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Vater und Mutter vermeldete, erkannte ihn Uli als des Bodenbauern Kind, welches ihm aber aus den Augen gewachsen war. Der brachte einige Scheffel vom schönsten Samenkorn und anderes Gesäme. Der Vater habe gesagt, sie könnten es wohl entbehren und hier werde man es brauchen können, berichtete der Junge. Eine solche Gabe in der Not hat nicht bloss einen äussern Wert, sondern einen noch viel grösseren inneren, ist so gleichsam das Ölblatt, welches die Taube dem Noah brachte als das Zeichen, dass Gottes Zorn im Aufhören sei und seine Güte wieder hervorbreche im Grünen und Blühen der Erde. Joggeli ärgerte sich über des Bodenbauern Güte, wahrscheinlich nahm er sie als Vorwurf für sich. Er fragte den Jungen, was das Malter kosten solle? Soviel er wisse, nichts, sagte der Junge, es sei Steuer an den Hagel, wie das so der Brauch sei unter rechten Leuten von je. "Aber Junge, wenn dein Vater sein Korn so billig verkauft, was erbst du dann?" fragte Joggeli hämisch. "Gottes Segen, sagt die Mutter", antwortete der Junge. "Ja," sagte Joggeli, "aber damit hat man nicht gegessen, und nur mit dem kriegst du keine reiche Frau. Wenn mein Vater so gewirtschaftet hätte, es hätte mir angst gemacht." "Glaubs," sagte der Junge, "Ihr und der Vater werdet darnach gewesen sein, mir aber macht es nicht angst; habe noch nie gesehen, dass der Vater was Unrechtes getan, und wenn er auch alles weggibt, so ist es seine Sache und nicht meine. Und wenn ich schon nichts erbe, so hat der Vater uns so erzogen, dass wir uns was erwerben können, und nicht zu Tagdieben und um von seiner Sache zu schmarotzen und sie zu verbrauchen." Das kam Joggeli in die Nase, er kehrte sich, steckelte ins Stöcklein und machte die tür zu.

Ulis ruhigere Gemütsweise, sein milderes Wesen, welches nicht immer erhitzt war zu Feuer und Flammen im Jagen nach einem unerreichbaren Ziele, einem Wagen gleich, den man ohne Ross und ohne Schmiere dahintreibt, hatte einen wohltätigen Einfluss auf die Arbeiter und das Gesinde. Das, selbe schaffte williger, schickte sich in die Lage, und der Eine oder der Andere sagte: Es sei kurios, er habe geglaubt, erst jetzt hätten sie es recht bös, das sei aber nicht, es sei ein viel besser Dabeisein als vor Hagel und Krankheit. Der Junge wusste nicht, dass für das Dabeisein es viel mehr ankömmt auf die Stimmung im Gemüte als auf das Schmalz im Gemüse. Diese Ruhe muss sein, wenn die notwendige Besonnenheit, welche alleine den Sturm der Umstände siegreich bestehen kann, sich entwickeln soll. Napoleons grosser Heldenmut bestund bekanntlich eben in diesem besonnenen Zusammenziehen seiner Kräfte, vermittelst welchem er nirgendwo unnütze Kräfte liegen hatte, sondern alle schlagfertig unter Augen, nicht bloss um Angriffen zu begegnen, sondern am geeignetsten Punkte durch rasches Durchfahren sich Luft zu machen.

Gelehrte, Schulmeister und andere Züchtlinge der modernen Schule werden diese Vergleichung sehr ab Ort finden, denn Krieg und ein Hauswesen, Napoleon und ein Uli scheinen weit ausserhalb dem Kreise möglicher Vergleichungen. Wir bemerken einfach, dass nicht bloss jeder Christ ein Kriegsmann sein soll, sondern dass jeder Hausvater einer sein muss, er mag wollen oder nicht, dass die Welt ringsum auf ihn schaut Tag für Tag und dass er gegen diese Welt, bestehend aus Umständen und Persönlichkeiten, stehen muss, wenn er nicht zu Boden getreten sein will, dass er ihr abstreiten muss, was er sein nennen will. Die erlaubten Streitweisen, das wahre Kriegsrecht findet sich in Gottes Gebot und nicht in ochsenhaften Gelüsten. Wahre Grundsäue müssen aber wahr sein, im Kleinen und Grossen sich bewähren. Daher meinen wir, Napoleons Kriegsgrundsätze, mit welchen er die halbe Welt bezwang, dann der halben Welt standhielt, bis die Übermacht ihn ohnmächtig machte, seien von jedem Hausvater zu brauchen, der eine Ziege und drei Hühner hat. Es liegt eine so wunderbare Einfachheit darin, dass sicher so mancher Holzhacker wunderbare Triumphe über die Welt feiern würde, wenn er sich die Mühe nehmen täte, dieselben sich zu eigen zu machen. Dass aber menschliche Berechnung und die kaltblütigste Besonnenheit ihre Schranken haben und dass nicht ein Mensch es ist, sondern ein ganz Anderer, der sagt: Bis hieher und nicht weiter, das hat niemand wiederum besser erfahren als eben der Napoleon. Die Anwendung aller in ihm liegenden Kräfte und die Bestimmung der Richtung dieser Anwendung liegen am Menschen, den Ausgang aber bestimmt Gott.

Das sind grosse Worte für kleine Dinge, aber die kleinsten Dinge sind für den, welcher nicht grössere erlebt, gross genug, um mit den grössten Worten sie auszudrücken, und die Zahl derer, welche nur sogenannte kleine Dinge erleben, ist unendlich grösser als die Zahl der Herkulesse, Alexander und Napoleon. Daher wird dem Volksschriftsteller, welcher nicht für grosse Helden, nicht einmal für eidgenössische schreibt, erlaubt sein, das sogenannte Kleine, aber den Weisen das Wichtigste, auch mit den gewichtigsten Worten darzustellen, welche ihm zu Gebote stehen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Uli erlebt ein Abenteuer

Uli zählte seine Kühe, mass sein Heu und musterte seine Pferde, übersah sein Stroh und was sonst in Speicher und Keller, Gänterli und Kammern war, hielt Kriegsrat mit Vreneli und entwarf mit ihm Operationspläne. Da der Wirt nie Geld hatte, sein Papier einzulösen, die Düngungsmittel fehlten, das