, und ich konnte erst wieder recht herzlich lachen, als ich auf der Erhöhung des gewaltigen Raumes, an derselben Stelle, wo ich seinerzeit als Don Quijote meiner Dulcinea nachjagte, den edlen Gagern hinter der deutschen Einheit herlaufen sah und den Sancho Soiron erblickte, wie er seinem berühmten Ritter im purzelnden Eselstrab zu folgen strebte.
Das Spasshafte dieser Erscheinung tröstete mich in etwas; ich überzeugte mich davon, dass wenigstens noch nicht aller Humor aus der Welt verschwunden ist, und da gerade an die Stelle des Heringssalates einige höchst einladende Salme auf die Tafel schwammen, so bemächtigte ich mich, nicht ohne Lebensgefahr, eines Kuvertes und drückte mich zwischen einige unbekannte Versammelte und stammelte mein Tischgebet. Wie immer betete ich aus dem Homer, in Hexametern:
"Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das
Brot auf
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten
Vorrat.
Und ich erhob die hände zum lecker bereiteten
Mahle."
Mit den Gerichten und dem lecker bereiteten Mahle muss ich indes meine Leser erst noch genauer bekannt machen. Die speisen sind keineswegs eine Nebensache bei einem Essen. Wie meine Leser wissen, folgte dem Heringssalat der Salm. Aber das war noch keineswegs alles. Ich greife daher zu dem Küchenzettel, den jeder Gast in Gross-Folio-Format neben seinem Teller fand und den ich wohlweislich mit nach haus nahm, um mich noch nachträglich davon zu überzeugen, ob ich auch gewissenhaft das ganze Verzeichnis durchgekaut hatte. Ich tat dies zu meiner besonderen Beruhigung. Der Speisezettel heisst aber treu kopiert wie folgt: Das Ganze ist umringt von Arabesken und allegorischen Figuren: ein Küfer, ein unentzifferbares Wesen, ein Kerl mit einem höchst christlich-germanischen gesicht mit dem Reichsadler und viertens ein dito mit dem preussischen Adler.
Ich kann es mir nicht versagen, noch die Bemerkung hinzuzufügen, dass die guten deutschen Blätter und namentlich die "Kölnische Zeitung" in ihren sonst so reichhaltigen und schön stilisierten Berichten über die Festlichkeiten dieses Dokument nicht mit aufgeführt haben. Die Gründe zu dieser Weglassung habe ich beim besten Willen nicht ermitteln können, soviel ich aber höre, soll keine böswillige Absicht dabei zugrunde gelegen haben, was natürlich auch nicht anders zu erwarten war.
Nachdem ich den Speisezettel aufs sorgfältigste studiert und meinem Salm – dem fisch, nicht dem Fürsten Salm – mit Messer und Gabel angekündigt hatte, dass seine letzte Stunde gekommen sei, schaute ich mich zum ersten Male nach meinen Nachbarn um. Lauter fremde Gesichter, alle in ihre Atzung vertieft. Es ist traurig, wenn man unter 1200 Menschen sitzt und sich mit niemandem unterhalten soll. Man kommt sich wie ein Zellengefangener vor. Ich schüttete daher meinem Nebenmanne ein Glas Champagner über den Arm, um mich dann bei ihm aufs untertänigste zu entschuldigen und auf diese Weise die Konversation zu beginnen.
Der gute Mann schien Lebensart zu haben, denn er ging in die Falle und teilte mir sofort mit, dass er ein Österreicher sei und der Frankfurter Nationalversammlung angehöre. "Ich bin ganz entzückt darüber", bemerkte er, "dass Sie unsern Erzherzog so freundlich empfangen haben. Das hat mir in der Seele wohlgetan. Ich werde die Artigkeiten der Kölner nicht genug zu loben wissen. Einen solchen Entusiasmus und ein solches Hurrarufen habe ich selten gehört – man empfing den Erzherzog Reichsverweser fast günstiger wie Se. Majestät den König –"
Das Gespräch wurde mir zu ernstaft: "Verzeihen Sie, mein Herr – Sie irren sich; der Luftschiffer Coxwell, der bei der Ankunft des Reichsverwesers über Köln emporstieg und der daher den ganzen Empfang aus der Vogelperspektive oder sozusagen von einem höhern Standpunkt aus betrachtete, hat mir versichert, dass die Feier viel zu wünschen übriggelassen habe; die Sonne habe nicht einmal geschienen, es sei das hässlichste Regenwetter gewesen" – der Österreicher sah mich verwundert an. "Aber jedenfalls", fuhr ich fort, "haben wir uns sehr über den Reichsverweser gefreut; wir glaubten eine Geissel Gottes zu bekommen, und wir fanden einen alten freundlichen Mann, der im schäbigen Röckchen, mit weisser Weste und mit entblösstem haupt in unsere Stadt einzog, ein trauliches Märchen aus alter Zeit – aber haben Sie Ihren Speisezettel schon einmal durchgesehen?"
Der Österreicher sah auf seine Gross-Folio-Liste: "Den italienischen Salade haben wir genossen." Allen Irrtümern vorzubeugen, zog er indes noch einen Bleistift aus der Westentasche und machte ein Kreuz vor die betreffende Speise. "Ist dieser Salat nicht so vortrefflich, als ob ihn Radetzky selbst angemengt hätte?" Der Österreicher blickte mich zum zweiten Male sehr erstaunt an. "Den Salat", begann er aufs neue, "und den Salm verstehe ich schon, auch der Westerwalder Ochsen-rücken ist mir bekannt, aber bitte, sagen Sie mir doch, was verstehen Sie unter dem Festlied von Inkermann – es steht mitten unter den speisen, es wird ein Gericht sein?"
"Allerdings! ein politisches Gericht, ein echt germanisches Ragout, in drei Versen oder Schüsseln." – "Soll mich wundern", versetzte der wissbegierige Mann, "dann kommen westfälische Schinken und Salatbohnen; wiederum zwei unzweideutige Dinge; ferner aber: Preiset die Reben?"
"Dies ist eine höchst poetische Ente mit einer Weinsauce und Trüffeln." – "Was Sie sagen!" rief der Österreicher und leckte die Finger. "Dann haben wir gefülltes Geflügel und Wildpasteten; darüber kann kein Zweifel sein; beides zwei auserlesene Sachen. Aber schliesslich wieder: Bekränzt mit Laub – was ist das?