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anständig, ihr hieltet euch still, ihr Hagels Gränne. Was werden die Leute sagen? Höre ich euch noch einmal, so hocke ich euch kehrum aufs Maul, dass ihr das Reden für acht Tage vergesst, zählt darauf!" Die Drohung wirkte; einen zweiundeinenhalben Zentner schweren Wirt auf dem mund haben, ist allerdings ein gewichtig Heftpflaster.

Johannes hätte eigentlich nicht Ursache gehabt, so hart zu reden, sintemalen er ein Zwiegespräch mit seinem Vater führte, freilich etwas leiser, welches die Selige vielleicht ebenso sehr betrübt hätte, wenn ihre Ohren noch offen gewesen wären menschlicher Rede. Aber Gott schliesst den Toten mit den Augen auch die Ohren, er weiss wohl warum. Sie disputierten miteinander, freilich mit Anstand, das heisst ohne Gebrüll; Keiner wollte wegen der Mutter Tod zum pfaffen, das heisst Pfarrer, denn so betiteln reformierte Wirte, eidgenössische Lieutenants, sogenannte Schullehrer und andere Staatsmänner gewöhnlich die Geistlichen, und allgemach geht die Redeweise auch auf Schneider, Schuhmacher, Schreiner, Schinder, Sattler und andere Majestäten des Tages über; ja sogar Schulbuben werden bei Anlass der neuen Sprachlehren in die neuen Sprachweisen eingeübt, begreiflich! Wenn die Hexenmeister des Tages die Kinder nicht alles lehren dürften, was sie wüssten, könnten, wollten, möchten, ja du lieber Gott, da wären sie in einem halben Tage am Ende ihrer Weisheit, und dann was weiter? Nein, da sind sie viel klüger, akkurat wie viele Müller, welche auch nicht meinen, dass sie das Mehl rein geben müssten, sondern Kleien und Spreue noch beilaufen lassen, ja Taubenmist und Hühnerbohnen und was sie irgend vom Mühlstein abkratzen können, denn wer Liebhaber ist von reinem Mehl, kann es, wenn er es rein haben will, selbst auseinandermachen.

Joggeli wollte nicht gehen. Er sei zu krank und angegriffen, sagte er. Johannes sagte, er wisse nicht, wie man dies verrichte, es sei ihm noch nie dazu gekommen, und wenn es nicht sein müsse, gehe er zu keinem pfaffen. Sie wurden rätig, Uli zu senden, aber wohl, Vreneli sagte ihnen, was Ordnung sei. Sein Lebtag hätte es nie gehört, dass man irgendwo solche Dinge durch einen Knecht verrichten lasse, wie man etwa ein Stück Vieh mit einem Knechte zur Metzg schicke. Solches werde durch die nächsten Verwandten verrichtet überall. Nun nehme es ihn es wunder, ob die gute Base es verdient um sie, dass niemand zum Pfarrer wolle, um sie anzugeben. Drüben zanke man sich wegen ihren Kleidern, hier um einen kurzen gang. Es sei himmelschreiend und wunder nehme es ihn es, ob es irgendwo in Heidenlanden ärger zugehen könne. Wenn die Base diese Liebe mitansehen müsste und hören die Worte, welche geredet würden, so würde ihr das Herz zu bluten anfangen, wenn es schon aufgehört habe zu schlagen.

Johannes hatte einen gewissen Respekt vor Vreneli und bequemte sich endlich zu dem gang. Begreiflich trank er erst einen Schoppen oder zwei, ehe er ins Pfarrhaus ging, unter dem Vorwande, mit dem Wirte wegen dem Leichenmahl zu reden, eigentlich aber um sein Herz zu stärken und Courage zu trinken. Es ist kurios mit solchen Menschen; sie scheinen ein Herz von Eichenholz zu haben, einen Mut, welcher den Teufel bei den Hörnern fassen darf, tun gewaltige Reden und zeigen gegen jeden pfaffen die gründlichste Verachtung, renommieren vor ihren Gästen förmlich mit dieser Verachtung und predigen den Satz, wann endlich die Zeit komme, dass man mit solchen Tagdieben abfahre, auf alle mögliche Weise. Aber wenn sie dann mal zum Pfarrer sollen, so wird es ihnen unheimlich und öde ums Herz, sie müssen mühsam die Bruchstücke ihres Mutes zusammensuchen und sie dann erst noch zusammenleimen mit einem oder zwei Schoppen. Sie sagen zwar, es sei ihnen verflucht zuwider, zum Pfaff zu gehen, meinen vielleicht selbst oder machten wenigstens Andern es glauben machen, es sei wegen der Verachtung. Aber es ist durchaus nicht, sondern es ist nichts als Grimmen, Krümmen, Wenden, Aufblähen, welches nach der Sage die bösen Geister dem gegenüber, welcher sie bannen und austreiben will, versuchen. Der böse Geist fühlt, es steht ihm gegenüber eine feindliche Macht, vor welcher er sich beugen, welcher er weichen müsse, wenn sie dazu kommt, sich an ihm zu versuchen. Er bietet daher allem auf, sie nicht an sich kommen zu lassen, sie ferne vom leib zu halten. Er fühlt, es ist da eine Macht, welche gegen ihn berechtigt ist, die er fliehen oder sich ihr unterwerfen muss; er fühlt es aber in unheimlichen Wehen, in peinlichem Regen, zum hellen Bewusstsein kommt es ihm nicht, wie übrigens diese Menschen selten oder nie im hellen Bewusstsein ihrer selbst sind. Dazu mag auch kommen, dass sie das Totenregister nicht gerne sehen, dass sie sich vor dem Gedanken furchten, wie lange es gehen werde, bis wieder einer zum Pfarrer kommt und sagt: "Guten Tag, Herr Pfarrer, muss eine Leiche angeben und (ihren Namen nennend) fragen, wann wir ihn begraben können?"

So ging es Johannes. Der Pfarrer bedauerte während dem Einschreiben den Verlust der guten Frau sehr, sagte viel Gutes von ihr: Der Segen, eine solche Mutter zu haben, sei gross, es sei nur zu wünschen – "Ich werde fertig sein?" fragte Johannes aufstehend. "Die Sache ist eingeschrieben," antwortete der Pfarrer, "ja, und wünschen