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aber Dreck ist kein Geld! –, es verlangt mich nach jener Torte – –"

Das Antlitz des Armen überflog eine sichtbare Bangigkeit. Er sah, wie von der andern Seite noch ein zweiter Aspirant auf die reizende Torte lossteuerte; ein Mann, der sich etwas verschämt, wie es Liebende sind, rechts und links umschaute, um sich davon zu überzeugen, dass ihn auch niemand in dem allgemeinen Wirrwarr bemerke. Es war die höchste Zeit, den Raub zu vollbringen. Den Westfalen stach es wie mit tausend Nadeln, er rückte hin und her, und immer flehentlicher und immer bittender leuchteten seine unschuldigen Augen.

Da konnte ich nicht länger widerstehen; ich wandte mich seitwärts, und schon hatte ich die Hand nach der Heissersehnten ausgestreckt, da kam mir plötzlich der gewandtere Nebenbuhler des armen Westfalen zuvor, ich erkannte in meinem Gegner meinen frühern Nachbar, den preussischen Deputierten, den Ritter von der Teltower Rübe, und ich wäre fast vor lachen gestorben, als ich ihn mit einer wahrhaft teuflischen Geschwindigkeit samt der eroberten Torte davonrennen sah.

Der arme Westfale sank aber wie eine geknickte Blume zusammen; er röchelte in seine Serviette hinein, und "Geld ist Dreck, aber Dreck ist kein Geld!" schien er noch einmal zu seufzen, da machte ich mich aus dem Staube, denn ich fürchtete den gerechten Zorn des Mannes, ich glaube, er hätte mich getötet mit Messer und Gabel und mich selbst gefressen statt der verhängnisvollsten aller Torten.

Meine Aufmerksamkeit wurde nach der andern Seite des Saales gelenkt, wo sich ein eigentümliches Getöse erhob, das mein musikalisches Gefühl aufs empfindlichste verletzte und mich ebensosehr an die Menagerie eines van Aken als an jenes Grunzen und Brummen erinnerte, welches man nachts um die zwölfte Stunde wohl aus den Bierhäusern deutscher Hochschulen schallen hört.

Ich sah mich erstaunt und unwillig um und bemerkte zu meinem nicht geringen Leidwesen einen ehrenwerten Vizepräsidenten, der sich mit Händen und Füssen und mit einem nicht zu verachtenden Bierbass nochmals Gehör zu verschaffen suchte, um sehr wahrscheinlich aufs neue zu erklären, dass er ein einfacher Mann sei und nur ein einfaches Wort zu reden habe, recht aus dem Herzen, von allgemeiner Brüderlichkeit, durch sämtliche Gaue des deutschen Vaterlandes, bis an die äussersten Grenzen. Der bekannte Redner winkte in derselben Weise mit den Händen, wie es die Droschkenkutscher bei schlechtem Wetter tun, wenn sie die Vorübergehenden zum Besteigen des Wagens einladen.

Aber ach, die hohe Versammlung wollte sich nicht zum zweiten Male verleiten lassen. Vergebens trampelte, winkte und schrie Sanchomit wahrhaft deutscher Unhöflichkeit blieb man auf seinen Sitzen oder eilte an dem guten mann vorüber, so dass Sancho zuletzt auf die Ehre des Wortes verzichtete und seinem Herrn und Meister das Feld überliess. Herr von Gagern machte indes keine Anstalt zu einem abermaligen Vortrag, nein, er sammelte nur einige Deputierte um sich und stieg wie Zeus, umgeben von seinen Olympiern, von der für die Fürsten und die auserlesenen Abgeordneten reservierten Erhöhung hinab in die Reihen des patriotischen Volkes.

Es war ein imposanter Anblick. Voran der edle Gagern, in der ganzen gesunden Fülle seiner irdischen Erhabenheit. Hinter ihm eine nicht weniger bemerkenswerte Figur, einem Apollo ähnlich, der am Herunterkommen istdem die ambrosischen Locken anfangen auszufallen, der aber noch immer Anmut und Manneswürde verrät in gang und Gebärde. Ich fragte den ersten besten Nachbar, ob er den bedeutenden Herrn kenne. "Das ist der Herr Müller!" antwortete er mir mit besonderem Nachdruck, und ich muss mich schämen, ich hätte beinah gelacht.

Kann es ein grösseres Unglück für jemanden, der berühmt werden willund von jedem ehrenwerten Deputierten kann man doch gewiss erwarten, dass er wenigstens in etwa den verwerflichen Durst nach Ruhm besitzt –, kann es, sage ich, etwas Schlimmeres für einen solchen Ruhmdurstigen geben, als wenn er Müller heisst, wenn er gerade den Namen trägt, unter dem schon so viele ausgezeichnete Männer bekannt sind, dass man den einen oft nicht mehr von dem andern zu unterscheiden weiss und den Wald nicht mehr vor lauter Bäumen sieht? Müller! Müller! ein solcher Name ist entsetzlich; von der Geburt an hat einem schon das Schicksal einen Strich durch die Rechnung gemacht! Gibt es nicht schon einen Johannes Müller, einen Wilhelm Müller, ja, sogar einen Wolfgang Müller?

Was sollen wir noch mit einem neuen Müller anfangen? Armer Herr Müller!

Ausser Herrn Müller gewahrte man indes auch noch einen dritten Versammelten, der es für seine Pflicht hielt, sich zu den übrigen Gästen herabzulassen. Es war dies der stille Dulder, es war dies der Mann, der achtzehn Jahre lang für die deutsche Freiheit "gedarbet" hat, es war derselbe Mann, dem die Republik nur über den Leib, über die Leiche geht und der so sehr von der glorreichen Zukunft Deutschlands überzeugt ist, dass er schon jetzt die Kaperprämien für unsre zukünftigen Admiräle bestimmt haben willes war, mit einem Worte, niemand anders als der Hiob der Nationalversammlung, es war der herrliche Dulder Jacobus Venedei.

Zeus, Müller und Hiob schritten von Tisch zu Tisch, und es verstand sich von selbst, dass alle Kehlen jubelten und alle Römer klirrten.

Heiterkeit tronte auf Kronions Stirn. Er hatte die Donnerkeile seiner Rede in die Taschen des schwarzen Fracks gesteckt und spielte nur leicht mit dem unschädlichen Wetterleuchten seines unerforschlichen Geistes. Müller suchte seinem Gotte durch eine freundlich-würdige Gelassenheit den rechten Hintergrund zu geben; er war gewissermassen die schöne Abendwolke,