Ritters gewinnen inzwischen auch ein so allgemeines Interesse, dass wir ihm wirklich unsre ausschliessliche Aufmerksamkeit schuldig sind.
Nach der bei der Herzogin gemachten Eroberung, nach der italienischen Reise und nach der Wiedererlangung einer Stellung in der Berliner Gesellschaft beginnt nämlich, wie wir bereits bemerkten, die politische Laufbahn unsres Helden.
Schnapphahnski: Politiker! Sollte es möglich sein! Aber unser Held ist zu allem fähig. Deswegen auch zur Politik.
Die ewig denkwürdige Epoche der ProvinzialLandtage mit ihren grossen Erfolgen, der Emanzipation der Nachtigallen usw., ging zu Ende. Das Patent des 3. Februar 1847 erschien, und am 11. April eröffnete Se. Majestät der König von Preussen mit einer Rede "ohnegleichen", "ohne Beispiel" den Vereinigten Landtag.
Es verstand sich von selbst, dass der politische Ehrgeiz aller gesellschaftlichen Klassen durch dieses Ereignis in die lebendigste Bewegung geriet, und es konnte nicht ausbleiben, dass auch unser Ritter, von diesem Fieber angesteckt, das Bedürfnis fühlte, dem vaterland einmal als grosser Mann gegenüberzutreten.
Die Herzogin hatte unsern Helden oft darauf aufmerksam gemacht, dass er sich à tout prix in die Politik hineinstürzen müsse. Die Krautjunkerei pure et simple, die der Ritter bisher trieb, konnte natürlich der ausgezeichneten Dame wenig gefallen. Sie war geistreich genug, um zu begreifen, dass die kompakte, hausbackene Liebe erst dann ihren rechten Reiz erhält, wenn sie mit den "strong emotions" des öffentlichen Lebens Hand in Hand geht. Einen Krautjunker zu umarmen, einen harmlosen schönen Wasserpolakken, dessen Abenteuer, so wunderlich sie auch sein mochten, doch keineswegs den Horizont des schon oft Dagewesenen passierten: konnte ihr unmöglich auf die Dauer genügen.
Die Herzogin war zu sehr an den Umgang mit weltgeschichtlichen Persönlichkeiten gewöhnt, als dass sie nicht in unserm Ritter ausser dem bel homme auch noch den Politiker, den Staatsmann, den Redner zu umfangen gewünscht hätte. Ihre in diesem Sinne gemachten Andeutungen waren denn auch unserm Helden nicht entgangen, und wenn ihn schon seine eigne Eitelkeit zu einer politischen Karriere trieb, so sah er schliesslich nur einen doppelten Nutzen, wenn er daran dachte, dass ihn auch der geringste Erfolg immer vorteilhafter mit der Herzogin verbinden würde.
Du willst als Staatsmann auftreten – sagte Schnapphahnski daher eines Morgens zu sich selbst, indem er den Kopf auf die Hand stützte –, eh bien! – und er besann sich auf alles, was er je von berühmten Rednern gehört, gesehen und gelesen hatte. Die Alten lagen unserm Helden zu fern. Ein Römer und Schnapphahnski – – der Ritter fühlte, dass er nie ein Römer werden würde.
Ohne weiteres wandte er sich daher der neuen Zeit zu, und gewiss würde er sich der Heroen der Konstituante und des Konvents erinnert haben, wenn er nicht bei dem Gedanken an diese "blutdürstigen Ungeheuer" ein solches Herzklopfen bekommen hätte, dass er sich schleunigst der allerneuesten Zeit zuwandte – – da war unser Ritter zu haus! Denn bis in die kleinsten Details hinein war ihm das parlamentarische Leben der Franzosen und Briten gegenwärtig.
Sollst du ein Montalembert werden, hinreissend durch Beredsamkeit, imponierend durch altadlige Kühnheit und unterjochend durch jene mystisch-katolischen Wendungen, die wie ein riesiger Trauerflor seiner Rede nachwallen? Oder ein Larochejaquelin, lebendig, auf seinem Tema reitend wie auf geflügeltem Rosse, frech und herausfordernd, sarkastisch-witzig und erobernd durch die ritterliche Keckheit eines ungebändigten Edelmanns? Oder sollst du Lamartine nachahmen, bald vornehm durch die Nase sprechen und bald in blumenreichen Redensarten dich ergiessen, von der Vorsehung säuseln und durch den Namen Gottes Effekt zu machen suchen; ja, historische und literarische Reminiszenzen auskramen und deine Zuhörer mit dir fortziehen in das rosenduftende Paradies der Rhetorik, wo da wenige praktische Wege und Stege sind, aber desto mehr weiche Mooshügel, Palmen, Trauerweiden und ähnliche wohlfeile dichterische Gegenstände? Oder sollst du dir den Herrn Guizot zum Muster nehmen, den kalten, tugendhaften Mann, oder gar den kleinen betörenden Tiers, der sich wie eine Schlange auf die Tribüne hinaufwindet und so allerliebst von allem spricht, was er weiss und was er nicht weiss – –? Unser Ritter wurde immer tiefsinniger.
Aber auch die Geister des britischen Parlaments stiegen vor unserem Helden herauf. Sollst du dich naiv ausdrücken wie der alte Wellington? Sollst du den Rufer im Streit, den Lord Stanlei spielen? Sollst du dich Lord Campbell nähern und behaupten, du seist ein grosser Rechtsgelehrter? Oder sollst du dir gar Henry, den unvergleichlichen Lord Brougham, zum Vorbild nehmen? Das wäre eine Rolle!
Ja, und im Unterhaus, wen nimmst du dir da zum Muster? Sollst du, ein Sir Robert Peel, in weisser Weste und im blauen Frack vor deine Zuhörer treten, jetzt die Rechte feierlich erhebend und jetzt rasselnd die grüne Papierdose schlagend? Oder sollst du wüten wie Roebuck, der ewige Krakeeler, oder die Interessen der Torys vertreten wie ein Lord George oder ein Ferrand? O göttlicher Lord George, der du aus dem Jockei-Klub kamst und im Parlamente dich erhobst als der Erste deiner Partei, oh, wenn ich dir nicht gleichen kann, so lass mich wenigstens deinem Freunde Disraeli ähnlich sehen, wenn er im Wirbelwinde der Beredsamkeit seine Feinde zu Boden wirft, ihren alten Ruhm entwurzelnd und tabula rasa machend mit ihrem ganzen Einfluss.
Was sind die Lorbeeren der Literatur, was die Lorbeeren des Schlachtfeldes gegen die Lorbeeren der Tribüne!
Staunen soll man, wenn ich mich einst erhebe! Schnapphahnski, o Schnapphahnski! was steht dir bevor!