, das tat eben Uli nicht, er lief auch dem Urteil der Menge nach, um sich zu trösten; die Summe, welche nach und nach sich aufs Spiel stellte, war nicht unbedeutend, betrug schon mehr als doppelt so viel, als die ganze Kuh wert war. Ulis Agent hatte ihm schon mehr als einmal gesagt: "Wenn du mir etwas Geld auf Abschlag geben könntest, so wäre es mir anständig; es sind böse zeiten, es geht nichts ein, und gewiss, weisst wohl, läuft jede Sache besser gesalbet als ungesalbet. Du gewinnst, dann kriegst alles wieder, es fehlt dir nicht."
Indessen lag alles noch in hängenden Rechten, der Entscheid schob sich immer wieder hinaus. Diese Ungewissheit, dazu der tägliche Verdruss, die harte Arbeit und doch das Nichtvorwärtskönnen zehrten gar mächtig an Uli, er sah aus wie ein Marterbild, und Vreneli bekam recht Angst um sein Leben. Darum konnte es um so geduldiger seine zunehmende Missstimmung, in welcher er selten einem kind mehr ein gutes Wort gab, ertragen. Er hatte von seinem Gelde gekündet, aber es half nicht viel; wenn unten in einer Flasche ein Loch ist, so kann man lange obeneingiessen, die Flasche wird nicht voll. Bin solch Loch war der Prozess. Es lebt selten ein Pächter auf Erden, welcher das Prozedieren ertragen mag, ohne die Auszehrung zu bekommen. Es ist wirklich nicht angenehm, wenn man einen Geldseckel hat, welcher einer halben Sanduhr gleicht, und zwar dem obern Teile, wo das Sand allmählich, aber unaufhaltsam niederrinnt, bis die ganze Büchse leer ist. Nun, an einer Sanduhr macht das nichts; ist es oben leer, kehrt man den untern teil herauf, so ist es oben wieder voll, es ist alles im Alten und das Rinnen beginnt aufs neue. Aber bei einem Geldseckel ist es eben was anders, dem fehlt der untere teil; ist es oben leer, so ist unten auch nichts mehr, da kann man den Geldseckel hundertmal rundum drehen, leer bleibt leer. Man könnte die Vergleichung drehen und sagen, der obere teil der Büchse sei der Klient, der untere der Advokat; was oben wegrinne, laufe dem Andern ins Maul, und so, ja freilich, drehe man das Ganze um, so finde man oben beim Advokaten wieder, was der Klient habe rinnen lassen; die Frage sei nur, ob der Advokat Gegenrecht halten und wieder wolle laufen lassen, was er habe. Aber die Sache ist doch nicht so, denn drehe man lange den Advokaten, in den alles geronnen, obenauf, so ist doch nichts oder wenig mehr in der Büchse. So ein Advokat ist noch lange nicht der untere teil einer Sanduhr, welcher behält, was obeneinkommt, weil er unten kein Loch hat; ein Advokat hat gewöhnlich viele Löcher, wo rasch abrinnt, was oben reinkömmt, dass je mehr hineinkommt, desto mehr unten ausrinnt, so dass wenn man ihn schon lange auf den Kopf stellt, ja schüttelt und rüttelt, nichts mehr unten ausläuft, bis man ihn halt wieder irgendwo unterstellt, Klienten oder fette Ämtchen obenauf.
Es kam Vreneli wirklich oft der Gedanke: Was wartet meiner noch? Die Base stirbt, Uli ist nicht zweg, wo aus das will, ist Gott bekannt; alle Tage tiefer darin und in einem Ghürsch, wo was kriegt, wer betrügt; darf nichts sagen, um die Sache nicht noch schlimmer zu machen; wenn Gott nicht wäre, meines Lebens wüsste ich wahrhaftig keinen Rat. Dieser passive, leidende Verhalt war für Vreneli um so schwerer, da dasselbe, rasch und unternehmend, zur Regentin von Gott geschaffen war. Das ist gar ein eigner Punkt, zu etwas erschaffen scheinen und was anderes sollen, aber eben will uns Gott an schwachen Seiten doktern, das sollten wir fassen; was uns leicht geht und lustig scheint, dazu bedürfen wir keiner Ausbildung, aber da, wo wir nichts sind und nichts können und doch schön wäre, wenn wir es könnten, da müssen wir geschult und angetrieben werden, wenn wir was werden sollen. Die heutigen Schulherren (Schulmeister darf man nicht mehr sagen, denn die Schule ist emanzipiert, und die, denen sie gehört, sind ja deren Herren) und sonstigen Pädagogen sind freilich anderer Meinung, aber von wegen der Erbsünde und einem höhern ewigen Leben sind wir ganz anderer Meinung. Eben was uns sehr schwer geht, fast unmöglich scheint, das müssen wir lernen. Wer zum Eingreifen, ja Einhauen sich geschaffen glaubt, soll oft eben das Dulden, das Zuwarten, das stille Wirken und das geduldige Ertragen Solcher, welche zum Regieren und Befehlen halt nichts taugen, aber es eben lernen sollten, aushalten lernen, ohne sich zu hängen und aus der Haut zu fahren, siehe Exempel dato im Vaterland. Freigebige sollen von Batzenklemmern und Kreuzerschabern (selbst Juden schaben sonst bloss Gold, stocke) die Vorschriften zu gesetzlicher Freigebigkeit sich machen lassen und ihre wohltätige Hand Hochdenselben Kreuzerschabern zu gesetzlicher Verfügung stellen, damit diese freiwillige Almosen aus anderer Leute Sack verwalten lernen, da aus ihren eigenen Säcken nie welche geflossen wären.
So wurde das rüstige, feldherrliche Vreneli nach innen getrieben, zum stillen Ergeben gezwungen, zum Schweigen und Ansichhalten, zum Sammeln und Prüfen der eigenen Gefühle und Gedanken. Aber schadet das was; Schneidet der kundige Gärtner die am üppigsten wachsenden Bäume nicht gerade am meisten und schärfsten zurück, damit sie nicht zu luftig in