1849_Gotthelf_150_122.txt

Himmel, drei, vier grosse Wetter standen am Horizonte, eines drohender als das andere. Feurig war ihr Schoss, schwarz und weiss gestreift ihr Angesicht, als ob mit der Nacht der Tod sich gatte, dumpf toste es. "Dort geht es bös, dort hagelts," sagte Uli halblaut für sich, "wie angenagelt steht das Wetter; dort hagelt es fast alle Jahre, da möchte ich nicht wohnen, hier durch kommen solche Wetter nicht, der Wirt hat recht. Joggeli hat gesagt, als er die ersten Hosen getragen, da habe es einmal gehagelt, er möge sich noch gar wohl daran erinnern, seiter nie mehr, dass es der Rede wert." Indessen schneller wurden ihm unwillkürlich seine Schritte, langsam rückten auch die Wetter herauf am Horizonte, zogen sich rechts, zogen sich links, feindlichen Armeen gleich, die sich bald in der Fronte, bald in den Flanken bedrohen, es ungewiss lassen, ob und wo sie zusammenstossen. Das gefährlichste der Wetter zog seinen gewohnten Weg, obenein, da kam von dorter ein ander Gewitter rasch ihm entgegen, stellte seinen Lauf, drängte es ab von seiner Bahn. Gewaltig war der Streit, schaurig wirbelten die Wolken, zornig schleuderten sie einander ihre Blitze zu. Wie zwei Ringer einander drängen auf dem Ringplatze ringsum, bald hierhin, bald dortin, rangen die Gewitter am Himmel, rangen höher und höher am Horizonte sich herauf, und je wilder es am Himmel war, desto lautloser war es über der Erde. Kein Vogel strich mehr durch die Luft, bloss ein Lämmlein schrie in der Ferne. Uli ward es bang. "Das kommt bös," sagte er. "Ich habe es noch nie so gesehen. Da ist ein grosser Zorn am Himmel, wenn ich nur daheim wäre. Hageln wird es, so Gott will, nicht; es ist mir wegen Einschlagen, es liesse mir niemand das Vieh heraus. In einer guten Viertelstunde zwinge ichs." Wie er das für sich selbsten sagte, ward er scharf auf eine Hand getroffen. Er zuckte zusammen, sah um sich, sah einzelne Hagelsteine aufschlagen auf der Strasse, durch die Bäume zwicken, nur hier und da einer, ganz trocken, ohne Regen, aber wie grosse Haselnüsse waren die Steine. Es wird doch nicht sein sollen, dachte Uli, und sein Herz zog sich zusammen, dass das Blut nicht Platz hatte in demselben, dessen Wände zu zersprengen drohte. Es hörte wieder auf. Uli dachte: "Gottlob, es wird nicht sein sollen, böser hätte es nie gehen können als gerade jetzt, so kurz vor der Ernte, und jetzt bin ich daheim oder so viel als." Uli stunde auf einem kleinen Vorsprunge, wo der Weg nach der Glungge abging und das ganze Gut sichtbar vor ihm lag, da zwickte ihn wieder was und zwar mitten ins Gesicht, dass er hoch auffuhr, ein grosser Hagelstein lag zu seinen Füssen. Und plötzlich brach der schwarze Wolkenschoss, vom Himmel prasselten die Hagelmassen zur Erde. Schwarz war die Luft, betäubend, sinneverwirrend das Getöse, welches den Donner verschlang. Uli barg sich mühsam hinter einen Kirschbaum, welcher ihm den rücken schirmte, verstiess die hände in die Kleider, senkte den Kopf bestmöglich auf die Brust, musste so stehen bleiben, froh noch sein, dass er einen Baum zur Stütze hatte, weiterzugehen war eine Unmöglichkeit.

Da stunde er nun gebeugt am Baume in den sausenden Hagelmassen, seines Lebens kaum sicher, fast wie an den Pranger gebunden, vor seinen vor kurzem so schön prangenden Feldern, welche jetzt durch die alles vernichtenden Hagelwolken verborgen waren. Uli war betäubt, keines klaren Gedankens fähig, er stunde da wie ein Lamm an der Schlachtbank; er hatte nichts als ein unaussprechlich Gefühl seines Nichts, ein Zagen und Beben an Leib und Seele, das oft einer Ohnmacht nahekam, dann in ein halb bewusstlos Beten überging. Das Zagen und Beben entstund eben aus dem dunkeln Gefühl, dass die Hand des Allmächtigen auf ihm liege.

So stunde er eine Ewigkeit, wie es ihm vorkam, in Fetzen schien Gott die Erde zerschlagen zu wollen. Da nahm das schreckliche Brausen ab; wie eine milde, liebliche stimme von oben hörte man das Rollen des Donners wieder, sah die Blitze wieder zucken, der Gesichtskreis dehnte sich aus, die Schlacht tobte weiter, die Wolkenmassen stürmten über neue Felder, rasch hörte der Hagel auf, freiern Atem schöpfte wieder der bis zum tod geängstigte Mensch.

Auch Uli hob sich auf, zerschlagen und durchnässt bis auf die Haut, aber das fühlte er nicht. Vor ihm lag sein zerschlagener Hof, anzusehen wie ein Leichnam, gehüllt in sein weisses Leichentuch; von den Bäumen hing in Fetzen die Rinde, und verderblich rollten die Bäche durch die Wiesen. Aber Uli überschlug den Schaden nicht, schlug die hände nicht über dem kopf zusammen, fluchte nicht, verzweifelte nicht. Uli war zerknirscht, war kraftlos an Leib und Seele, fühlte sich vernichtet, von Gottes Hand niedergeschlagen. Ob er was dachte oder nicht, wusste er nie zu sagen. Er wankte heim, merkte Vreneli nicht, welches weit vom haus die Knechte regierte, dass sie Einhalt täten den stürmenden Wassern, bis es ihm um den Hals fiel mit lautem jubel und sprach: "Gottlob bist da! Nun, wenn du da bist, ist alles wieder gut und gut zu machen. Aber was ich für einen Kummer