möglich erzogen, gab es ununterbrochenen Streit, begleitet mit einem Geheul, ungefähr wie die Indianer heulen, wenn sie die Hütte eines Blassgesichts überfallen. Zuweilen stürzte in das Geheul mitten hinein scheltend und schreiend ein Weib, schlug drein links und rechts, trug zappelnd und blutend ein Kind von dannen, und hinter ihr her scholl mit verdoppelter Macht das Geheul. Wenn es noch eine Woche so ginge, so liefe es fort, sagte Vreneli, solcher Spektakel sei, so lange die Glungge stehe, nicht erlebt worden. So viel als möglich schloss es seine Kinder ein, denn mit diesen gingen die andern akkurat um, als wenn es junge Katzen wären, welche man plagen und martern dürfe ungestraft.
Endlich kam der Tag, an welchem die gute Mutter begraben werden sollte. Da konnte man sehen, was eine gute Frau zu bedeuten hat in einer Gegend, sie ist, was ein warmer Ofen im harten Winter; jeder, dem es schaurig wird in der kalten Welt, läuft ihm zu, sucht und findet Behagen in seiner Nähe. Gar Viele legten in lauter Wehklage Zeugnis ab, dass sie nackt gewesen, von ihr gekleidet, hungrig und durstig, von ihr gespeiset und getränkt worden. Diese Zeugnisse werden wohl noch ihren alten Wert besitzen; was sie diesen getan, wird der, der einst zu richten kommt die Lebendigen und die Toten, ansehen, als hätte er es empfangen, und hier wird wohl auch die Sühnung liegen von allem, was sie gefehlt in Unwissenheit und allzu grosser Milde. Indessen wem die Klage am tiefsten aus dem Herzen floss, waren doch Joggeli und Vreneli. Joggeli fühlte, dass man seinen Stab und Stütze zu grab trug; ein düsteres Ahnen der Tage, die seiner warteten, beschlich ihn. Schon jahrelang war er immer am Stock gegangen und hatte es sich so angewöhnt, dass er vom Tische zum Bette den Stock zur Hand nahm. Aber viel schwächer als seine Beine war sein Wille, der änderte sich alle Tage und jedes Kind konnte ihn meistern; seine Frau hatte ihn auch gemeistert, aber zu seinem Besten. Solange sie lebte, klagte er dar, über bitterlich, jetzt, da sie tot war, vermisste er dieses Meistern noch viel bitterer; er fühlte, dass er den Halt im Leben verloren. Vreneli ging es fast ebenso; es war ihm, wie es dem Schiffer ist, dem auf wild bewegtem Meere das Ruder entgleitet, der Kahn der Willkür der Wellen preisgegeben ist. Es war ihm wie einem kind, welchem im Marktgetümmel der Mutter leitende Hand entfährt, hin- und hergestossen wird von des Marktes Wellen, umsonst nach der Mutter sieht und schreit.
Das Verschwinden eines Menschen von der Erde ist schauerlich, und Wenige werden, wenn sie an einem offenen grab stehen, diesen Schauer nicht fühlen, sich nicht sagen: "Siehe, so sieht auch die tür aus, durch die du musst zum andern Leben, so sieht dein Grab auch aus, aber wie wird dein und aller Erwachen sein?" So werden die Meisten denken, welche nicht mit besonderer Liebe an die Leiche gefesselt sind. Wo die Liebe recht lebendig ist, da verzehrt sie alle Gedanken, nur der Schmerz des Missens, das Sehnen nach Wiedersehen fluten durch die erregte Seele. Da wird uns klar, wie wir selbst ein Geheimnis sind im Werden und im Sterben, ein Geheimnis, welches kein Sterblicher offenbart, da begreifen wir, dass wir wandeln müssen im Glauben, nicht im Schauen, dass wir nichts sind als ein Hauch des Allmächtigen, aber ein wunderbarer, der kommt und schwindet nach seinem Wohlgefallen. Da fühlen wir, dass alles Wissen und Sagen der Gelehrten Stückwerk ist und ein kindisch Gerede und nichts Kraft und Macht hat in den Schauern des Todes und des Grabes als die Verheissung, dass auferstehen werde in Kraft und Herrlichkeit, was verweslich und in Schwachheit ausgesäet worden.
Wenn einer geht ins bessere Land, entsteht wohl eine Lücke in der Welt, kleiner oder grösser, je nach des Menschen Stand und Bedeutung, aber schnell ist die Lücke zugewachsen in der Welt, schneller noch, als das Gras wächst auf dem grab. Nur die Lücken in den Herzen wachsen nicht zu; wenn sie aufhören zu bluten, blüht ein freundlicher Gedanke auf, schöner, als je Rosen auf einem grab geblüht.
So verschwand auch die Base. Die Arbeit, welche sie noch getan, verrichteten Andere, der Lauf der Welt blieb der gleiche; aber die, welche sie geliebt, vergassen sie nimmer, und lange wird kaum ein Tag vergangen sein, dass ihrer hienieden nicht in Liebe gedacht wurde von denen, denen sie wohl, getan. Sie ruhte im grab im Herrn und darum sicher auch sanft. Desto weniger Ruhe hatte Joggeli. Beide Kinder, oder statt Elisi vielmehr der Baumwollenhändler (denn was fragte Elisi dem Vater und allem Übrigen nach, seit es der Mutter Schätze geerbt!), stritten sich um ihn schrecklich; jeder wollte, er solle zu ihm ziehen, um auf den Händen getragen zu werden, dass sein Fuss an keinen Stein mehr stosse, wie der Teufel es dem Herrn verhiess, als er ihn verleiten wollte, von der Zinne des Tempels zu springen. Hier könne er nicht bleiben, so verlassen, wo niemand zu ihm sehe, ihm begegnen könnte, was da wollte, niemand sich dessen achte. Nun wollte ihn aber jeder zu sich, darüber entbrannte der Streit.