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auf der die Blitze seines Meisters hin und her zuckten. Hiob, mit einem schmerzlich-süssen Lächeln, säuselte hinter den beiden her wie ein milder Westwind. Gern wäre ich den dreien mit dem Auge gefolgt, um zuzuschauen, wie sie schwatzend, nickend und händeschüttelnd von Tisch zu Tisch zogen; aber sie verschwanden bald im Gewühle, und ich verfügte mich daher zurück an meinen Platz. – Es freute mich nicht wenig, dort meine alten Tafelgenossen, den Österreicher und den Preussen, wiederzufinden. Der letztere war soeben, nach unsäglichen Anstrengungen, mit seiner Torte eingetroffen, und der Schwarz-weisse und der Schwarz-rot-goldne schickten sich auch sofort an, ihre Beute in vollkommener deutscher Einigkeit zu teilen.

Polen wurde nicht gewissenhafter geteilt als diese Torte. Man bot mir natürlich sofort an, dass ich die Rolle Russlands bei der Teilung übernehmen und der Dritte in dem schönen Bunde sein solle. Ich verweigerte dies aber, mehr aus innerlichen als aus politischen Gründen, indem ich versicherte, dass mir die geschichte zu schwer im Magen liegen dürfte.

"Dahinten", setzte ich hinzu, "befindet sich aber ein Mann, der mich gerne remplacieren wird. Er ist ein Westfale und deshalb nicht viel besser als ein Kosake. Der Mann liebt die Torten über alles. Sollen wir ihn nicht einladen?" – "Allerdings!" rief der Preusse, und "Ich halte es sogar für sehr nötig, ihn hinzuzuziehen!" bemerkte der Österreicher. Da erhob ich mich, um meinen hungrigen Zerberus herbeizuschleifen. Aber ach, ich hatte kaum zwei Schritte getan, da nahte unser Freund schon ungerufen. Sein Kopf glühte von Wein, Zorn und Gesundheit; er bemerkte mich gar nicht, denn steif war sein Auge auf die Torte gerichtet. Mit einem schmunzelnden Lächeln schmiegte sich der westfälische Russe zwischen Österreicher und Preusse; ich winkte sofort, dass dies der rechte Mann sei, und keine Minute verstrich, da waren sie auch schon am Fressen nach Herzenslust, alle drei, und die hübschen Verzierungen des armen Kuchens brachen knisternd zusammen.

Als ich aber die drei so glücklich essen sah und als mir bei der Torte, Gott weiss wie, plötzlich das arme Polen in den Sinn kam, da fing es an, mir in den Adern zu sieden und zu kochen. Hat denn der allmächtige Bäcker, der grosse Schöpfer, diese hübsche Torte, dieses schöne Polen nur deshalb geschaffen, damit ihr mit Gabeln und Messern, mit Kartätschen und Schrappnells darüber herfallen sollt, um alles ineinanderzuschlagen und um es für ewig zu vertilgen? Mein Herz pochte rascher. Und als der vielfrässig-absolutistische, der westfälische Russe und als der konstitutionelle Preusse und der etwas demokratischere Österreicher sich nun erhoben, um wieder auf irgendeine Lumperei anzustossenda griff ich nach meinem Glase, und "Es lebe die Republik!" rief ich, dass es bis hinauf unter die Decke des Gürzenich klang – –

Ich hatte nicht mehr die Zeit, um nach dem Eindruck zu sehen, den mein unerhörter Frevel auf die Teiler der Torte hervorbringen musste, denn in demselben Augenblick, wo ich mit der Rechten den Römer erhob und wo das verhängnisvolle Wort meinen Lippen entfloh, fühlte ich meine nach hinten fahrende Linke von eiserner Faust gefasst, und entsetzt wandte ich mich um.

Zeus Kronion, der grosse Gagern, stand vor mir.

Auf seiner Wanderung durch den Saal war er mit seinem Gefolge auch zu unserm Tisch gekommenjawohl, Zeus hatte mich gefasst mit eigner Faust. Kalt lief mir's über den rücken. Jetzt geht's dir schlecht. Wie Jupiter der Erste den Prometeus an den Kaukasus schmieden liess, damit ihm ein Geier die Leber aushacke, so wird jetzt Jupiter der Zweite, der edle Gagern, dich an den Domkranen hängen, damit die dummen Konstitutionellen ihre schlechten Witze über dich reissen! – Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf flog. Ja, baumeln wirst du da oben, schon in aller Herrgottsfrühe, und alle deine Feinde werden kommen und lachen über dich. Da wird der Herr Inkermann kommen und rufen: Seht, dort hängt der Kerl, der über meine Verse gespottet hat; und da wird Herr von Soiron herbeieilen und schreien: Seht, das ist der Schurke, welcher sagte, ich sähe aus wie ein Kutscher; und der Herr Venedei wird gelaufen kommen und jauchzen: Seht, das ist die Lästerzunge, die mich einen Dulder und einen Hiob nannte; und der Herr Müller wird herzuspringen und lamentieren: Seht, das ist der Mensch, der nicht einmal meinen ehrlichen Namen zufriedenlassen konnte! Und so werden sie alle miteinander erscheinen und sticheln und spötteln und werden mir sogar noch die Weiber unter die Augen setzen, damit ich sie immer sehe, ohne sie je küssen zu könnendass Gott erbarm!

Doch erst dann wird es mir gelb und grün werden vor den Augen, ja erst dann wird mir der Angstschweiss ausbrechen aus allen Poren, und erst dann werde ich wünschen, dass ich in dem Mittelpunkt der Erde sässe, sicher und verborgen wie ein antediluvianischer Hamster: wenn nun endlich der schlimmste meiner Ankläger erscheint, wenn "sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd" ein junger elegantgekleideter Herr auf mich losschreitet, ja, wenn derselbe Fremdling naht, der am Morgen des Domfestes die verhängnisvolle Zeitung kaufte, um sie so rasch auseinanderzufalten, um sie so erschrocken mit dem blick zu durchfliegen – – denn zornig werden seine Augen funkeln,