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darüber gerissen werden. Ein Kölner ist mit seinem alten holprigen Köln so liebend verwachsen wie ein Grossvater mit seinem Schlafrock. Ein humoristischer Grossvater und ein humoristischer Schlafrock. Ein Kölner ist ganz unglücklich, wenn er nicht ausser seinem Karneval jedes Jahr wenigstens zwei oder drei recht gründliche Feste in seinen Mauern feiert. Ein Musikfest, der Empfang eines hohen Geistlichen oder eines Künstlers, eine Erinnerungsfeier vergangener Herrlichkeit, ein politisches fest, die Ankunft des neuen Weissen, ein Bockessen usw., man ist wahrhaftig nicht verlegen um irgendeinen denkwürdigen Gegenstand. Für alle möglichen Feierlichkeiten ist man vorbereitet. Wenigstens zwei- oder dreimal im Jahre läutet man zu irgendeiner Feier mit allen Glocken und mit allen Römergläsern; wenigstens zwei- oder dreimal schiesst man aus Kanonen und Böllern und lässt Raketen aufsteigen und steckt die Giebel der Häuser voll Fahnen und schmückt die Türen mit Eichenlaub und die eignen rücken mit Sonntagsröcken; wenigstens zweioder dreimal öffnet man die Kirchen, damit alle Welt die lieblichen Heiligenbilder sehe, und lässt die Wirtshäuser wagenweit offenstehen, damit jeder Fremde sich davon überzeuge, wie die Kölner so fromme und so lustige Leute sind; wenigstens zwei- oder dreimal lässt man die Lokalgrössen ihre wundervollsten Reden halten, die Mädchen und Frauen ihre schönsten Kleider spazierenführen, alle Stadtmusikanten zu irgendeinem stillen Vergnügen ihre Waldhörner blasen, und zwei- oder dreimal im Jahre lässt man den alten Gürzenich bis in seine basaltenen Grundfesten zittern von dem Tanz oder dem Gelage seiner heitersten Bürger. So war es bisher, und so wird es in Zukunft sein; der Feste wird es geben in Köln, solange Gross-Martin und der Bayenturm in den Rhein schauen und solange über dem Rhein das alte Banner weht mit den drei Kronen und den elf Funken und den Farben Weiss und Rot, die gewissermassen das Sinnbild des vielen weissen und roten Weines sind, der in Köln getrunken wird.

So mit Erinnerungen spielend und zitternd vor Nässe und süsser Erwartung, mochte ich eine halbe Stunde im furchtbarsten Gedränge gestanden haben, da entstand vor der tür des Domes eine unruhige Bewegung; die Mäuler flüsterten, die Hälse reckten sich, die Regenschirme wurden geschlossen, und Federbüsche und lange Schnurrbärte und kriegerische Figuren nickten in den Domhof hinaus.

Voran der Erzherzog Reichsverweser und der König von Preussen. Der Reichsverweser ist ein kleiner alter Mann mit gutmütigem gesicht und mit grossem kahlem Schädel. In der Tat, dieser ernste Schädel hängt über dem freundlichen Antlitz wie ein Gletscher über einem friedlichen Alpentale. Der alte Herr nahm sich ganz liebenswürdig in dem grauen Soldatenmäntelchen aus; nach der frommen Hitze des Domes schien es ihn in der feuchten Aussenwelt zu frösteln; er hielt die Krempe des Mantels fest aneinander und trippelte vorsichtig über die glatten Steine. Wenn ich nicht den tiefsten Respekt vor dem Reichsverweser hätte, so glaube ich, dass mir das lachen näher gewesen wäre als das Weinen. Es ist nämlich ein Fehler meiner Einbildungskraft, dass ich mir einen Kaiser oder einen Reichsverweser noch immer wenigstens 7 Fuss hoch denke, mit furchtbaren Lenden, breiter Brust, schrecklichem Bartemit einem Worte, ein Kaiser musste meiner Meinung nach ein Eisenfresser sein, ein Mann, der bei jedem Ritt ein oder zwei Hengste zuschanden reitet, der die Türken lebendig frisst und, allezeit Mehrer des Reiches, mit einem Säbel über das Pflaster rasselt, bei dem einem alle Schrecken des Jüngsten Gerichtes einfallen. Wie freute ich mich daher, als ich das friedliche Antlitz des alten Johann erblickte. Es wurde mir ganz familiär zumute, ich würde den Hut vom kopf gerissen und ihn bewillkommend geschwenkt haben, wenn nicht meine hände in den Taschen gesessen hätten und dergestalt von meinen schaulustigen Nachbarn zusammengepresst worden wären, dass nur eine Herzensregung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte und an ein Schwingen des Hutes vollends gar nicht zu denken war.

Se. Majestät den König von Preussen kannte ich schon von früher. Er ist noch immer derselbe wohlaussehende Mann mit den jugendlich roten Wangen und dem pfiffigen Lächeln. Manche meiner Nachbarn behaupteten freilich, er sei etwas mager geworden, man sähe Spuren der sorge und der Betrübnis in seinen Zügen und sein Auge strahle nicht mehr so volksvertrauend wie früher – –

Ich muss gestehen, ich halte diese Ansicht für grundfalsch. Ich habe noch nie eine so heitere Majestät gesehenund ist nicht alle Ursache dazu vorhanden, geht nicht alles nach Wunsch? "Es lebe der König!" rief ich, und ich mässigte erst meinen jubel, als einige alte Generäle mit grausenerregenden Gesichtern den beiden Fürsten auf dem fuss folgten und mich mit so komischen Augen ansahen, als merkten sie trotz meiner loyalen Jubelausbrüche einigen Unrat und als wollten sie sagen: "Kerl, du bist doch ein Kryptorepublikaner, und der Teufel soll dich holen!" – – Da sassen die Fürsten in der Tiefe des schützenden Wagens, und hinter ihnen her wogte das Volk, lange Gymnasiasten und duftende Hofräte, Flegel vom land und gebildete Städter, Soldaten und Handwerker, Gemüseweiber und Taschendiebe, und in dem steinernen Laubgewinde des Domes fingen die Glocken an zu brummen und zu summen gleich riesigen Käfern in den Zweigen einer Linde, und unter lachen und Fluchen, unter Boxen, Beten, Grunzen und Hurrarufen stürzte der Strom der Menge in die Gassen hinunter, dass man seinen besten Feinden auf die Hühneraugen trat und an den Wänden der Häuser hinaufzufliegen meinte vor lauter Lust und Begeisterung.

Wer weiss, wie weit ich mit fortgerissen wäre, wenn nicht ein seltsames Ereignis meine Schritte aufgehalten hätte. An einer der nächsten Strassenecken hatte nämlich auf dem