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Seele des irrenden Ritters. In der Stille des Gemaches, in dem Lärm der Gassen hat er keine Rast und keine Ruh. – O die Bedienten des Grafen S.! O die verfluchten Lakaien aus O.! Die Jahre sind geschwunden, und glücklich würde Schnapphahnski seinsitzt er nicht endlich mit den Männern des Jahrhunderts auf ein und derselben Bank? lauscht nicht ein ganzes Volk seinen tönenden Worten? Aber ach, will er sich seines Schicksals freuen, da zuckt er, da schrickt er zusammen, denn sieh, durch das Wogen der Versammlung, über die Köpfe seiner Bewundrer schaut es plötzlich wie ein Gesicht aus O., wie ein Bedienter des Grafen S. – und tief verhüllt der edle Ritter sein erbleichendes Antlitz.

II

Troppau

Zu den Eigenschaften eines Ritters ohne Furcht und Tadel gehört nicht nur ein kleiner Fuss, eine weisse Hand, ein kohlschwarzer Schnurrbart, ein herausforderndes Profil, eine halbe Million, ein Dutzend Liebschaftennein, auch ein Duell.

Ein glücklich überstandenes Duell verleiht dem Menschen einen eigentümlichen Reiz. Ich rate einem jeden, sich wenigstens einmal in seinem Leben auf 14 Schritt mit Pistolen zu schiessen. Das ist eine herrliche Sache. Die Frauen werden ihm artiger und die Männer werden ihm höflicher entgegenkommen. Man weiss, er hat seine Sporen verdient, er hat den Kugeln getrotzt, er hat sich als Mann gezeigtkann man den Frauen ein grösseres Vergnügen machen, als wenn man ihnen beweist, dass man ein Mann ist?

So auch dachte der Ritter Schnapphahnski, als er nach seinem unsterblich schönen Abenteuer mit der Gräfin S. wohlweislich den Weg zwischen die Beine nahm und sich auf eine unglaublich schnelle Weise aus dem Staube machte. Halte Gott vor Augen und im Herzen! heisst es in der Bibel. Halte die Lakaien des Grafen S. vor Augen und im Herzen! summte es in die Ohren Schnapphahnskis. Er sah ein, dass ihm in Schlesien weder Rosen noch Lorbeeren, sondern nur Hasel- und Heinebüchenstöcke spriessen würden, dass er in der Gegend von O. nie auf einen grünen Zweig kommen, sondern dass die grünen Zweige oder vielmehr die grünen Prügel nur auf ihn herunterkommen würden, und er zweifelte aus diesem grund daran, dass er es länger als Freiwilliger des 4. (braunen) Husarenregiments in O. aushalten könne, und, mit einem Worte, der edle Ritter entfernte sich, Schnapphahnski nahm reissaus.

Ach! Noch so jung und doch schon so unglücklich! Der edle Ritter hätte über sich selbst weinen mögen. Aber was war gegen das hässlich-unerbittliche Schicksal zu machen? Der allmächtige Schöpfer himmels und der Erden kann das Geschehene nicht ungeschehen machen; selbst der Kaiser Nikolaus ist ohnmächtig in diesem Punkte ... Schnapphahnski begriff, dass er die schöne Gräfin S. keck entführt und dass er sie feige verlassen hatte. Die Schande stand über seinem Leben so offenbar, wie die Sonne leuchtend über der Welt steht, und es handelte sich nur noch darum, wie man diese Sonne der Schmach am besten in den undurchdringlichsten blauen Dunst der Lüge verstecken könnte.

Ein Mann wie Schnapphahnski, wenn er eine Flasche Champagner getrunken, drei Zigarren geraucht und sich sechsmal verliebt im Spiegel angesehen hat, ist nie um eine erbauliche, glaubhafte Lüge verlegen.

Der edle Ritter war keineswegs ein solcher Narr, dass er schon von vornherein an seinem erfinderischen haupt verzweifelte. "Bin ich nicht Schnapphahnski, ein Mann wie ein Engel?" rief er, den jugendlichen Schnurrbart streichend und das ganze Firmament messend mit den flammenden Blicken. Unser Ritter hatte recht. Gewandt und hübsch machte er aus dem Abenteuer mit der Gräfin S. die schönste Duellgeschichte, eine geschichte, so verwickelt, so verteufelt verzwickt, dass zuletzt niemand mehr daraus klug wurdedie Lakaien des Grafen S. ausgenommen. Die überstandene Gefahr eines erlogenen, aber nichtsdestoweniger frech ausposaunten Duells sollte die nackte Schmach eines feigen Entrinnens in etwa verhüllen. Die Welt sollte glauben, dass der edle Ritter unglücklich geliebt und dass er sich furchtbar geschossen habemit einem Worte, Schnapphahnski tat alles, was ein ehrlicher Mann tun kann, um aus einer schlechten Sache eine brillante Historie zu machen, und keck stürzte er sich wieder in den Strudel der vornehmen Weltnatürlich eben nicht in der Nähe der Lakaien des Grafen S.

Mit ihrem Erfinder reiste auch die Fabel in die Welt hinein, und wie sie von Mund zu mund ging, da nahm sie natürlich auch an Abenteuerlichkeit zu, so dass unser Schnapphahnski nach kaum einem Vierteljahre schon weit und breit als einer der wütendsten Raufbolde, als einer der schrecklichsten Duellanten seiner Zeit bekannt war.

Unser Ritter war glücklich; aber ach, er hatte vergessen, dass es nichts Gefährlicheres auf Erden gibt als Ruhm. Unberühmte Leute können die besten Gedichte machen, die schlechtesten Prozesse gewinnen und die ausgezeichnetsten Reden halten: man verzeiht ihnen das alles; aber wehe dir, wenn du ein bekanntes Haupt bist, da passt man dir auf die Finger, und du magst dich drehen und wenden, wie du willst, es sitzt dir irgendein Teufelskind im Nacken und erinnert dich daran, dass du ein sehr sterblicher und vergänglicher Mann bist.

Der edle Ritter Schnapphahnski fand sein Teufelskind, den Kobold seines Lebens, in einem gewissen Grafen, in einem mann, der zeit seines Lebens die Menschen lieber lebendig als tot frass, lieber mit Haut und Haar als gestooft oder abgekocht, lieber roh und ohne alle Zutat als mit Essig, Öl