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besser als alle Abend vor dem zu Bette Gehen ein Glas Branntewein und brav abführen. So hätte er einstweilen, bis er die Maschine in gang hätte, schon Manchem geholfen, an welchem die geschicktesten Ärzte nichts hätten machen können. So schwatzte Herr Lürlipeterli, und Joggeli sperrte Maul und Nase auf über solche Weisheit, welche in Israel noch nie erhört worden. Seine Frau aber schüttelte den Kopf, wollte keinen Glauben fassen; als der Arzt fort war, sagte sie, eine solche Kuh sei ihr noch nie vor die Augen gekommen, mit dem solle er sie ruhig lassen.

Joggeli war böse darüber, klagte sehr, es wäre seiner Frau noch gut zu helfen, aber sie mache sich so köpfig, dass nichts mit ihr anzufangen sei. Die gute Mutter wusste wohl, dass ihr Übel nicht zu heben, bloss der Verlauf desselben zu erleichtern sei; dafür hatte sie einen Arzt, der freilich weder Hundsschmalz noch Branntwein verordnete. Ihren Kindern hätte sie gerne geholfen, ihnen die Augen aufgetan fürs Zeitliche und Leibliche, auf bessere Wege sie geführt, aber alle ihre Mühe war vergeblich. Die Juden meinten, als Jesus ihnen ein, mal die Wahrheit sagte: "Das sind harte Worte, wer mag sie hören?" und gingen hinter sich. Nun gibt es viele Naturen, welche christliche Worte nicht mehr vertragen mögen, so wenig wie verdorbene Magen tüchtige Speise; Widerwillen und Ekel läuft ihnen im mund zusammen und schüttelt den ganzen Körper. Soll man das Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdünnern, bis sie es ertragen mögen, oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes Namen ? Was versteht Paulus unter der Milch, welche er für Kinder bereite, und darunter, dass er allen alles werde, damit er sie Christo gewinne? Sicherlich nicht ein Verkümmern oder Verleugnen der Wahrheit, denn wer redet Menschen schärfer ins Gewissen als Paulus den Korintern, und frägt er nicht: "Oder suche ich den Menschen gefällig zu sein? Zwar wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht, und so jemand euch ein anderes Evangelium predigt, als ihr es empfangen habt, der sei verflucht"? Mit der Akkommodation wird ein gar schmählich Spiel getrieben. Christus wird aus dem Christentum herausakkommodiert, das Christentum aus den Kirchen, uns dagegen eine Moral eingewässert, in welche jede Regierung, jeder Polizeiminister das Beliebige rührt. Eine Moral in Juristenhänden ist ein Stücklein Wachs in Schneidershänden! Bald rund, bald viereckig, bald so, bald anders wird es geknetet; es ist eine Moral, dass Gott erbarm, ob welcher die Menschen nicht bloss des Teufels werden möchten, sondern wirklich auch des Teufels werden. Es ist eine Staatsmoral, ob welcher sogenannte Staatsmänner leiblich den Hals brechen, und was dann aus ihren armen Seelen wird, ist Gott bekannt.

Dem Baumwollenhändler sagte die Mutter nichts, an dem hatte sie nichts erzogen und wusste wohl, dass man Perlen nicht vor die Säue werfen soll. So einem geschliffenen Schliffel von Religion zu reden, dazu braucht es wirklich schon einen grossen Mut. Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen: Was er auch denke und wo das hinaus solle? Er und seine ganze Familie machten ihr so grossen Kummer. Johannes war nicht ohne Gefühl, die Mutter war ihm immer lieb gewesen; er sagte oft, wenn sein Babi wäre wie die Mutter, er würde einen Finger von der rechten Hand geben. Aber geistige Zusprüche mochte er doch nicht, sie machten ihn wunderlich, sie krabbelten ihm in den Gliedern, er wurde ungeduldig, kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse, dass er lachen musste, wenn es ihm schon nicht ums lachen war. "Mutter, habt nicht Kummer," sagte er dann, "die Sache ist nicht halb so gefährlich, so bös gehen wird es nicht. Braucht das Doktorzeug nur gut, so wird es Euch schon bessern. Es ist schon mancher Mensch krank gewesen und ist wieder besser geworden", und unter irgend einem Vorwande machte er sich von der Mutter weg. Mit Elisi war es aber anders, das war, als ob es ein Herz von Blech hätte; die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es machte ihm weder kalt noch warm, es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon, schimpfte über seinen Mann, hässelte mit den Kindern, plagte die Mutter fürchterlich mit Eifersucht gegen das grosse und das kleine Vreneli, sagte höchstens, sie solle doch aufhören mit ihrem Gestürm, sie mache ihm so Langeweile; dann konnte es wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem Kleidungsstück, sich vor dem Spiegel hin- und her, wenden, und mitten in Hustenanfällen sollte die Mutter ihm sagen, ob es ihm nicht gut stehe, ob es ihr nicht bsonderbar gefalle? So eine Tochter zu haben, die schon Mutter mehrerer Kinder ist, das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette. O Mütter, bedenkts! Und zu der Tochter eine Schwiegertochter, um kein Haar besser und auch wieder mit mehreren Kindern behaftet, das war ein zweites Kreuz und ein nicht minder schweres. Trinette zwar zeigte sich nicht, Kranke besuchen war nicht ihre Liebhaberei, alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen. Es sei doch nichts wüster, sagte sie, als so eine alte Frau, die nichts mehr von neuen Moden wissen wolle und am liebsten ihre fünfzigjährigen Hochzeitskleider trüge. Pfi Tüfel! Einmal sie