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ich gut dafür. In zwei Tagen komme ich wieder, macht dass es dann aussieht wie es sich gehört, sonst muss mein Seel die Frau alle ausjagen, ich will es verantworten. Ich komme alle Tage in zwanzig Dörfern herum, weiss Knechte für sieben solche Höfe, will dann aber auch allentalben sagen, was ihr für Bursche seid."

Unter der bekannten Ecke seines Stöckleins (so gleichsam sein Wartturm oder seine Sternwarte, wenn er ausgucken wollte, was im haus vorging) stunde Joggeli. Die laute stimme des Arztes, dem er sonst aus dem Wege ging, hatte seine Neugierde gereizt. Als der Arzt ihn dort sah, marschierte er in langen Schritten auf ihn zu und sagte: "Früh, Papa, früh; so alte mann sollten im Bette bleiben bis bald um Mittag. Sie sind den Leuten sonst nur zur Plage mit ihrer Wunderlichkeit, besonders wenn sie nichts tun. Ihr hättet aber jetzt etwas machen können, und es wäre Euch wohl angestanden, Ihr hättet es gemacht. Ja ja, Papa, seht mich nur so sauer an, ich sage meine Sache gerade heraus und fürchte mich nicht vor einem Paar sauren Augen, die haben noch niemand erstochen. Ihr hättet dem Fraueli an die Seite stehen sollen und die Lumpenbuben da in Ordnung halten, die Frau konnte nicht an allen Orten sein; Ihr hättet wohl Zeit gehabt, es wäre aufs Gleiche herausgekommen, ob Ihr hier ums Häuschen herumsteckelt oder dort bis zur Scheune hinunter. Aber so habt ihrs, ihr Hagels Bauern, wenn ihr nur Geld habt, so fragt ihr keinem Menschen was nach, dem eigenen Bruder nicht. Ja, ihr seid ein Volk, ihr, hab es erfahren! Rette ich Hunderten das Leben und bringe sie davon, so denkt mir kaum einer daran. Tut ihm der Bauch wieder weh, läuft er zu einem andern Arzt oder gar so zu einem verfluchten Wasserschmöcker."

"Ja, ja," sagte Joggeli, "zuweilen kommt einer davon, und oft gehts dem Kirchhof zu, ihr tapfern Lieferanten, was ihr seid! Meine Frau selig, die brachtet Ihr nicht davon, und der drüben wird ihr wohl nach müssen, apartig glücklich seid Ihr hier nicht." "Um Euere Frau ist es schade; wenn sie nicht einen so wunderlichen Mann gehabt hätte, sie lebte vielleicht noch, aber um sie davonzubringen, hätte man Euch doktern sollen," entgegnete der Arzt; "der drüben kommt davon, ja freilich, wenn Ihr mir ihn nicht hintendrein tötet mit Plagen, Quälen, Kummern wegen dem Zins. Aber eben, das will ich Euch sagen, nehmt Euch in acht damit; so gewiss Ihr das tut, will ich Euere Zunge spannen, dass Ihr sieben Wochen das Reden lasset. Das wasser gschauen tue ich nicht, aber vom Hexenwerk verstehe ich vielleicht mehr als ein Anderer, und wenn es nötig ist, mache ich, was ich kann. Jetzt wisst Ihr, woran Ihr seid, und behüt Euch Gott und lebet wohl." Joggeli sah ihm mit offenem Maule nach. "Er wärs imstand, der Hagels Ketzer," sagte er, steckelte in sein Stöcklein zurück und machte sorgsam die tür zu.

Uli war erwacht, aber unendlich matt, es war ihm wie einem, der aus dem grab kommt. Er schloss bald wieder die Augen. "Komm," sagte der Arzt, "lass ihn machen, schlafen, so viel er will, rede nicht zu viel, freue dich nicht zu sichtlich, frage ihn um nichts, und was du ihm zu essen geben sollst und wieviel, will ich dir draussen sagen. Halte dich tapfer mit den Portionen; du wirst deine liebe Not haben mit dem Hunger, wenn der einmal erwacht, oft hören müssen, du gönnest ihm das Essen nicht. Aber dessen musst du dich nicht achten. Sag nur, ich habs befohlen."

Vreneli hatte das Herz voll von Dank und Freude, die Augen voll Tränen, aber reden konnte es nicht, es konnte dem Arzt bloss die Hand geben, als sie draussen waren. Der verstund das aber wohl, drehte sich um, stunde ans Fenster, tat, als nehme er eine Prise und wische den überflüssigen Schnupf ab. Der Arzt war sehr rauh, aber nur auswendig; es gibt andere, welche es umgekehrt haben.

Uli war zum Kind geworden, musste in jeglicher Beziehung ein neues Leben anfangen, so dass er es anfangs kaum merkte. nachher beelendete es ihn, dass er darüber weinte, Vreneli auch, und den Arzt beschied. Der tröstete, schärfte aber aufs neue die grösste Vorsicht ein, leibliche und geistige. Es fehlten Uli die Kräfte, er konnte nicht gehen, nicht einmal den Löffel zum mund führen vor Zittern. Er hatte das Gedächtnis mehr oder weniger verloren, musste seine Erinnerungen mühsam zusammenlesen wie ein Kind Glasperlen, welche es im hohen Grase verschüttet oder zwischen losen Steinen. Es war zum Weinen, wie das kleine Vreneli des Vaters wartete, ihn führte und half, fast als wäre er eine grosse Puppe. Joggeli hielt sich aus Respekt vor des Arztes Worten ferne, doch konnte er sich einmal nicht entalten, Uli, der in der Sonne sass, näher zu treten und ihm etwas zu sagen. Die Antwort fiel etwas linkisch aus, dass Joggeli sagte: "Dir wärs besser, du lägest im Kirchhof." Aber wie das Wort, welches Uli