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den Ästen, zu dünn im Stamm, zu schwach in der Wurzel werden für das üppige Geäste, welches keinem Sturmwinde widersteht? Der liebe Gott bleibt immer der allerbeste Lehrmeister, darum werden die andern alle Tage um so weniger taugen, weil sie nach den eigenen Köpfen fahren wollen, und zwar jeder nach seiner eigenen, gestern erdachten Metode, statt den alten Lehrmeister zum Vorbilde zu nehmen. Daher wird es denn auch wohl kommen, dass die meisten Kinder dieser Zeit eben nur Lehrplätze sind, so äusserst selten mehr ein Charakter zu finden ist, so selten einer als Mann hält, was er als Kind versprochen, so selten einer erleuchtet stirbt, wie erleuchtet er schon vom sechsten Jahre, das heisst schulpflichtigen Alter an gepriesen wurde. Es ist aber auch wahr, Vreneli hatte mit sich selbst eine harte Arbeit und oft musste es unwillkürlich mit der Hand ans Herz fahren, um es zu halten, dass es nicht zerspringe, musste sich zwingen, mit den Kindern zu reden und zu tändeln, es war ihm, als müsse es seinen Mund verschliessen und seine Rede aussterben lassen, und manchmal wollte ihn es ein wilder, zorniger Geist ergreifen, wollte in seine hände fahren, sie reizen, zu turnieren mit Pfannen und Schüsseln, wollte Glut werfen in seine Seele, um dann als zorniger Feuerstrom zu fahren aus seinem mund in die Schweine hinein, das heisst in Mägde und Knechte, ja manchmal auch über Uli und Kinder. Es musste Vreneli gar heftig kämpfen mit sich selbst, um zu bewahren einen ergebenen Sinn, Ruhe des Gemütes und ein mildes Wort. Manchmal wollte es sich ihm schier nicht geben; es erfuhr, was es heisse: Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht.

Siebzehntes Kapitel

Nach der Angst kommt der Tod

"Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen," so gings auch Vreneli. Vom Brennen hatte es geträumt, hatte seine Kinder in den Flammen gesehen, zu ihnen gewollt und nicht gekonnt, war wie in Ketten und Banden gelegen. Ein heftiges klopfen am Fenster brach den Bann, mit einem Satze war Vreneli mitten im Zimmer, riss die Augen auf, stockfinster war es; ob es geträumt oder nicht, war ihm nicht klar. Da klopfte es noch heftiger; rasch riss es das Fensterchen auf und rief: "Wo brennts?" "Komm geschwind, die Frau will sterben, sie kommt nicht mehr fort mit dem Reden; sie wollte nie machen, was ich angab, drum gehts ihr jetzt so; hätte sie gehorcht, sie hätte es noch lange machen können, so wohl am leib, wie sie war." Es war Joggeli, der so sprach. Ehe er wieder beim Stock war, war Vreneli hinter ihm, vor ihm in der stube und fand die gute Base im Sterben. Nach Tropfen und Salben griff es schnell; die Base tat wohl die Augen auf, tappte nach seiner Hand, strengte sich augenscheinlich an, etwas zu sagen, brachte bloss undeutliche Töne hervor, man wusste nicht, wollte sie Haus oder Geld oder Hand sagen, und wenn man nach diesem oder jenem deutete, schüttelte sie den Kopf und deutete auch, aber man wusste nicht, nach was. Bei allem, was man ihr vorwies oder sagte, schüttelte sie den Kopf, seufzte tief auf, schloss die Augen und öffnete sie hienieden nimmer wieder.

Sie habe die Sache nie zu rechter Zeit sagen können, und man habe eigentlich nie recht gewusst, was sie meine; wenn man geglaubt, jetzt sei es ihr einmal das Rechte, so sei es ihr eben nicht recht gewesen; wenn sie auf ihn gehört, sie lebte noch, aber sie hätte es immer so gehabt; was er gesagt, habe nie etwas bei ihr gegolten. Daneben sei sie eine rechte Frau gewesen, und niemanden sei es übler gegangen als ihm; sie seien an einander gewöhnt gewesen, und so alt, wie er sei, gewöhne man sich nicht mehr gerne anders; da dünke es ihm, sie hätte wohl können ihm zu Gefallen mehr ums Leben tun, das Geld hätte ihn nicht gereut, aber so sei sie immer gewesen, was sie im Kopf gehabt, das hätte man ihr nicht mehr herausgebracht. Das war Joggelis Leichenklage, von welcher indes Vreneli wenig hörte, denn ihm war die Mutter gestorben. Es war, als sei es vom Eckstein seines Daseins weggestossen, schwebe über einem Abgrunde, der unergründlich, unerforschlich seinen Schlund ihm entgegendehne. Doch seinem Schmerze gab es nicht lange ungemessen sich hin. Vreneli hatte sich untertan gemacht der Pflicht; wo Pflicht erschien, gehorchte es ihr mitten in jeder Bewegung, wie der Soldat in allen Lagen, sie mögen heissen wie sie wollen, die Hand an den Tschako, Helm oder Käppi legt, wenn ein Offizier vorübergeht. Dass wir hier nicht von bernerischen Soldaten reden, versteht sichzwar nicht von selbst, sondern sonst!

Vreneli fühlte, dass ihm jetzt hauptsächlich die Besorgung aller Formalitäten oblag, denn Joggeli hatte weder Übersicht des Nötigen noch das schnelle Wort zur Beschickung des Nötigen. Es drückte die Hand aufs Herz, wischte die Augen aus, stunde auf und fragte Joggeli, was er meine, dass jetzt gemacht werden müsse? Eben, sagte er, habe er gedacht, und schluchzte erbärmlich dazu, es sei doch nichts gemacht von seiner Frau selig, dass sie nicht gesagt, wie sie es wünsche; es sei doch sonst überall Gebrauch