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Christus angenommen haben. Es zieht sie zu den Brüdern, sie sehnen sich, das Pfand zu erhalten und das Bewusstsein zu stärken, dass sie aufgenommen seien, Christus angehören und vom Vater zu seinen Kindern gezählt werden. Es strömt eine eigene Wonne durch die Berechtigten, wenn sie weilen dürfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfänder, und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht, welches man ererbt hat, nichts abträgt, man jedoch nicht erlöschen lassen darf. Davon hat natürlich keinen Begriff, wer den christlichen Zug nicht in sich trägt, nicht geistigen Hunger und Durst hat, sondern bloss fleischliche Triebe und moderne Richtung nach Kneipen, Kaffeehäusern, Spektakeln von allen Sorten, kurz nach etwas Diesseitigem. Solcher Richtungen und Triebe schämt man sich begreiflich nicht, sondern trägt sie offen zur Schau mit grossem Gepränge, rühmt sich ihrer mit mächtigem Behagen, betrachtet sie gleichsam als ein Siegel, dass man an der Spitze der Menschheit marschiere munter nach dem Gipfel der Kultur, der freilich einstweilen noch verhüllt im Nebel liegt. Gepränge treiben mit dem zug nach oben, mit seiner Freude an der Gemeinschaft kann der Christ nicht, sonst hat er weder den Zug noch kennt er die Gemeinschaft, doch schämen wird er sich der, selben nicht, sonst kennt er sie ebenso wenig. Er wird den Hohn der Kinder der Welt nicht scheuen, der Kinder der Welt, welche in ihrem kurzen Sinne keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einer veralteten Mode und der Erlösung durch Christum.

Schüchtern tritt man in unbekannte Kreise oder in solche, denen man fremd geworden, und eine gewisse Scheu ist immer zu überwinden, ehe man über ihre Schwelle tritt, und eine Weile gehts, bis das Bewusstsein, dass man hierher gehöre, das Gefühl des Fremdseins überwunden hat. Nun hatte Ulis Entfremdung nicht so lange gedauert, um recht Wurzel zu fassen, sie glich mehr einem Wirbel, in welchem er eine Weile halb bewusstlos herumgetrieben worden, einem Windspiel, einer Wasserhose, welche ihn ergriffen, durch die Luft geführt, ihn wieder hingestellt, dass ihm alle Gebeine knackten, er nicht wusste, wo er war, dass er sich erst langsam zurechtfinden, mühsam seine alte Heimat wieder suchen musste. Uli hatte das Glück, welches nicht jedem wird, die brücke ins alte Heimatland in der Nähe zu haben; es war Vreneli. Ulis Abwenden und Weggerissenwerden hatte bei der eingerissenen Lauheit und Gleichgültigkeit wahrscheinlich niemand bemerkt ausser eben Vreneli; hatte er nun mit diesem sich verständigt, hatten sie sich gemütlich wiedergefunden, so achtete sich wahrscheinlich niemand seiner, und wer sein Wiedererscheinen bemerkte, fand es sicher sehr natürlich, dass nach so schwerer Krankheit er im haus Gottes und an des Herrn Tisch erschien, wie ja auch der Kindbetterinnen erster Ausgang ins Haus des Herrn ist und die nächsten Anverwandten, welche einen Geliebten zu grab getragen, es nicht versäumen, am nächsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen.

In der Mitte des Herbstmonats war es, als Uli mit Vreneli zur Kirche ging. Es war ein feuchter Nebelmorgen, nicht zehn Schritte weit sah man. Kahl wie mitten im Winter waren die armen, zerschlagenen Bäume. Emd lag gemäht in den Matten und harrte traurig der Sonne, um sich trocknen zu lassen. Hier und da, wo man das spärlich gewachsene Gras des Mähens nicht würdig fand, hörte man das Läuten der weidenden Kühe. "Wie doch die Zeit vergeht und was sie alles bringt und nimmt, in wenig Jahren wird es ganz anders um uns und immer nicht so, als wir es uns gedacht", sagte Uli. "Wie lange ist es wohl, dass ich das erstemal hier zur Kirche ging? Es war im Winter und mächtig kalt, es ist mir, als ob es erst gestern gewesen, und doch wird es schon neun Jahre sein oder mehr. Damals dachte ich nicht daran, dass ich jetzt noch da sein werde, damals wiesen mich die Leute auf, dass ich fast noch selben Tages fortgelaufen wäre. Jetzt bin ich noch hier, ein verhagelter Pächter, damals ein munterer Knecht, den es dünkte, die halbe Welt sei sein, jetzt ein geschwächter Mann, der nicht weiss, wo er übers Jahr ist und ob Frau und Kinder zu essen haben oder nicht." "Bist reuig, dass es so gegangen, dass du nicht am selben Tage fortgelaufen bist?" fragte Vreneli mit weicher stimme. "Nein, wahrhaftig nein," sagte Uli, "dann hätte ich ja dich nicht und die Kinder nicht, und was will ich mehr auf der Welt! Nein, ich danke Gott aufrichtig, dass er mich so geführt hat und nicht anders. Wenn man alles, was einem begegnet, zu Nutzen anwendet, so soll man nicht reuig werden, und wenn man hineinkömmt, dass das Unglück über den Kopf hinausgeht, so ist das wohl grosse Pein, aber es setzt sich auch wieder, und wenn man endlich es überstanden hat, so ist man froh dar, über und mochte gar nicht, dass es nicht begegnet wäre. Es freut mich nichts mehr, denn es ist mir ein Zeichen, dass die Zucht Gottes bei mir wohl angeschlagen hat, als dass ich so zufrieden bin mit meinem Lebenslauf und Gott aufrichtig danken kann. Ich weiss zwar nicht, wie es gehen wird. Macht Joggeli das Wüsteste, so kündigt er uns, aber wenn wir einander verstehen und helfen, so schadet alles nichts