an. Uli erschrak, dass alle Glieder bebten, die Kühe nicht minder, sprangen auseinander. Die Bewegung reizte den Hund zu wilderem Bellen und Nachspringen. Da pfiff es grell und nah, dass Uli wieder zusammenfuhr, der Hund aber stille ward, Bellen und Springen einstellte. Uli fasste seinen Stock fester, er sah in der Dunkelheit, dass ein Fussweg in die Strasse sich münde, und auf demselben kam eine grosse Gestalt auf ihn zu. Es war Uli unheimlich, denn er wusste wohl, dass an Markttagen nachts hier und da einer auf der Lauer stehe, um einem reisenden Händler seine Geldkatze abzunehmen, und dass es wohl geschehe, dass man sich dabei vergreife und einen erschlage, der keine Geldkatze habe. Jedenfalls wären seine Kühe immerhin ein schöner Fang gewesen, wenn auch ein gefährlicher.
"Habe nicht Angst," sagte eine tiefe, harte stimme, "es tut dir niemand was. Aber was tust du auf der Strasse so spät?"
Uli gab Bericht. Der Mann gesellte sich zu ihm, ein Wort gab das andere. Es ward schon bemerkt, wie offen ein bäuerischer Wanderer sehr oft gegen den wildfremdesten Menschen auf der Strasse ist und ihm Dinge erzählt, welche er da, heim nicht vor den Mund lassen würde. Es kommt ein Bedürfnis zu reden die Leute an, dessen man daheim sie durchaus nicht für fähig gehalten hätte. So auf der Strasse lassen die reichsten biographischen Studien sich machen. So erzählte, sobald er seine Kühe wieder hinter sich hatte und die friedfertige Weise seines Begleiters sah, Uli, woher er komme, warum er verkaufen müsse und so weit zu Markte fahre, damit es nicht heisse, er pfeife auf dem letzten Löchlein. Als Uli sagte, was für Kühe er habe und wie lange sie trächtig seien usw., meinte sein Begleiter: "Du musst zwei Monate länger angeben, das merkt niemand und jagt dir manchen Taler in die tasche." Das mache er nie mehr, sagte Uli, um keinen Kreuzer wolle er mehr betrügen. "Du bist ein rarer Vogel," antwortete der Mann. "Wie kömmst du vorwärts, wenn du so ehrlich sein willst?" Nun leerte Uli sein Herz und erzählte, wie es ihm ergangen mit dem Mannli und dem Hagelwetter und wie er begriffen,