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hätte euch gegeneinander aufgehetzt." "Joggeli ist misstrauisch, er hat schon Kummer, er müsse an mir verlieren. Wenn ich ihm zeigen könnte, dass ich noch einzuziehen hätte, so liess er mich desto ruhiger," sagte Uli. "Weisst was," sagte der Wirt, "komm ins Stübli, wir wollen sehen, wieviel ich dir schuldig bin; dann mache ich es dir aufs Papier, auf Stempelpapier, eine rechte Obligation, mein Seel, und verzinsbar zu vier Prozent, oder wenn du fünfe willst, so sage es. Die kannst du ihm zeigen, sie ist so gut als bar Geld, und sobald mir Geld eingeht und du es begehrst, so löse ich sie ein und gebe dir Geld." Wenn es nicht anders sein könne, sagte Uli, so lasse er es sich gefallen, Geld wäre ihm freilich lieber gewesen.

Ihr Rechnung hatte nicht viel Stössiges, und wo was sich zeigte, gab alsbald der Wirt nach. "Du wirst recht haben," sagte er, "nimm es nicht für ungut, aber wenn man in einem so grossen Wesen ist, wie ich bin, und so viel im Kopf haben sollte, dass es mir manchmal ist, als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei darin herum, so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben. Nimm es nicht übel, dass ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam, aber es hiess, du kämest nicht davon. Das hat mich zu sehr gedauert, als dass ich hätte kommen können, ich hätte deiner Frau nur angst gemacht. Es weiss kein Mensch, wie ich so ein lindes Herz habe, ich muss mich manchmal deretwegen schämen und darf es nicht zeigen, es kommt gar zu lächerlich heraus für so einen grossen Mann, wenn er plären muss wie ein Kind."

Uli musste dann noch mit ihm zu Abend essen, eine Flasche vom Besten trinken, kurz der Wirt war die Liebe und Güte selbst. Die Wirtin brachte noch was in einem Papier, ein alt Stück Kuchen; das sei für den Gevattersmann, sagte sie, dass Uli ganz glücklich und Rühmens voll nach haus kam. Es seien doch nicht alle Menschen gleich, sagte er, und wenn man von Einem Unrecht leide, so müsse man sich hüten, auch Andern Böses zuzutrauen, man könnte sich sonst leicht versündigen. "Ich will dem Wirt nichts Böses nach, reden," sagte Vreneli, "aber urteile auch du nicht zu schnell, sondern warte, bis du das Geld hast. Hast du dann einmal dies, dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben, ich verspreche es dir." Es ist immer das Gleiche, dachte Uli bei sich selbst; hasst es jemanden, so hasst es ihn, und wen es liebt, den liebt es, und dann ist es fertig. Indessen versprach er, sein Urteil nicht abzuschliessen und einstweilen vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hüten.

Dass Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte, freute Vreneli sehr, doch eins freute ihn es noch mehr: Ulis Gedanken hatten wieder eine höhere Richtung genommen, verarbeiteten nicht mehr bloss in ewigem und doch mühseligem Kreislauf das Einmaleins, sondern betrachteten Gottes Worte und Wege, forschten nach seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun. Er sprach gerne mit Vreneli über höhere Dinge und erzählte gerne göttliche Fügungen, welche die, die ihn lieben, zur Seligkeit führen, und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu machen. Er fühlte einen unbestimmten Drang, ein Ungenügen, und dieses verschwand, wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an göttliches Schaffen dachte, die Wunder der Welt betrachtete. Es war dies der geistliche Hunger und Durst, welche begehren nach den Worten, welche aus des Herrn mund gehen, welche kennen die Speise des Erlösers, das Vollbringen von des Vaters Willen. Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht, ohne welchen niemand zum Vater kommt; das wunderbare, unerklärliche Verlangen ward in ihm stark und mächtig, welches Christus mit den Worten ausdrückte: "Mich verlanget, das Passahmahl mit euch zu essen." Es verlangte ihn nach dem Pfande, dass er einer sei, der wohl in der Irre gewesen, aber wieder gefunden worden und über den nun Freude im Himmel sei, nach dem Bewusstsein, zu denen zu gehören, welche lebendige Glieder sind am leib, dessen Haupt Christus ist.

In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens, des Einsseins mit Andern, man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb. Derselbe kommt in hunderterlei Gestalten zum Vorschein. Wie oft ist es einem Menschen, wenn er doch nur da oder dort eingeladen, in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen würde, es ist der höchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens. Ist er aufgenommen, ist er mitten unter ihnen, sitzt er am ersehnten Tische, dann fühlt er sich unendlich gehoben; er steht an einem Ziele, er ist glücklich, hoffnungsvoll, er gehört einem Kreise an, der ihm Halt im Leben gibt, eine Stellung verschafft. Ähnlich hat es das Kind mit dem Triebe, in die Kreise der Erwachsenen aufgenommen zu werden, und einmal aufgenommen, wird es nicht fehlen, wenn der Kreis sich sammelt, die Stunde mag es nicht erwarten, lange vor der Zeit steht es draussen und klopfet an. Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der Gemeinschaft ergreifet die, welche