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. Man möchte manchmal vor Zorn die Wände auf springen oder vor Wehmut sich die Augen aus dem kopf weinen, wenn man die altertümliche und volkstümliche Balgstreicherei und ihre Folgen sieht: blinden Glauben, narrochtiges Treiben und endliches Verderben.

Wenn man das Obige begriffen hat, so wird man auch begreifen, wie es Vreneli war, dass Uli in diesen Wirbel gezogen wurde. Der gute Uli begriff nicht, was Menschen zu reden und zu tun imstande sind, wenn in ihren Bereich eine Kuh läuft, welche sie hoffen mit Streicheln und Sanfttun dahin zu bringen, dass sie sich melken lässt. Vreneli versuchte mehr als einmal noch, ihn vom Prozesse abzubringen, denn das Mannli liess die Sache nicht liegen, wie man Uli, um ihn trotzig zu machen, vorgespiegelt hatte. Aber das half alles nicht, er hatte einmal jetzt den Glauben nicht zu ihm, sondern zu Andern. Vergebens stellte Vreneli ihm vor, es sei bei dem Prozess nichts zu gewinnen, nur einen kleinen Schaden zu leiden, wenn man den Prozess unterlasse; verliere man denselben aber, so könne der Schaden leicht zehnmal grösser werden, Verdruss und versäuerte Zeit nicht gerechnet. Aber da half alles nichts. "Das verstehst du nicht," hiess es. "Ja, wenn ich reich wäre und vermöchte zu schenken; aber ich muss zum Kreuzer sehen, es sieht mir sonst niemand dazu." Wenn dann Vreneli fragte: "Aber magst du solche Kreuzer? Hast du nie gehört, dass ein ungerechter Kreuzer zehn gerechte frisst? Und recht hat das Mannli, du magst es mir glauben oder nicht!" "Das verstehst du aber nicht," sagte Uli, "das eben wird sich zeigen, wer recht hat, darum prozediert man ja. Wenn man es vorher wüsste, so prozedierte man ja nicht. So ist es, und weiser als alle Leute wirst doch nicht sein wollen." Vreneli musste sich darein ergeben, aber es hielt ihn es hart. "Es wird in Gottes Namen sein müssen. Uli wird eins von den Kindern sein, welche sich brennen müssen, um das Feuer fürchten zu lernen; Gott wird sorgen, dass mit der Zeit die Erfahrung kommt und mit der Erfahrung die Weisheit. Wenn das ist, in Gottes Namen, so prozediere er, und wenn alles drauf muss; wenn nur am Ende die Hauptsache gewonnen wird, so ist alles gut, denn was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele!" So fasste sich Vreneli bestmöglichst, aber schwer; zu diesem Verdruss kam ein Bangen, welches den Verdruss verschlang.

Sechzehntes Kapitel

Es kommt Angst, und über jedes eine andere

Die Base begann stark zu kränkeln und ernstaft, die Füsse liefen ihr auf, der Husten plagte sie, die Nächte waren ohne Schlaf. Das sei eine beginnende Brustwassersucht, sagte der Arzt. Wenn man Fleiss habe, die Mittel gebrauche, hoffe er der Krankheit zuvorzukommen, tröstete er. Die Base schüttelte dazu den Kopf; Mutter und Grossmutter seien ungefähr im gleichen Alter an der gleichen Krankheit gestorben, das Gleiche werde ihr auch warten, sagte sie zum ebenfalls Hoffnung machenden Vreneli. "Es ist nicht, dass ich das Sterben scheue; ach Gott, wie vielem bin ich entronnen, wenn ich einmal im grab ruhe; aber was soll aus den Meinen werden? Da ist meine Sünde, und da werde ich hart gestraft. Was ist sterbenden Eltern der beste Trost? Wenn sie ihre Familie so hinterlassen können wie einen gesunden Baum, der, gesund in Wurzeln und Ästen, langes Leben und ein hohes Alter verspricht, wenn die Kinder so sind, dass man weiss, man kommt einst wieder zusammen. Nun weisst, wie ich es habe, habe keine Hoffnung", und gar bitterlich weinte die Base. "Denn," sagte sie, "ich bin an allem viel selbst schuld. Ich habe gemeint, mit dem Alter komme der Verstand, wo die Kinder dann von selbst einsehen würden, was recht sei. Ich zankte nicht gerne mit Joggeli, der grosse Freude an ihnen hatte, ihnen alles nachliess, dachte, das werde sich später schon machen. Ich liess sie beten, aber ob sie in die Kirche gingen oder nicht, darum kümmerte ich mich nicht; konnte ich doch selbst nicht viel gehen, eine Bäurin hat so viel zu tun! Dachte, man könne sonst fromm sein und recht tun, wenn man schon nicht in die Kirche gehe, man sei ja unterwiesen worden und wisse, was man solle und nicht solle, so dachte ich. Später sah ich, dass ich unrecht gedacht, wollte nachbessern und konnte nicht. Ich mochte sagen, was ich wollte, so hörten sie mich nicht oder begriffen mich nicht, lachten mich endlich gar aus, weil so altväterisches Zeug nicht mehr passe in die heutige Zeit. Von der Welt waren ihre Herzen voll, das hatte ich sorglos zugelassen; als ich später den rechten Samen ausstreuen wollte, hatte er nicht Platz darin, fand den guten Boden nicht, Dornen und Disteln hatten bereits ihn bedeckt. Ihr Trachten war auf die Augenlust, Fleischeslust, die Hoffart des Lebens gestellt; ich konnte lange reden, ich predigte tauben Ohren und predige noch heutzutage tauben Ohren. Was soll aus meinen Kindern, was soll erst aus ihren Kindern werden? Bin froh, es nicht erleben zu müssen, und doch graut mir vor dem Sterben, hätte so gerne noch was für