1849_Gotthelf_150_132.txt

nicht einmal verstund, heraus war, erschrak er sehr, steckelte, so streng er es vermochte, seinem Stöcklein zu und schloss sorgfältig hinter sich die tür.

Indessen ging es bei Uli rascher als bei einem kind, jeder Tag brachte seinen Fortschritt, derselbe ward immer entschiedener, und zwar hier auf erfreuliche Weise. Er konnte alle Tage besser gehen, das Gedächtnis stellte sich allmählich wieder ein, aber dazu auch ein Hunger, welcher Vreneli manchmal den Angstschweiss auf die Stirne trieb. Wenn ein Mann um Essen bittet, noch um ein Stücklein, um ein ganz kleines, ganz wie Kinder es tun, und die Frau sagen muss, ganz wie einem kind: "Ich darf weiss Gott nicht, warte nur eine Stunde, dann gebe ich dir wieder," und der Mann die Minuten zählt, so ist es allerdings ein schwer Ding für eine Frau, fest zu bleiben und nicht an das Sprüchwort sich zu halten: Wenig schadet wenig, nicht zu denken, dass aus vielem Wenigen viel wird und endlich um eines einzigen Tropfens willen ein Glas überfliesst. Was Vreneli ganz besonders freute, war eine Weichheit des Gemütes, eine Ergebung in seine Lage, von der Uli in letzter Zeit so himmelweit entfernt schien. Anfangs erschrak es darob, hielt sie für kindische Teilnahmlosigkeit, für Mangel an Begreifen, in welcher Lage sie seien, aber es stellte sich alle Tage deutlicher heraus, dass es was anderes war.

Vor seiner Krankheit waren alle seine Kräfte überspannt, seine Stimmung unnatürlich gereizt; er glich einem Schwimmer, welcher alle seine Kräfte zusammennimmt, die Strömung zu durchschneiden, das Ufer zu gewinnen. Je schwerer es ihm wird, desto grosser werden seine Anstrengungen, alles bietet er auf, das Letzte setzt er daran, bis plötzlich die Kräfte brechen, einem zu stark gespannten Bogen gleich, und der Strom ihn verschlingt. So war auch Uli zusammengebrochen im Kampf mit seinem Geschick, ein Krankheitsstrom war ihm über Seele und Körper gegangen. Als er wieder auf, tauchte aus demselben, aus langer Ohnmacht zu neuem Leben erwachte, war die Spannung vorüber, die Stimmung eine ergebene, dankbare; es stellte sich das Vertrauen ein, die Züchtigung sei vorüber, der Herr, der in die Hölle führt und wieder heraus, der bis hierher geholfen, werde auch ferner helfen. Uli konnte sagen: "In Gottes Namen, komme was da wolle, wir wollen es annehmen, wir wollen das Mögliche machen, dass niemand an uns verliert, auch haben wir ja gute Leute, welche Geduld haben werden. Wir sind jung, und wenn uns Gott gesund lässt, so ist nichts verloren und es macht mir keinen Kummer, uns mit Ehren durchzubringen, was will man mehr? Das Reichwerden wollen wir aufgeben, was hat man davon als Angst und Not und Zorn und Streit?"

Diesem pflichtete Vreneli vollkommen bei. Wenn sie nicht zappelten und hasteten, nicht allzu nötlich täten und Gott ihnen ein oder zwei bessere Jahre sende, so werde es so schlimm nicht gehen; wenn man einander treulich helfe, sei viel zu machen und alles zu ertragen, es danke dem lieben Gott, dass es so gekommen. Uli war auch dieser Meinung. Wohl kam ihm zuweilen eine Hast an, dass er aufsprang, meinte, er müsse dran hin, müsse alle seine Kräfte anspannen, um den steckengebliebenen Wagen zu heben und zu stossen, aber Vreneli konnte ihm durch ein freundlich Wort die ihm noch so nötige Ruhe geben, dass er wieder nachliess und sagte: "Du hast recht!"

Einundzwanzigstes Kapitel

Wie Uli mit Menschen rechnet und Gott sucht

Ihre Lage war allerdings trüb und bedenklich. Wenn Uli seine frühern Ersparnisse einzog, so konnte er den Bodenbauer bezahlen und was er sonst noch schuldig war. Sein so sauer Erworbenes war also zugesetzt; vor ihm war ein Jahr ohne Ernte, wo er genötigt war, einen teil des Brotes zu kaufen. Sein Freund, der Müller, hatte ihm so viel Korn abgeschwatzt, dass sein Speicher fast leer war. Woher das Saatkorn nehmen? Brot kaufen müssen bei einem Haufen Gesinde, ist übel. Er hatte nichts als Heu und Kartoffeln, beides reichlich und gut. Mit Milch und Butter konnte er etwas Weniges machen, aber es gab kaum die Hauskosten, noch viel weniger die Dienstenlöhne; wenn man Brot sparen muss, muss man mit etwas anderm nachhelfen.

Aus dem Stalle konnte er etwas ziehen. Jetzt sah er ein, wie gut es gewesen, dass Vreneli für Vorräte gesorgt, welche grösser waren, als er glaubte. Hanf und Flachs hatte man reichlich zum Spinnen, und vielleicht war vom erhaltenen Garn etwas zu erübrigen zum Verkauf. Dazu endlich hatte er noch die Rechnungen mit Müller und Wirt, welche nicht erledigt waren, von denen Uli Bedeutendes erwartete. Wie Vreneli manchmal gesagt hatte: "Mach doch die Sache fertig, ich liesse mich nicht immer so abspeisen, du bist viel zu gut und wirst sehen, wie es dir geht," wehrte es jetzt vom Rechnen ab und sagte: "Wart, das pressiert doch nicht so." Die beiden Busenfreunde hatten in Ulis ganzer Krankheit nichts von sich hören lassen, und während seiner Genesung liessen sie sich nicht sehen. Sie machten vielleicht das Wort Nervenfieber fürchten, jedenfalls aber fühlt ein Schuldner, welcher nicht gerne zahlt, kein entschiedenes Bedürfnis, sich einem Gläubiger unter Augen zu stellen, von dem er voraussetzen muss, er sei Geldes bedürftig.