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er. Bekanntlich müssen die Richter immer als Sündenböcke der Advokaten vor dem volk paradieren.

Die Nacht vor dem Abspruch konnte er wenig schlafen, er wäre zu einem ziemlichen Opfer bereit gewesen, wenn er den Prozess hätte ungeschehen machen können. "Das soll mir eine Warnung sein," sagte er mehr als einmal halblaut, "ist der mal aus, fange ich mein Lebtag keinen neuen an, wenn es nicht sein muss." Er war früh auf, und Vreneli versäumte ihn nicht mit dem Frühstück, war freundlich, aber vom Prozess redete es nicht. Da war ein wunder Fleck in seinem Herzen, der nicht heilen wollte und schmerzte, so oft er berührt ward. Es war ein heisser, schwüler Sommertag, kurz vor der Ernte; der Roggen beugte bereits seinen philisterhaften rücken und neigte sein Haupt wie ein alter Professor, wenn er sich der Höflichkeit befleisst. Das Korn hatte verblüht, stand keck gradauf wie junge Fähndriche, welche Generale werden möchten. Uli dachte, in acht Tagen muss der Roggen ab, in drei Wochen das Korn, überschlug seinen Ertrag, machte Preise, handelte, dass er darüber fast den Prozess vergass und an Ort und Stelle war, ehe er es sich versah. Es war noch ziemlich stille, die Stunde des Gerichts noch nicht da, und bekanntlich gehören die Advokaten, welche früh zur Stelle sind, entweder zu den Ausnahmen oder zu den Anfängern. Wer des Abends zu viel Wein im mund hat, frägt dem Golde, welches die Morgenstunde im mund hat, nicht mehr viel nach.

Nach und nach trappeten die Parteien an oder fuhren wohl auch, stunden ums Schloss, wo das Gericht sass oder sitzen sollte, oder bewegten sich der Gaststube des Wirtshauses zu, um an einem Schnaps oder einem halben Schoppen Wein sich für die Operationen der Gerechtigkeit zu stärken. Auch seinen Gegner sah Uli herantrappen an einem langen Stock, gelb und mager sah unter dem breiten rand des schwarzen niedern Wollhutes das Gesicht hervor. Der ging nicht dem wirtshaus zu, sondern dem schloss, sah sich erst lange bedächtig um, lehnte sich dann noch lange an seinen Stock, endlich sass er auf eine Bank ab, nachdem er sich sorgfältigst überzeugt hatte, dass er am rechten Orte sei und sich nicht verfehle, wenn er sich da setze.

Endlich, als das Volk sich gehäuft hatte, die übliche Stunde längst geschlagen, kamen sie daher, die Helden des Tages, die Agenten und Fürsprecher, wie Divisionärs und Brigadiers auch erst kommen, wenn die Bataillone aufmarschiert sind und oft schon lange stehen. In wunderlichen Kleidungen, in Kopfbedeckungen von allen Sorten kamen sie dahergefahren, drei kamen sogar geritten. Eben ritterlich sahen sie nicht aus, einer von ihnen sass auf seiner Rosinante wie eine junge Laus auf einem alten Spittler. Wenige Agenten kamen zu Fuss; was ihnen dadurch an Ansehen abging, suchten sie zu er, setzen durch die Majestät, mit welcher sie ihre Pfeife hielten, den Stock handhabten oder den Kopf trugen. Sie alle gingen der inneren stube des Wirtshauses zu, sammelten da ihre Gedanken bei einem Glase Roten oder stärkten ihre stimme mit Schinken oder Braten, stellten sich zuweilen in die Mitteltüre gross und breit und schauten hinaus in des niedern Volkes, welches sich in der Gaststube gesammelt hatte, lautes Gesumme. Mit Schauer und Respekt sah das Volk auf die Helden hin, welche die Gerechtigkeit in den Händen hatten wie der Töpfer den Lehm, um sie zu drehen nach Belieben. "Sieh, dort ist der Meine," sagte einer und wies mit seinem langen Stock auf eine Figur, welche unter offenem Fenster stunde. "Dort der Meine," sagte ein Anderer, zog seinen Hut und machte dem Seinen einen tiefen Bückling mit langem Scharwenzel, doch umsonst, derselbe hatte ein kurzes Gesicht und eben seine Brille in den Händen, um ihr den Morgentau auszuwischen. Ganz verblüfft und verwundert über dieses kalte Benehmen, sagte der Klient: "Das letztemal, als ich bei ihm war, war er nicht da, heim, und hat ihm vielleicht seine Frau vergessen zu sagen, die Fische seien von mir. Ich sagte ihr meinen Namen dreimal, vergessen wird sie ihn doch nicht haben." "Ich bringe nichts mehr," sagte ein Anderer, "sie führen einem die Sache zu stark aus, man weiss nicht mehr, was ihnen recht ist. Letzt, hin brachte ich meinem Fürsprecher zwei Hasen, verflucht brave, da sagte die Frau, sie wolle nur einen, der andere stinke. Sonst hat man geschenkten Rossen nicht ins Maul gesehen."

"Warte hier, muss doch noch ein Wörtlein mit dem Meinen reden," sagte ein Anderer, "und ihn mahnen, dass er nur ja den und den Punkt nicht vergesse und die Satzung, welche darauf sich schickt, es ist die und die. Solche Herren sind oft gar schrecklich vergesslich, besonders wenn sie vom Dischinieren kommen. So einer hat so viel Händel, dass er um den einen oder den andern nicht die Hand umdreht; verliere ich den, he nun so dann, so gewinne ich einen andern, spekuliert er. Unsereiner, der nur einen Handel hat, kann es minder leicht nehmen, gewinnt oder verliert er ihn."

So sieht man Manchen an der Tür sich drehen, um seinem Fürsprecher abzupassen, ihm noch ein vertraut Wort zu sagen, vielleicht mitzuteilen, was man selbst Schlagendes gedacht oder gesinnt. Der