"hat man auf die Erfüllung meines schönsten Jugendtraumes, auf ein einiges und starkes Deutschland angestossen. Ich lade Sie jetzt ein, auch auf das Wohl der Werkleute am Baue dieses einigen Deutschlands zu trinken – es leben die anwesenden und abwesenden Mitglieder der Nationalversammlung in Frankfurt!"
Der Erzherzog Reichsverweser folgte wieder Se. Majestät mit einem Toaste auf das Wohlsein der Stadt Köln. Die stotternde Beredsamkeit des verwitterten Mannes war rührend komisch. Der alte Fürst und die alte Stadt – sie grüssten einander wie zwei graue Kirchtürme. Es war, als ob der Domkranen und der Turm der Stephanskirche sich umarmt hätten.
Unter den übrigen Rednern fiel mir noch von Soiron, der Vizepräsident aus Frankfurt, auf. Ich muss den Mann schon früher einmal gesehen haben. In Brüssel, in Liverpool, in Hamburg – ich weiss es nicht. Aber ich möchte darauf wetten, dass ich ihn schon einmal auf einem Droschkenbock sah; ja wahrhaftig, ich will mich hängen lassen, Herr v. Soiron war schon einmal Droschkenkutscher! Ist das nicht derselbe Kutscherbart, dieselbe Kutscherwürde, dasselbe Kutscherpatos? Was für eine Nummer hatten Sie, Herr Soiron?
"Hohe Versammlung!" begann Sancho-Soiron. "Gönnen Sie einem einfachen mann ein einfaches Wort, ein Wort, das aus dem Herzen kommt. Reichen wir uns die hände durch alle Gaue des deutschen Vaterlandes, auf dass Brüderlichkeit zwischen uns herrsche bis an die äussersten Grenzen. Hoch lebe die Brüderlichkeit des deutschen Volkes!"
Kann ein patriotischer Kutscher besser sprechen? Hohe Versammlung – einfacher Mann – Händereichen des deutschen Vaterlandes – äusserste Grenzen – es lebe die Brüderlichkeit. Wunderschön! Es lebe Sancho, der einfache Mann! –
Nachdem noch der Erzbischof von Köln den Segen über die Eintracht der Völker und Fürsten ausgesprochen hatte, sprach auch noch der kölnische Deputierte Franz Raveaux, der Mann mit dem melancholischen Schnurrbart, der nicht so berühmt ist wie der Kölner Dom, der fast so bekannt ist wie der kölnische Karneval und der jedenfalls die Unsterblichkeit mit der Eau de Cologne teilen wird. Die Heroen des Tages hatten indes geredet, das Gürzenich-Bankett ging seinem Ende entgegen; der König und der Reichsverweser verliessen den Saal, und mein Österreicher rückte in dem Studium des Speisezettels bis zu den Salatbohnen, zu dem gefüllten Geflügel und zu dem Nationalgerichte des "Wandsbeker Boten" vor.
Ich muss gestehen, ich war erschöpft vom Anhören so vieler köstlicher Toaste. Ich hatte meinen Platz verlassen und war hart an die Erhöhung des Saales getreten, um recht in der nächsten Nähe in dem Anblick der grössten Männer unsres Jahrhunderts schwelgen zu können. Gott weiss, wie lange ich dort festgebannt worden wäre, wenn nicht plötzlich ein ziemlich wohlbeleibter Mann meine Schulter berührt und mich im reinsten westfälischen Dialekt darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ich ihm durch meine Stellung die Aussicht nach einer höchst einladenden Torte versperre, die bei dem allgemeinen Redeentusiasmus bisher unberücksichtigt geblieben war. Der würdige Dombaudeputierte, der von Hamm, Soest, Dortmund oder von irgendeiner andern sabbatstillen Stadt der roten Erde nach Köln gekommen war, um sich einmal recht am Wein, am Gebet und am Patriotismus zu letzen, schien mir fest entschlossen zu sein, den hohen Eintrittspreis des Festmahles gewissenhaft herausfressen zu wollen. Der ehrenwerte Mann kümmerte sich wenig um den Erzherzog Reichsverweser, um Herrn von Gagern und den päpstlichen Nuntius – er liess der Weltgeschichte ihren Lauf und beschäftigte sich mehr mit den praktischen Interessen des Hungers und des Durstes.
"Wollten Sie mir nicht die Aussicht nach jener Torte gewähren?" fragte mich der gute Westfale mit dem Ausdruck der höchsten Freundlichkeit. Ich merkte die leidenschaftlichen Gelüste des alten Knaben, denn während er mich anredete, sah er nicht auf mich, sondern immer nach der Stelle hin, wo die herzerfreuende Torte stand. "Mit dem grössten Vergnügen!" erwiderte ich ihm und stemmte meine Faust in die Seite, so dass der Westfale, wie man durch das Bingerloch nach dem Rheingau oder durch den Rolandsbogen nach dem Siebengebirge blickt, so durch meinen gekrümmten Arm hindurch nach dem Gegenstand aller seiner Wünsche schauen konnte. Der Westfale schien zu glauben, dass ich seine tiefern Absichten nicht verstanden hätte; er sah mich daher mit seinen grossen blauen Augen ziemlich stier an, als wollte er mich fragen, ob ich denn nicht die Sprüche Salomonis kenne, wo da geschrieben steht, dass man dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden soll? – Ich blieb aber unerbittlich. "Lieber Herr, wollten Sie mir nicht gefälligst die Aussicht nach jener Torte gewähren?" fragte da der Sohn der roten Erde zum zweiten Male, und ein Gemisch von Wollust und Melancholie spielte um seinen sehr grossen Mund. Die Leiden des armen Mannes rührten mich. "Mit dem grössten Vergnügen!" rief ich abermals. "Sie scheinen nicht gut sehen zu können – wollen Sie sich meiner Lorgnette bedienen?"
Während mein rechter Arm seine frühere gekrümmte Position beibehielt, reichte ich ihm mit der linken Hand die Lorgnette über den Tisch hinüber. Der Westfale stutzte. Sie müssen entweder ein sehr dummer oder ein höchst impertinenter Mensch sein – schien der unglückliche Sehnsüchtige zu denken. Da ermannte er sich und sprach zum dritten Male mit einer so bittenden, wehmütigen stimme, dass es einen Stein hätte erweichen können: "Sehr verehrter Herr, hätten Sie nicht die grosse Gewogenheit, mir die Aussicht nach jener Torte gefälligst zu gewähren? Ich habe 1 Taler 20 Silbergroschen für mein Billett bezahlt – Geld ist Dreck,