In wenigen Worten wirst du z.B. bei irgendeiner Debatte auseinandersetzen, wie es eigentlich gar nicht vonnöten sei, so vielen herrlichen Reden noch die deine folgen zu lassen, und wie nur die Wichtigkeit des vorliegenden Gegenstandes dich zu einigen einfachen Bemerkungen veranlassen könne – einfache Bemerkungen, die sich durch zwei oder drei Stunden hinwinden. Kurz und bündig ziehst du dann die Grenzen deiner etwaigen Rede – um natürlich nie innerhalb dieser Grenzen zu bleiben, sondern abzuschweifen und dich über Spanien und Portugal zu ergehen, über die Heilige Allianz zu sprechen und über die Not der arbeitenden Klasse, über deine Zuneigung zu Don Carlos und über englische Wettrennen und über alles, nur nicht über das, was ursprünglich zum Ziele gesteckt wurde.
Bist du mit deiner Exposition fertig, so gibst du dich an die Argumentation und argumentierst mit Händen und Füssen, bis es deinen Zuhörern gelb und grün vor den Augen wird, ja, bis sie zu gähnen anfangen aus reinem Erstaunen vor deiner entsetzlichen Gelehrsamkeit. Dann aber brichst du plötzlich ab und rüstest dich zu der ersten Attacke auf deine Gegner, ein Übergang, der nie seine wirkung verfehlt, der die Einschlafenden emporrüttelt und sie unwillkürlich in einen neuen Strom deiner Beredsamkeit hineinreisst. Mit Keulen schlägst du anfangs um dich, mit dem Morgenstern echt adliger Unverschämteit; dann ziehst du den krummen Säbel des Humors, und zuletzt spielst du mit dem Dolche des Witzes, der spitz die Herzen trifft und tötet, wo bisher nur verwundet wurde.
Schrecken, lachen und lustige Tränen folgen deinen Worten – doch da änderst du plötzlich deinen Ton, und wie du bisher als gewandter Gladiator deinen Gegenstand tief im Staube behandeltest: so schwingst du dich jetzt auf das stolze, hochtrabende Schlachtross des Patos und galoppierst zermalmend über die Kadaver deiner Feinde, die Posaune des Sieges an die Lippen drückend, um unter dem kaum verhaltenen jubel der Versammlung in wenigen mystischen Worten den Schluss zu sprechen, wo die Stenographen sich den Schweiss von der Stirn trocknen, und das Haus "is ringing wit cheers for several minutes". Schnapphahnski sprach's. Er ging hin, und wenn er auch kein Montalembert wurde, kein Larochejaquelin, kein Lamartine, kein Guizot, kein Tiers, kein Redner des Unterhauses oder des Oberhauses, so wurde er wenigstens – – nun, was wurde er denn?
XXI
Das Domfest
Über die zeiten des Vereinigten Landtags und der Revolution setzen wir uns rasch hinweg und springen mitten in die heilige Stadt Köln, wo eben der Dom am 14. August 1848 seinen sechshundertjährigen Geburtstag feiert.
Grosse Erinnerungen liess dies Ereignis zurück und manchen erhabenen Schnupfen. In der Tat, die Kölner konnten sagen, dass sie für ihren König zwar nicht ins Feuer gegangen seien, wohl aber ins wasser.
Gab es je ein trefflicheres Regenwetter als das, welches den Tag verherrlichte, wo der Protektor des Doms, König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, und der Erzherzog Reichsverweser die riesige Säulenhalle gemeinschaftlich besuchten? In die konstitutionellen Könige der Erde vertieft, hatte das Volk die absoluten Monarchen des himmels vergessen, den Wolkenversammler Zeus, der, ärgerlich darüber, plötzlich seine Schleusen öffnete und die gottvergessene Menge in so nachdrücklicher Weise von aller Unsauberkeit reinigte, dass wirklich an den meisten Menschen kein einziger sündhafter Zoll mehr zu waschen übrigblieb.
Man muss gestehen, das Schicksal hat den Göttern nicht nur den Nektar gegeben, sondern auch das Regenwasser, und das letztere in so grosser Menge, dass es ihnen eben nicht darauf ankommt, sich gerade dann ihres Überflusses zu entledigen, wenn die armen trocknen Menschenkinder des Befeuchtens am allerwenigsten bedürfen.
Leider sollte ich dem berühmten Festregen der Dombautage eben nicht aus einem sichern Versteck zusehen.
Tollkühn genug hatte ich mich gerade vor das Portal des Domes gepflanzt, fest entschlossen, meinen Posten zu behaupten, denn ich sollte ja auf drei Schritt den Reichsverweser sehen und den König – ich muss gestehen, ich befand mich in einer eigentümlich schwarz-weiss und schwarz-rot-golden gemischten Stimmung. Der Regen floss hinab; ich stand wie eine Mauer. Ich habe da zum ersten Male für einen König gelitten; ich bin stolz darauf. Ich wartete eine halbe Stunde, im Regen nämlich. Ein Verliebter kann nur so töricht sein oder jemand, der einen König sehen will. Weder der König noch der Reichsverweser wollte indes aus dem Dome hinaus ins Freie treten.
So gequält von banger Erwartung und gepeitscht vom Regen, legte ich mich auf den süssen Zeitvertreib des Gedankenspiels. Ist der König von Preussen nicht wirklich ein vortrefflicher König? Ja wahrhaftig, er ist es! Wenn je ein Fürst rücksichtsvoll und artig mit einer Stadt verfuhr, so war es Friedrich Wilhelm. War ich nicht selbst dabei, als ihm die guten Kölner in ihrer Naivität einst zur Karnevalszeit eine bunte Schellenkappe überreichten? Gott weiss, wie man zu dieser Kühnheit kam! Ein Nero oder ein Tiberius würde uns gleich haben köpfen lassen – Friedrich Wilhelm nahm die Narrenkappe aber lächelnd entgegen, und seit der Zeit bin ich fest davon überzeugt, dass er ein geistreicher Mann und kein Nero ist –
Die kölnischen Funken setzen ihre Schellenkappen eigentlich nie ab, das ganze Jahr hindurch klingelt es ihnen in den Ohren wie Römergeklirr und "O Jerum! O Jerum!" Man ist verraten und verkauft, wenn man mit diesen Leuten in ernster Weise anbinden will. Der Spass ist der Grundzug ihres Charakters, und dieser Spass kitzelt sie auch bei jeder gelegenheit, die ganze Welt existiert nur für sie, damit Spässe