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Rand einer Treppe ein fliegender Buchhändler Posto gefasst. Wenig kehrten sich die vorüberstürzenden Fremden an den armen Gesellen. Da rollte plötzlich eine brillante Karosse hart an der Treppe vorüber; der Junge erhebt seine Bilder und Zeitungen, und "Fortsetzung von Schnapphahnski! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski!" schreit er, und der Wagen hält, und empor richtet sich ein eleganter, hübscher Mann, der sich über den Wagenschlag hinaus in die Strasse biegt.

Das Wort "Schnapphahnski" scheint ihn zum Stutzen gebracht zu haben; rasch greift er in die tasche und wirft dem frohen Buchhändler ein Geldstück in den Hut; noch hastiger streckt er die Hand nach der gekauften Zeitung aus, und wie er das Blatt auseinanderfaltet und hinunter auf den Titel des Feuilleton blickt, da schrickt er zusammen undaber die Rosse schlagen schon wieder aufs Pflaster, und der Wagen rollt weiter, und verschwunden ist der schöne Fremde, und "Fortsetzung von Schnapphahnski! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski!" beginnt der Junge von neuem, und tönend verliert sich sein Ruf in dem Getöse der Gassen.

In den Kölner Strassen wurde an jenem Tage die "Neue Rheinische Zeitung" verkauft. Als Feuilletonaufsatz entielt sie ein Kapitel aus dem "Leben und den Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski".

XXII

Der Gürzenich

Es ist ein ergreifendes Schauspiel, wenn der Vesuv seine roten Feuerblöcke in die tiefblaue See wirft; es ist ein erhabener Anblick, wenn die Lawine von den Alpen hinab in das Tal rollt, und es muss grossartig aussehn, wenn der Niagara seinem Bette entgegenschäumtaber noch viel ergreifender, erhabener und grossartiger ist es, wenn auf dem Gürzenich-Saal der heiligen Stadt Köln zwölfhundert hungrige Gäste zur Feier des Dombaus über einen Heringssalat herfallen. Ich habe in meinem Leben nichts Imposanteres gesehen. Unvergesslich wird mir diese Szene bleiben. Als ein Mann, der den Dom und den Heringssalat liebt, hatte ich mir für schweres Geld auf dem Sekretariate des Zentral-Dombau-Vereins eine Festmahlkarte gekauft. Ich habe nie eine Portion Heringssalat teurer und mit mehr Vergnügen gezahlt als diesmal; ich bin sogar einen halben Tag lang dahinter hergelaufen, und wäre Herr Schnitzler nicht ein so überaus artiger Mann, ich liefe nochund alles um eine Portion Heringssalat! Man sollte sagen, dass ich den schrecklichsten Katzenjammer haben müsste.

Aber wie meine Leser wissen, war dem nicht so. Ich hatte den ganzen Morgen mit meinem beschränkten Untertanenhumor an den Pforten des Domes gestanden und mich mehr des wohlfeilen Regenwassers als des kostspieligen Weines erfreut. Endlich war der Reichsverweser und der König erschienen, endlich hatte ich beide bewundert, und endlich konnte ich nass wie ein Pudel nach haus gehen, um für das bevorstehende Diner Toilette zu machen.

Schön wie ein Gott und hungrig wie ein Wolf trat ich in den Saal. Schon auf der Schwelle hätte ich vor Erstaunen fast einen Purzelbaum geschlagen. War das der Gürzenich? O seltsame Ändrung!

Ach, ich kenne den Gürzenich aus meinen Jugendjahren, aus jener Zeit, wo ich in der Sternengasse nicht weit von dem berühmten haus wohnte, von dem mir einst ein todernster Kölner erzählte, dass der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und dass die Mediceische Venus darin gestorben sei! – Ach, damals hatte ich noch meine fünf Sinne beieinander und hielt es für meine Pflicht, jedesmal um die Karnevalszeit Schulden zu machen und meine Uhr zu verkaufen, um hinter dem rücken meiner alten, grausamen Freunde die schönste Maske zu machen, welche je durch die Strassen der heiligen Stadt Köln sprang. Hab ich nicht einmal den Don Quijote gespielt, in gelben Stiefeln, in schwarzer Trikotose, den Panzer vor der Brust, den Spitzenkragen um den Hals, das Barbierbecken auf dem kopf und den fürchterlichen Speer in der Rechten?

Zog nicht mein Sancho hinter mir her, mit weltkugelrundem Bauche, in ländlicher Tracht, und forderte ich nicht auf dem Gürzenich wenigstens ein Schock der holdseligsten Dulcineen zum Tanze heraus, bis mir zuletzt die Beine unterm leib fortliefen und bis ich, einer blassen Leiche ähnlich, an die Brust meines mir ewig teuern und unvergesslichen, damals als Bär verkleideten Freundes Klütsch sank?

Oh, wie hatte sich alles geändert! In demselben saal, in dem ich früher nur der heiligen Stadt Köln vortrefflichste Narren in buntem Gemisch durcheinanderwogen sah, in demselben Freudensaale erblickte ich jetzt an unendlich langen Tischen, ach Gott, der Politik geweihte Köpfe, Deputierte aus Hessen, aus Österreich, aus Schwaben, aus Bayern, aus Ungarn, aus Oldenburg, und mitten zwischen ihnen nichts als kohlschwarze Pastöre, Geheimräte, Kaufleute und andere nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaftich glaubte weinen zu müssen.

Aus den Deckenfeldern des Saales, aus denen früher Rosen und Reben nickten, schauten jetzt grimmige schwarze Reichsadler; an den Säulen, die früher die ausgezeichnetsten Geckenköpfe schmückten, hingen jetzt die Wappenschilde der verschiedenen deutschen Staaten, und an den Wänden des Saales hiess es statt "Es leben alle Narren!" – "Ein einiges Deutschland" und statt "Allen wohl und Keinem weh!" – "Eintracht und Ausdauer".

Eine unendliche Wehmut erfasste mich; ich fühlte zum ersten Male, dass die leidige Revolution, und noch dazu eine Revolution, die die guten Kölner gar nicht einmal gemacht haben, uns um allen Spass zu bringen droht. Durch die Reihen der Tische, an den unheimlich unverständlich redenden Volksvertretern schritt ich so traurig vorüber, wie vielleicht der Geist eines alten verkommenen Griechengottes an den glattgerittenen Bänken einer protestantischen Kirche vorüberspukt