1849_Gotthelf_150_133.txt

Vreneli fürchtete Ärger und Zorn für Uli, und ob jetzt eine Woche früher oder später, darauf kam es in Beziehung auf das Geld nicht viel an, wohl aber in Beziehung auf Ulis Gesundheit. Endlich sagte Uli: "Ich merke wohl, warum du mir das Rechnen mit den Beiden verhalten willst, aber sei ohne sorge, ich kann es geduldig nehmen, wie es kommt. Sieh, ich habe da auch was verdient, ich sehe es je länger je besser ein. Wären sie die Freunde, wie sie sich immer gestellt, sie wären wohl schon gekommen und hätten ihre hülfe angeboten. Warum stellte ich meinen Glauben auf sie und bildete mir ein, wie wunder gut sie es mit mir meinten? Merke wohl, woher es kommt, und damit soll mich niemand mehr fangen, wie man mit Speck die Mäuse fängt. Es tat mir einerseits wohl, Freunde zu haben, Männer, von denen ich meinte, sie bedeuteten was und meinten es gut. Solche Freunde sind was, nicht nur wegen der hülfe, sondern es tut einem wohl im Herzen, wenn man denken kann: es mag dir gehen, wie es will, so hast du Freunde, und rechte Männer. Ich muss es bekennen, an diesem Gedanken habe ich grosse Freude gehabt und oft gedacht: nicht jeder hat Freunde, so wie nicht bei jedem Menschen die Hunde bleiben. Aber wahr ist es, ich lebte noch wöhler an ihren Worten; sie rühmten mir alles und lobten mich immer, da war nichts als Uli hinten und Uli vornen. Wenn man nichts gewesen, tut es einem so wohl, wenn man auf einmal so viel sein soll; man weiss manchmal nicht, geht man auf dem Kopf oder auf den Füssen, man kommt ordentlich in einen Schwindel, wo man sich dreimal grösser sieht, als man ist, und in süsse Träume, wo man meint, man sei wirklich im Schlaraffenland und die gebratenen Würste hingen bereits zunächst dem Maule. Jetzt, aus diesem Traume Gottlob erwacht, schäme ich mich, kann nicht begreifen, wie ich das nicht merkte, dass dieses eben die Speckbrocken waren, mit welchen man die Mäuse fängt, dass ich mich so ganz blindlings fangen liess. Aber es dünkte mich, sie täten den Nagel auf den Kopf treffen, und weil ich ihnen dieses glaubte, glaubte ich ihnen alles andere, hielt sie für die glaubwürdigsten Männer auf der Welt. Ungefähr so wird es der Eva im Paradiese mit dem Teufel ergangen sein. Ward sie gestraft, werde ich billigerweise es auch. Wie ich merke, wird es vielen Menschen schon so gegangen sein. Ich sehe erst jetzt, wie gefährlich es ist mit dem Glauben, wie leicht man ihn am unrechten Orte anwendet. Habe daher nicht Kummer, ich muss es nehmen, wie es ist; mich dauert nur, dass auch du damit leiden musst."

An einem schönen Abend machte Uli sich endlich auf zu dem Müller; weit war es nicht, aber müde ward er doch. Als er zur Mühle kam, wollte ihn lange niemand sehen, dann lange niemand wissen, wo der Müller sei, dann niemand Zeit haben, ihn aufzusuchen, und als endlich jemand sich dazu herabliess, verging eine mörderliche Zeit, bis der Müller sich zeigte. Das sind immer schlimme Zeichen und lassen eben auf den zärtlichsten Empfang nicht schliessen.

Endlich erschien der Müller. "Lebst auch noch?" sagte er. "Es hielt dich hart, wollte kommen und sehen, wie es dir gehe, es wollte sich aber nie schikken, daneben hätte ich doch nichts helfen können." "Du hast recht," sagte Uli, "da musste ein Anderer herbei; aber was ich sagen wollte, schickt es sich dir etwa, mit mir zu rechnen? Es wäre mir sehr angenehm. Es plagte mich die Zeit über oft, dass ich meine Sache nicht im Reinen hatte; wenn ich hätte sterben sollen, wer hätte die Sache auseinandermachen sollen, an das sollte man immer denken." "Du hast recht," sagte der Müller, "es ist auch gut für die Überlebenden. Wie aufrichtig man ist, so sollte man am Ende doch betrogen haben; besonders ist immer alles auf den Müllern, wenn die einmal was eingeben, so soll es falsch und erlogen sein. Es ist akkurat, als ob alle Leute die Wahrheit redeten und nur sie lügen könnten."

So begehrte der Müller in einem fort auf, und Uli musste denken: "Hat der etwa schon auf meinen Tod hin eine Eingabe gemacht gehabt in mein Beneficium Inventarii oder Vermögensliquidation, und erscheine ich ihm jetzt so gleichsam als ein Gespenst oder wie ein alter Papa aus dem grab erblustigen Söhnen," "Hast das Hausbuch bei dir?" fragte der Müller. "Den Kalender habe ich," sagte Uli. "Hast denn kein Hausbuch?" fragte der Müller. "Ich denke," sagte Uli, "der Kalender werde einstweilen wohl genug sein." Er hatte eine ganz andere Antwort auf der Zunge, allein während seinem Prozessieren hatte er doch was gelernt, das teure Lehrgeld war nicht umsonst ausgegeben, wie es übrigens oft genug der Fall ist; er hatte uneinlässlich antworten lernen, dies ist keine unbequeme Redeweise. "So gib an, was sollte ich dir schuldig sein?" sagte der Müller. "Wenn du dann fertig bist, so will auch ich dir