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um dieses köstliche Labsal betrügen kann, der geht mit den erhabensten Gefühlen, mit dem gehobensten Selbstbewusstsein heim. Das hat wohl auch zu der Sage Anlass gegeben, dass wer ein Fronfastenkind sei, vor dem Ausbruch der heftigsten Gewitter alte, längst verstorbene Wässerbauern, welche sich gegenseitig ums wasser betrogen, in den Wiesen wässern sehe, Graben auftun, Bretter einschlagen, dann stehen hinter diesem oder jenem Strauch oder Baume, Feuer schlagend und ihr Pfeifchen rauchend. Man denkt dabei nicht an die Sitte der rechten Wässerbauern, die alten, hundertjährigen, währschaften Röcke ihrer Grossväter anzuziehen und uralte Hüte aufzusetzen, da modernes Zeug ins wasser hinaus nicht taugt. So sieht man von ferne allerdings ein uralt, längst zu grab gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantieren, und manche Gestalt mag sich vor der andern fürchten, hinter einen Dornstrauch sich bergen. Ginge man den Gestalten zu leib, würde man ganz bekannte Gesichter sehen, deren Beine noch auf Erden wandeln, aber in den Schuhen der Väter, gehüllt in ihre Röcke, übend ihre Sitten.

Uli sah diese Gestalten in den Gründen. Muss pressieren, dachte er, werden glauben, es gebe ein starkes Gewitter, muss auch profitieren; bin ich nicht daheim, so macht es mir niemand. Er eilte durch einen Boden oder Tal, welches ein stattlicher Bach bewässerte, und wie es schien, gut. Von weitem sah er etwas, nicht weit vom Weg, welches ihm unheimlich vorkam, dass er dachte, er wollte, er wäre schon vorbei. Es glich einem gestutzten ungeheuren Weidenstrunk, und doch war es keiner, denn es schien sich zu bewegen, oder einem kleinen alten Ofenhaus mit russichtem dach, welches auf schwachen Stützen schwankte. Uli ging langsamer. Er hatte noch kein Gespenst gesehen; der Drang, einem zu begegnen, war durchaus nicht gross bei ihm und noch dazu am heiterhellen Tage. Es wäre doch eine strenge Sache, dachte er, wenn man vor ihnen nicht mehr sicher ist, wenn noch die Sonne am Himmel steht. Als er näher kam, schien das Ungetüm zu wachsen, richtete sich auf und stellte sich an eine Wasserschaufel und war anzusehen wie ein Riese aus dem Gebirge oder wie der Rübezahl geschildert wird. Da stunde Uli, einen solchen Wassermann hatte er nie gesehen. Da kam das Ungetüm mit der Schaufel auf der Achsel auf ihn zu, und unter einem Hut hervor, den wahrscheinlich ein Spanier im dreissigjährigen Kriege verloren hatte, rief eine stimme: "Komm nur, komm, fürchte dich nicht, bin kein Gespenst." Es war die stimme des Wirts, seines Freundes, unter dem breiten schwarzen Hut hervor, der seine kolossale Gestalt in einen alten Oberrock seines Vaters, der noch viel kolossaler als er gewesen, gehüllt hatte, so dass er allerdings von weitem anzusehen war wie ein Elefant oder ein Rhinozeros, welches auf den hintern Beinen aufrecht stunde. Es leichtete Uli, er bekannte, dass er wirklich nicht gewusst, wer da so eine Postur mache, ein solcher Grüsel sei ihm noch nie vor, gekommen. "Und wie ist es gegangen?" fragte der Wirt, "hast gewonnen?" Als Uli es bejahte, stimmte der Wirt einen Lobpsalmen an, aber wohlverstanden, auf sich selbst. "Nicht wahr, ich habs gesagt, nicht wahr, es kam besser, dass du mir Gehör gabest als deinem sturmen, auf begehrischen Fraueli; Ja sieh, geirrt habe ich mich in solchen Sachen noch nie, wie ich sagte, ist es noch allemal gegangen. Muss ich einmal auf, hören zu wirten, fange ich an zu agenten, und nicht lange soll es gehen, so will ich alle überwunden haben! Komm jetzt, auf den Schrecken hin wollen wir eins nehmen, es soll dich nichts kosten." Uli dankte, sagte, er müsse pressieren, das Wetter gefalle ihm nicht. Es drohe grausam, und breche es los, so könne es übel gehen, wo es durchfahre. "Komm du nur," sagte der Wirt, "eine Flasche ist bald getrunken. So bald gehts nicht los, und daran machen kannst du nichts, ob du daheim seiest oder nicht; das fährt durch, wo es will. Uns tut es diesmal nichts, zähle darauf, das fährt obenein den Bergen nach."

Neunzehntes Kapitel

Ein ander Gericht und ein einziger Spruch

Uli war es nicht wohl. Gewohnt, dem immer sehr bestimmt ausgesprochenen Willen des Wirts sich zu unterwerfen, ging er wohl hin, erzählte, wie es gegangen, aber was das Mannli ihm gesagt, verschwieg er, das wollte ihm nicht den Hals herauf; hastig trank er den Wein und pressierte weiter, denn schon bewegte sich stark das Laub an den Bäumen wie von unsichtbarer Hand, denn kein Wind bewegte die dicke, heisse Luft. Fernher donnerte es dumpf, fast aneinander, als ob ein schwerer Wagen über eine hölzerne Diele fahre. Wenn es wettern will, eilt der rechte Hausvater heim so stark als möglich, dort ist sein Platz, wie der des Obersten an der Spitze des Regiments, wenn der Feind naht. Man weiss nie, was es geben kann, und beim Hausvater soll der Rat sein in allen Dingen und die Hand zur Tat in allen Fällen. Uli eilte weiter trotz den Versicherungen des Wirtes, er komme ohne Pressieren heim, zu rechter Zeit, und das Wetter ziehe obenein, er solle darauf zählen.

Es war merkwürdig am