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ihr Recht, etwas zur Sache zu sagen, in Abrede stellt. Und doch geht es um ihre Sache, geht um der Kinder Sache, und sie soll, stumm wie ein fisch, den Esel fuhrwerken lassen je nach der Lust und der Bosheit einiger Spottbuben, welche die Sache bloss so weit angeht wie einbrechende Diebe eine Geldkiste. Das ist wirklich ein hart Ding und besonders für eine Frau, welche glaubt, einen gescheuten Mann geheiratet zu haben, einen Ausbund; der wird auf einmal rappelköpfig, sturm am Hirn, viel ärger, als wenn ein Ross den Koller hat. Wenn sie wirklich aus der Haut fahren täte, es könnte ihr es niemand verübeln; aber was ist erst erlaubt, wenn diese Richtung des Mannes in einem bestimmten Fall klar hervortritt, wenn er an den äussern Rändern des Wirbels schwebt?

Uli verstand von Recht und Gesetz, Formen, Terminen, Kosten usw. gar nichts; er war in diesem Gebiete einem Wanderer gleich, der in stockfinsterer Nacht in einem Urwalde tappet. Wer das erfahren hat, weiss, wie man da dran ist. Wenn nun so ein stockdummer Mensch noch einen stockblinden Glauben hat zu irgend einem der Propheten, welche Lügen predigen, welche der Teufel angestellt hat, die Leute ins Unglück zu reiten, wie ein Stallmeister Stalljungen hat, um die Pferde in die Schwemme zu reiten, so kann man sich etwas davon denken, wie es geht; aber um es so recht zu wissen, muss man solche Leute selbst reden gehört haben, so aus blosser Phantasie, en téorie, kann man sich dies doch nicht vorstellen. Sie sind akkurat wie Kinder, welchen man die Buchstaben A B C zeigt. Das Lernen des A B C beruht auf dem Glauben, denn dass die wunderlichen Striche diesen und jenen laut repräsentieren, müssen die Kinder glauben, und wenn sie einmal durch Zucht dazu gebracht sind, dass sie wissen, welches Zeichen den grossen A bedeutet, so drücken sie mit ungeheurem Nachdruck den Zeigefinger oder Daumen auf den grossen A und schreien gewaltiglich "A" und dünken sich gross absonderlich. Mit Zeit und Weile lernen sie auch B und C kennen, daran glauben, kommen vielleicht noch weiter, dünken sich alle Tage grösser und schreien alle Zeichen gewaltiger; aber den Zusammenhang der Zeichen kennen sie noch nicht, und wenn man ihnen denselben schon zeigt, so begreifen sie ihn nicht. Deswegen dünken sie sich nicht minder gross, sondern eben desto grösser. Von einem Zusammenhang der Buchstaben wissen sie nichts, dar, um scheint es ihnen lächerlich; sie wissen, was sie können, und können, was sie wissen, darum scheinen sie sich so wichtig, und wer was mehr weiss, scheint ihnen dumm oder schlecht.

Nun, so ein Uli, der einen Prozess anfängt und sein Lebtag kein Gesetzbuch gesehen hat, geschweige gelesen, der ist akkurat so ein ABC-Bub, der eine neue Fibel oder Namenbuch, wie wir hier sagen, unter dem arme hat und zur Mutter läuft mit grossem Geschrei: "Mutter, Mutter, das grosse A, wo ist es, wo das grosse A?" Zeigt ihm die Mutter das grosse A, so schreit er wochenlang "A, A," tut wie ein Elefant in den ersten Hosen. Kriegt der Uli einen Prozess unter den Arm, so läuft er damit zu den Gelehrten, diese sagen: "A heisst A, und auf das A folgt das B, das kann nicht fehlen, punktum, hier steht es geschrieben, siehst? Der Prozess ist gewonnen, ich nähme es nicht zum voraus, wenn man mir es schon geben wollte." Das glaubt nun der Uli steif und fest und bildet sich ein, ein Rechtsgelehrter zu sein, weil er das A auswendig weiss und etwas vom B kennt; wer ihm Zweifel äussert, der hält es nicht mit ihm, mag ihm sein Glück nicht gönnen, ist ein Lumpenhund und meint es mit dem Gegner gut. Es ist ein förmlicher Fanatismus in diesem Glauben, und je blinder und beschränkter er ist, desto leidenschaftlicher, unduldsamer äussert er sich. Wenn so ein Uli könnte, er würde jeden köpfen oder gar hängen lassen, welcher den geringsten Zweifel schimmern lassen würde, als hätte er den besten Handel von der Welt. So ein Uli würde immer so stark verfahren als ehemals der Grossinquisitor von Spanien oder die ehemaligen Ketzerriecher und Ketzerrichter in Deutschland. Die Eintönigkeit, wo kein anderer Ton mehr anklingt, die Wut, wenn doch ein anderer zu den Ohren tönet, werden nie aussterben im Menschengeschlechte und zutage treten allemal, wenn man der Katze lange genug den Balg gestrichen hat. Die Erfahrung machte nicht bloss Vreneli, die Erfahrung macht man dato im ganzen Schweizerlande. Was dabei noch sehr merkwürdig ist, ist die Festigkeit des Glaubens, wenn er sich einmal gehörig an eine person geheftet hat. Wie der Tiroler zum Beispiel an seine Amulette glaubte, welche hieb- und schussfest machen sollten, und daran glaubte, so oft er auch verwundet wurde, indem er allemal einer besonderen Ursache oder eigener Schuld die Zulassung der Wunde zuschrieb, wie man einen Schatzgräbertoren siebenmal prellen konnte und zum achtenmal doch noch Glauben fand, gerade so hat es so ein zum Prozess angedrehter Uli. Es gibt Leute, welche durch rechtskundige Spitzbuben um ihr ganzes Vermögen gekommen sind und dennoch an die Spitzbuben glauben, und wenn sie wieder zum Vermögen kämen, wieder durch sie sich darum bringen liessen